100 Jahre Ostbelgien (4): „Sorties de guerre“

Beim Blick auf die ostbelgische Vergangenheit erscheinen die Jahre 1920, 1940 und 1944/45 als tiefe Einschnitte. Sie teilen die Geschichte in ein Vorher und ein Nachher. Und tatsächlich: Jedes dieser Jahre brachte tiefgreifende Änderungen mit sich. In Episode 4 der Reihe "100 Jahre Ostbelgien" sehen sich die beiden Historiker Christoph Brüll und Andreas Fickers diese Wendepunkte der ostbelgischen Geschichte und ihre Folgen etwas genauer an.

Siegesfeier am 10. Mai 1945 in Eupen (Bild: Staatsarchiv)

Siegesfeier am 10. Mai 1945 in Eupen (Bild: Staatsarchiv)

Zuerst die Angliederung an Belgien im Jahr 1920. Dann die Annexion durch Deutschland im Mai 1940. Und letztlich die Rückkehr in den belgischen Staat im Jahr 1945.

Auch für die Menschen brachten diese Jahre zahlreiche Veränderungen mit sich: Was richtig gewesen war, konnte nach dem nächsten Wendepunkt falsch sein. Wer davor zur Elite gehörte, konnte nach dem nächsten Systemwechsel ausgeschlossen sein.

Die meisten Bewohner zwischen Göhl und Our durchlebten in diesen Zeiten ein hohes Maß an Spannungen. Dazu gehörte auch die Frage nach Schuld und Verantwortung, die immer wieder unterschiedlich beantwortet wurde.

Frontalaufnahme des Rathausplatzes Eupen mit dem Banner "Führer wir danken dir" (Bild: Staatsarchiv)

Frontalaufnahme des Rathausplatzes Eupen mit dem Banner „Führer, wir danken dir“ (Bild: Staatsarchiv)

Mit historischen Daten ist es so eine Sache. Jeder weiß, dass am 11. November 1918 und am 8. Mai 1945 zumindest in Westeuropa die Waffen schwiegen. Der Krieg war zu Ende, der Frieden konnte kommen.

Frieden? Tatsächlich war mit dem Waffenstillstand oder der Kapitulation noch lange kein mentaler Friedenszustand in den europäischen Gesellschaften erreicht. Vor und während des Kriegs aufgebaute Feindbilder verschwanden schließlich, wenn überhaupt, nicht von einem Tag auf den anderen. Staatliche und nichtstaatliche Maßnahmen wie Bestrafung von Kollaborateuren und Ehrungen für Widerstandskämpfer begleiteten den Übergang von der Kriegs- in eine Friedensgesellschaft. Auch die Gewalt verschwand nicht, auch wenn sie nicht mehr kriegerisch oder physisch sein musste. Für diese Zeit der Transformation hat die französische Geschichtsschreibung den Begriff der „sortie de guerre“ geprägt, der in der deutschen Sprache bisher keine Entsprechung gefunden hat.

Der Blick auf diese „sorties de guerre“ nach beiden Weltkriegen offenbart Brüche, die sich um die harten Zäsuren artikulieren, aber auch viele Kontinuitäten, die leiser, unterschwelliger daherkommen, aber starke und langfristige Folgen hatten.

Die Analyse und Deutung der Tragweite von Brüchen und Kontinuitäten um die Wendepunkte 1920, 1940 und 1944/45 ist für Historiker kein leichtes Unterfangen. Zwar lassen sich Ähnlichkeiten und Unterschiede der jeweiligen Übergangsprozesse benennen. Die Herausforderung – nicht zuletzt ethischer Natur -, besteht aber darin, dass der Vergleich und die Beschreibung der Kontinuitäten wie der Brüche weder eine Gleichsetzung noch eine Hierarchisierung bedeuten kann.

„100 Jahre Ostbelgien“ (3): Prodeutsch/Probelgisch? Geschichte jenseits von Schwarz-Weiß-Malerei

Christoph Brüll/Andreas Fickers