Atomausstieg verschoben: Föderalregierung will Laufzeit der zwei jüngsten Reaktoren um zehn Jahre verlängern

Die Föderalregierung hat beschlossen, den für 2025 geplanten Atomausstieg um zehn Jahre zu verschieben. Die Entscheidung fiel am Freitagabend nach stundenlangen Beratungen.

Atomkraftwerk Tihange (Archivbild: Nicolas Maeterlinck/Belga)

Atomkraftwerk Tihange (Archivbild: Nicolas Maeterlinck/Belga)

Vor dem Hintergrund der drastisch gestiegenen Energiepreise und dem Krieg in der Ukraine hat die Föderalregierung beschlossen, den für 2025 geplanten Atomausstieg um zehn Jahre zu verschieben. Von den sieben belgischen Reaktoren sollen die zwei jüngsten bis 2035 am Netz bleiben: Doel 4 bei Antwerpen und Tihange 3 bei Lüttich. Außerdem werden zwei neue Gasanlagen gebaut, um die Energieversorgung langfristig zu sichern.

Die grünen Mehrheitsparteien Ecolo und Groen hatten als Gegenleistung für ihre Zustimmung zu dem Plan gefordert, dass die Regierung acht Milliarden Euro in den Ausbau erneuerbarer Energien investiert. Vereinbart wurden am Freitag 1,2 Milliarden Euro. Die föderale Energieministerin Tinne Van der Straeten (Groen) ist dennoch zufrieden mit dem Kompromiss, der von allen getragen werde. Das sei nach 20 Jahren Hin und Her beim Thema Atomausstieg ein politischer Meilenstein.

Durch die Entscheidung der Föderalregierung hat die Energieministerin nun ein Mandat, um mit dem französischen Betreiber der belgischen Kernreaktoren, Engie, über die Laufzeitverlängerung zu verhandeln. Neben Engie muss aber auch noch mit der Europäischen Kommission verhandelt werden und muss in Belgien die gesetzliche Grundlage für den Atomausstieg angepasst werden.

Da das Offenhalten der beiden Reaktoren aber nicht reicht, um Belgiens Energiebedarf zu decken, hat die Föderalregierung auch beschlossen, dass das Energiedefizit über den sogenannten Kapazitätsvergütungsmechanismus (kurz CRM nach seiner englischen Bezeichnung „Capacity Remuneration Mechanism“) abgedeckt werden soll. Dieser Unterstützungsmechanismus ermöglicht unter anderem den Bau neuer Gaszentralen. Beides zusammen soll laut Premierminister Alexander De Croo sicherstellen, dass die Versorgungssicherheit des Landes unter allen denkbaren Szenarien gewährleistet ist.

Der zweite große Beschluss in puncto zukünftige Energiestrategie sind Investitionen für einen schnelleren Umstieg auf erneuerbare Energien. Die Produktion von nachhaltiger Energie soll durch ein Maßnahmenpaket stimuliert werden. Dazu gehören unter anderem eine niedrigere Mehrwertsteuer auf Wärmepumpen und Solartechnologie. Außerdem soll auch mehr in die Windkraftparks in der Nordsee investiert werden. Insgesamt will die Föderalregierung mehr als eine Milliarde Euro bereitstellen, um den Energiewandel zu beschleunigen.

Engie: Verschiebung Atomausstieg ist nicht problemlos machbar

Um die Verschiebung des Atomausstiegs umzusetzen, muss die Föderalregierung mit dem Betreiber der Kernkraftwerke, Engie, verhandeln. Dabei geht es auch um die Kosten des neuen Plans. Die Direktion des französischen Konzerns hatte zuletzt betont, dass es unrealistisch sei, zwei Reaktoren zehn Jahre länger am Netz zu lassen.

Engie-Sprecherin Helen Smeets sagte am Samstagmorgen im flämischen Rundfunk, man habe den vollständigen Atomausstieg schon vorbereitet. Jetzt müsse Engie analysieren, ob die Strategie noch angepasst werden könne und welche Investitionen dafür notwendig seien.

Für Bouchez reichen zwei Atomkraftwerke nicht

belga/vrt/jp/schb

4 Kommentare
  1. Dieter Heinemann

    Es wäre viel gewonnen wenn die Belgische Administration endlich aufhören würde den Ausbau in „erneuerbaren“ Energien aktiv zu behindern. Was nützt es z.B. wenn die Mehrwertssteuer auf Solartechnologie gesenkt aber der Bertieb der Anlagen weiterhin bestraft wird durch Netzpauschalen sowie den Diebstahl durch des privat eingespeisten Stroms, dadurch das er nicht entsprechend Vergütet wird obwohl er auf der anderen Seite teuer weiterverkauft wird, ergiebt sich dieser Tatbestand.

  2. Uwe Chemnitz

    Man muss sich einfach fragen: brauche ich ein intelligentes Haus?
    Für die gut Situierten ist das keine Frage….denen geht das auch alles am Arsch vorbei.

    Ich hatte gestern noch nicht mal Pellets für den Ofen bekommen…..an 4 Stellen..also bleibt es kalt.

    Wenn uns hier aber so ein Reaktor um die Ohren fliegt….dann wird das sehr interessant und nicht lustig.

    Der Ölpreis ist auf Vorkriegsniveau gesunken…..an den Verbraucher wird das nicht weiter gegeben…das ist Turbokapitalismus in seiner reinsten Form..PFUI

  3. Gerald Pesch

    Gaskraftwerke haben einen Planungshorizont von ca. 7 Jahren bis zur Inbetriebnahme. D.h. frühestens 2030 könnten diese Kraftwerke laufen. Woher das dazu nötige Gas kommt hat auch noch niemand erklärt. Es ist also davon auszugehen dass 4 Reaktoren bis dahin weiter betrieben werden. Interessant auch die Äußerung dass die „Produktion von nachhaltiger Energie“ durch die Förderung von Wärmepumpen „stimuliert“ werden soll. Wärmepumpen sind Energiesenken, wie man durch die Förderung von Energiesenken die Energieproduktion steigern kann, ist wohl eines der vielen Geheimnisse aus dem Öko-Paralleluniversum. Das „Hin und Her“ geht munter weiter, das was wir erleben ist kein „politischer Meilenstein“ sondern ein weitere Akt in der Tragikomödie „Energiewende“. Es wird nicht der letzte sein….

  4. Manz Hannelore

    Herr Chemnitz,es ist wie immer,der kleine Mann wird wieder der Verlierer sein,die Reichen Interessiert es nicht sehr ob der Ölpreis oder Gaspreis in die Höhe geht,und woher das ganze kommt,und unseren Staat erst recht nicht.Es würde ja auch reichen wenn man eine Solaranlage aufs Dach macht für seinen eigenen Bedarf, nicht mal das kann ein normaler Mensch sich leisten, andere wollen sogar noch daran verdienen.