100 Jahre Ostbelgien (5): Auf der Suche nach dem „wir“

In Episode fünf der Sendereihe "100 Jahre Ostbelgien" befassen sich die Historiker Andreas Fickers und Christoph Brüll mit Sprachpolitik und Identitätsdebatten zwischen 1962 und 1980.

Überpinselte Ortsschilder (aus einer BRT-Sendung, Quelle: Grenzerfahrungen, Band fünf)

Überpinselte Ortsschilder (aus einer BRT-Sendung, Quelle: Grenzerfahrungen, Band fünf)

„Sag mir, wie du sprichst, und ich sage dir, wer du bist“ – so lautet ein vielzitiertes Bonmot. Ohne Zweifel zählt die Sprachenfrage zu den zentralen Themen der Geschichte unserer Region, durchzieht sie doch gleichermaßen die politischen, sozialen wie kulturellen Dimensionen dessen, was wir als Identität bezeichnen. Diese Episode von „100 Jahre Ostbelgien“ ist der engen Verzahnung von Sprachenpolitik und Identitätsdiskursen gewidmet, deren zahlreiche Facetten und Wendungen problemlos eine eigene Sendereihe füllen könnten.

Dass die Eifeler Mundartformation d’Löressen den Song „Deutschostbelgien unser Heimatland“ 1981 rausbrachte, kann als Zeichen dafür gelesen werden, welche politische Brisanz das Sprachenthema auch Anfang der 1980er Jahre noch in Ostbelgien besaß – nicht nur in Ostbelgien, natürlich. An diesem Beispiel zeigt sich nicht nur, dass die Sprachproblematik vielfältige und gar musikalische Spuren im kulturellen Erbgut Ostbelgiens hinterlassen hat, sondern dass wir es von Anfang an nicht mit einem rein ostbelgischen Phänomen zu tun haben, sondern einem gesamtbelgischen – und dies seit Beginn des belgischen Staates.

Mundartband "D'Löressen" (Bild aus Band fünf der "Grenzerfahrungen")

Mundartband „D’Löressen“ (Bild aus Band fünf der „Grenzerfahrungen“)

1962 wurden die Sprachgrenzen endgültig festgelegt und damit Belgien in vier Zonen eingeteilt. Neben dem niederländischen und französischen Sprachgebiet wurden erstmals auch ein deutschsprachiges und ein zweisprachiges Gebiet – die 19 Gemeinden von Brüssel – gesetzlich als gleichberechtigte Sprachgebiete festgelegt. Durch die erste Staatsreform, die in den 1960er Jahren geplant und letztlich im Jahr 1971 umgesetzt wurde, entstand ein Föderalstaat mit anerkannten Kulturgemeinschaften.

Der Sprachengebrauch im Unterrichtswesen blieb aber auch in den folgenden Jahren und Jahrzehnten ein umstrittenes Thema. Davon zeugen unter anderem Auszüge aus einer BHF-Sendung „Deutschsprachige Belgier – zweisprachige Bürger?“ von 1972, die in dieser Folge von „100 Jahre Ostbelgien“ zu hören sind.

Bis Mitte August folgen drei weitere Episoden der Sendereihe „100 Jahre Ostbelgien“. Sendetermin ist jeweils der dritte Mittwoch im Monat. In Episode sechs geht es am 17. Juni um die politische Streitkultur, wie sie sich zwischen 1970 und dem Jahr 2000 in Wahldebatten und sonstigen Scharmützeln ausdrückte.

Stephan Pesch