Auf Spurensuche: Sechs Monate nach dem Hochwasser

Vor sechs Monaten wurde aus einer Dauerregenlage eine echte Katastrophe. Viele sprechen von einer Jahrhundertkatastrophe, die nicht nur viele Orte in Belgien, sondern auch viele Menschen für ein ganzes Leben gezeichnet hat. Menschen sind gestorben und nicht wenige sind noch immer dabei, wieder etwas Ordnung und Normalität in ihr Leben zurückzubringen.

Pepinster (Bild: Manuel Zimmermann/BRF)

Pepinster - Sechs Monate nach dem Hochwasser (Bild: Manuel Zimmermann/BRF)

Die äußeren Spuren der Zerstörung sind noch zu sehen. Auch sonst ist man in der Eupener Unterstadt noch weit von der Normalität entfernt. So manch einer hat noch einen anstrengenden und langen Weg vor sich.

„Bei mir hier geht es vorwärts“, sagt Helmut Kremer, Hochwasseropfer aus Eupen. „Es gibt zwar Probleme. Es hat sehr lange gedauert, bis man wieder einziehen konnte. Aber jetzt muss es weitergehen. Das hat die Menschen schon verändert. Zu den Nachbarn, die man vorher nur grüßte, hat man jetzt einen ganz anderen Kontakt, weil wir alle im selben Boot sitzen. Die Solidarität ist schon super.“

Positiv bleiben, den Kopf nicht hängen lassen – so sieht Helmut Kremer das. Auch wenn es mit den Behörden nicht immer so läuft wie erhofft. „Es ist mitunter ein bisschen kompliziert. Man kommt auch nicht immer schnell an die Leute ran, die man braucht. Das könnte verbessert werden.“

Unterstützer-Plakat am Restaurant Visé in Eupen - Sechs Monate nach dem Hochwasser (Bild: Manuel Zimmermann/BRF)

Unterstützer-Plakat am Restaurant Visé in Eupen – Sechs Monate nach dem Hochwasser (Bild: Manuel Zimmermann/BRF)

Baelen

Die Weser führt weiter in die Gemeinde Baelen. Auch hier kann man erahnen, welchen Schaden das Hochwasser angerichtet hat. „Am Anfang haben unsere Bekannten uns sehr geholfen. Aber es folgte ein psychischer Tiefpunkt. Wir müssen vor allem darum kämpfen, unser Geld zu erhalten. Aber die Fristen werden nicht eingehalten. Das lehrt uns, dass wir den Versicherungen nicht mehr trauen werden“, sagt Rudi Weber.

Seine Nachbarn hat es auch böse erwischt. Zwei Autos und ein Motorrad hat das Hochwasser weggespült, die halbe Eingangstreppe. Und was einmal ein Garten war, ist irgendein Durcheinander. „Ich bin seit 15 Jahren in Belgien. Ich habe das in 15 Jahren aufgebaut. Das wurde in einer Nacht zerstört. Das war hart für mich. Aber andere Leute haben ihr ganzes Haus verloren. Da muss man dankbar sein, dass man eigentlich noch alles hat. Aber man muss halt wieder von Null anfangen“, erklärt Rachel Kessler, weiteres Hochwasseropfer in Baelen.

„Was sehr beeindruckend war, war die erste Hilfe von Freunden der Kinder und anderen Bekannten. Wenn das nicht gewesen wäre, wären wir in den ersten Tagen nie so schnell vorwärts gekommen“, sagt sie. Dass die Hilfe groß war, wird an diesem Tag noch häufiger hörbar. Auch, dass es noch Jahre dauern wird, bis wirklich kein Schaden mehr sichtbar sein wird.

Dolhain

Weiter geht die Spurensuche in Limbourg. Im Ortsteil Dolhain muss so mancher noch Monate warten, bis es wieder sicher in die Wohnung geht. So wie Roger Elsen, der zurzeit in Thimister wohnt. Zehn Monate bezahlt das die Versicherung. Im Juni muss und will er wieder in sein altes Zuhause einziehen. Etwa 2,30 Meter hoch stand das Wasser in der Wohnung.

