100 Jahre Ostbelgien (8): Von Geschichtspolitik und Erinnerungskulturen

Bis heute beherrscht die Meistererzählung der Ostbelgier als "Opfer" und "Spielball der Geschichte" den öffentlichen Diskurs, wenn es um die Bedeutung der Vergangenheit geht. In der achten und letzten Folge von "100 Jahre Ostbelgien" zeigen die Historiker Andreas Fickers und Christoph Brüll, dass sich in der Auseinandersetzung mit dieser Vergangenheit tiefsitzende Ängste und Sorgen spiegeln. Mentalitätshistorisch gesehen können sie als eine Abfolge von Angstregimen gedeutet werden.

Karikatur zu Niermann (Robert Maaswinkel, Grenzland-Report, 29.6.1990, S. 1)

Karikatur zu Niermann (Robert Maaswinkel, Grenzland-Report, 29.6.1990, S. 1)

In den verschiedenen Episoden der Reihe haben Fickers und Brüll versucht, größere strukturelle Entwicklungen der letzten hundert Jahre beispielhaft anhand einzelner Themen und Akteure zu beleuchten. Hauptmotiv ihrer Vorgehensweise war immer, Geschichte als offenen Prozess darzustellen und zeithistorische Fragestellungen als standort- und zeitgebundene Scheinwerfer zu verstehen, mittels derer einzelne Episoden aus dem Dunkel der Vergangenheit beleuchtet werden können.

Besonders wichtig war ihnen das Anliegen, Schwarz/Weißmalerei zu hinterfragen und – wenn möglich – problemorientierte Interpretations- und Deutungsangebote zu machen. Diese sollen nicht den Anspruch auf Allgemeingültigkeit erheben, sondern zum Nachdenken und Hinterfragen anregen – denn Geschichte als Geschichtswissenschaft und Geschichtsschreibung sei immer „unfinished business“.

Idee der Angstregime

Zum Abschluss der Reihe „100 Jahre Ostbelgien“ wollen die beiden Historiker einen neuen Blick wagen, der von dem an der University of California in San Diego lehrenden deutschen Historiker Frank Biess inspiriert ist. In seinem 2019 vorgelegten Buch „Republik der Angst. Eine andere Geschichte der Bundesrepublik“ deutet Biess die Nachkriegsgeschichte Westdeutschlands als eine emotionale Entwicklungsgeschichte, die sich deutlich von den wirtschafts- und politikhistorischen Meistererzählung der BRD-Erfolgsgeschichte abgrenzt.

Überträgt man die Idee der Angstregime auf das Ostbelgien der Nachkriegszeit, so ließen sich zahlreiche Themen oder „Objekte der Angst“ identifizieren, anhand derer man eine Emotionsgeschichte unserer Gegend plausibel erzählen könnte. Neben einer „Vergeltungsangst“, die sich auf die Zeit der Säuberung in Ostbelgien übertragen ließe, gibt es auch spezifisch „ostbelgische Ängste“, die die Verunsicherung über die Rolle und Bedeutung der Deutschsprachigen im belgischen Staat reflektieren.

Der frühere BRF-Journalist Martin Steins (Archivbild: BRF)

Der frühere BRF-Journalist Martin Steins (Archivbild: BRF)

Denkt man an die in Episode 5 diskutierten Debatten um Sprachfragen im Unterrichtswesen, so ließen sich diese auch als Angstdiskurs interpretieren, in dem die Probleme sprachlicher Minderwertigkeit bzw. forcierter Assimilierung in den französischen Sprachraum zum Ausdruck kamen. Typische Minderheitenängste – seien sie kultureller oder politischer Natur – durchziehen die ostbelgische Geschichte wie ein roter Faden. Hierzu gesellt sich seit der Auflösung des Einheitsstaates im Zuge der Föderalisierung eine wohl als typisch „belgische Angst“ zu bezeichnende Emotion, die – wie in Episode 7 zur Geschichte der Staatsreformen und des Autonomieausbaus gezeigt – auch in Ostbelgien grundlegende Ängste und Sorgen über die Zukunftsfähigkeit des kleinsten Gliedstaates im Bundesstaat Belgien auslösten.

„Zwangssoldaten“ und „Niermann-Affäre“

Als Beispiele für die als „Vergangenheitsangst“ bezeichnete Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte nennen Fickers und Brüll den Streit um die Anerkennung der sogenannten Zwangssoldaten durch den belgischen Staat, die „Weynand-Affäre“ der Jahre 1968 und 1971, die Gründung der PDB, die erwähnte Namensgebungsdebatte im Rat oder aber die in Ostbelgien seit Sommer 1987 wogende Niermann-Affäre. „Sie stehen symbolhaft für Momente, in denen die Ostbelgier von der unbewältigten Vergangenheit überwältigt wurden“, so die beiden Historiker.

Wahlen 1990: (v.l.n.r.) Freddy Derwahl, Karl-Heinz Lambertz und Paul Maraite (Archivbild: BRF)

Wahlen 1990: (v.l.n.r.) Freddy Derwahl, Karl-Heinz Lambertz und Paul Maraite (Archivbild: BRF)

Sich unserer Geschichte aus der Perspektive von Angstregimen und sich wandelnden oder im Falle der „Vergangenheitsangst“ auch sehr langlebigen Angst-Objekten zuzuwenden, biete die Chance, mentalitätshistorische Kontinuitäten und Denkmuster frei zu legen, welche Geschichte nicht nur als chronologische Aufzählung und Interpretation von Fakten darstellt, sondern als den Versuch, sich näher an die gefühlte Wirklichkeit der Menschen heran zu tasten.

Dazu boten sich die im Vordergrund stehenden Tonquellen ganz besonders an. „In den O-Tönen des BRF-Archivs schwingen Stimmungen und Zwischentöne der ostbelgischen Geschichte mit, die man bei klassischen Schriftquellen selbst bei einer geübten Lektüre zwischen den Zeilen kaum zu vernehmen vermag“, so Fickers. „Wie der Geruchssinn vermag auch der Hörsinn Brücken zu vergangenen Wirklichkeiten zu schlagen, die in unserer Wahrnehmung die Illusion einer authentischen Erfahrung von Vergangenheit erzeugen.“

100 Jahre Ostbelgien (7): Die letzten Belgier?

Stephan Pesch