„Einige Nachbarn, die zur Miete wohnten, sind weggezogen. Andere verkaufen ihr Haus, weil sie traumatisiert sind“, erzählt er. „Wir hatten Glück und waren im Urlaub, als es geschah. Andere haben das mit den Kindern erlebt. Die sind heute noch traumatisiert. Sie haben heute noch Albträume und schlafen schlecht. Bis alle Wunden heilen, muss noch viel Zeit vergehen.“

Hier muss jetzt erst einmal der Beton trocknen. Er hofft, dass es wieder wie früher wird – aber so richtig will Roger Elsen nicht daran glauben. „Das ist ein Geisterdorf. In diesem Viertel können viele noch immer nicht in ihr Haus zurück – zumindest was das Erdgeschoss betrifft. Es gibt nicht viele Geschäfte, die wieder geöffnet haben – einen Zeitungsladen, die Post ist in einem Container, der einzige Bäcker bekommt sein Brot von außerhalb geliefert.“

Stromunterbrechungen kommen auch gelegentlich vor. Wie heftig Hochwasser wüten kann, haben in Dolhain auch Schüler aus verschonten Ortsteilen erfahren. Ihre Grundschule: eine einzige Ruine.

Verviers

In Verviers machen freiwillige Rot-Kreuz-Helfer ihre Runde. Immer wieder gibt es Hochwasseropfer, die ratlos sind. Viele haben einen Migrationshintergrund und wissen nicht, an wen sie sich wenden können.

„Wir sehen, dass die Menschen vor allem das Bedürfnis haben, über ihre Probleme zu reden. Wir sind zum Zuhören da, aber auch um konkrete Hilfe anzubieten. Das können Verwaltungsdienste, Entschädigungsfonds oder Versicherungen sein. Auch das Rote Kreuz schaut, welche konkrete Hilfe es leisten kann“, so Bastien Dupont.

Abends stellt das Rote Kreuz noch immer warme Mahlzeiten zur Verfügung. Es gehe aber vorwärts. Manche haben aber mehr Pech als andere. „Es gibt einige Straßen ohne Gas. Das hängt davon ab, wo das Hochwasser gewesen ist. Das findet man in ganz Verviers, dass in einer Straße in einigen Häusern kein Gas und Strom da ist. Aber es regelt sich allmählich.“

Pepinster

Großen Schaden hat das Hochwasser auch in anderen Gemeinden wie Chaudfontaine oder Trooz angerichtet. Doch das Ende der Spurensuche soll nach Pepinster führen – der Ort, der zum Symbol der Hochwasserkatastrophe geworden ist. Häuser sind hier abgerissen worden. Andere werden es noch.

Willy Heuschen hat Glück gehabt. Sein Haus steht noch. Die Versicherung habe schnell gezahlt: 100.000 Euro, sagt der Rentner. Von den Politikern hält er nicht viel. Aber andere hätten ihn überrascht. „Es gab viel Solidarität aus Flandern. Es haben viele Personen aus der Region von Antwerpen und Brügge geholfen. Man hat mehr Hilfe aus Flandern als aus der Wallonie erhalten, kann man sagen.“

Auf Hilfe wird man noch angewiesen sein in Pepinster – vielleicht noch viele Jahre. „Es ist schlimmer als der Krieg. Im Krieg gibt es lokale Bombardierungen. Aber das Hochwasser richtet überall Schaden an.“

Den Kriegsvergleich kann man für etwas übertrieben halten. Aber es zeigt, wie schlimm das Geschehene eingeschätzt wird. Auch die zentral gelegene Apotheke wurde zerstört. Jetzt ist sie in einem Container untergebracht. Wie es den Menschen in Pepinster geht, weiß man hier nur zu gut. „Es gibt viel posttraumatische Belastung. Es gibt viele Schlafprobleme und Stress – vor allem, wenn es regnet. Und dann kommt die Müdigkeit. Das kann an den Emotionen liegen, oder an der Arbeit im Haus und dem Schriftverkehr mit den Versicherungen. Alles zusammen ist das einfach viel“, findet Angélique Lafort, Apothekerin und selber Hochwasseropfer.

Dennoch muss es weitergehen. Das Unvergessliche doch irgendwie vergessbar machen – zumindest durch ein vernünftiges Dach über dem Kopf.

Manuel Zimmermann

Kommentar hinterlassen
Keine Kommentare
Kommentar hinterlassen

Ihre Email-Adresse wird niemals veröffentlicht!
Pflichtfelder sind mit * gekennzeichnet.
Bitte beachten Sie unsere Richtlinien zu Kommentaren.

Restl. Anzahl Wörter: 150