Atomausstieg: Neuer Fank-Bericht sorgt für Wirbel

Die beiden Atomreaktoren Doel 4 und Tihange 3 könnten unter bestimmten Bedingungen länger laufen als ursprünglich vorgesehen. Zu diesem Ergebnis kommt die Atomaufsichtsbehörde Fank.

Atomkraftwerk in Doel (Archivbild: Yorick Jansens/Belga)

Atomkraftwerk in Doel (Archivbild: Yorick Jansens/Belga)

Die föderale Atomaufsichtsbehörde Fank ist für die Sicherheit der nuklearen Einrichtungen des Landes zuständig. Ihr neuer Bericht sorgt für Wirbel. Für die Fank sei ein längerer Betrieb von Doel 4 und Tihange 3 möglich, bestätigte Ines Venneman der VRT. Sie ist die Sprecherin der Atomaufsichtsbehörde.

Doel 4 und Tihange 3 sind die beiden jüngsten belgischen Kernreaktoren. Sie länger als 2025 am Netz zu lassen, sei unter rein sicherheitstechnischen Gesichtspunkten und unter Bedingungen möglich.

Die Analyse war von der Föderalregierung noch kurz vor Weihnachten in Auftrag gegeben worden. Denn Ende Dezember waren sich die Spitzenminister einig geworden: Um die Energieversorgung sicherzustellen, soll weiter auf eine Schließung der Kernzentralen 2025 gesetzt werden. Gaszentralen sollen übergangsweise die Produktionsausfälle kompensieren, bis ausreichend erneuerbare Energiequellen vorhanden sind.

Daneben gibt es aber auch noch einen „Plan B“, der zumindest noch nicht definitiv ad acta gelegt worden ist: Nämlich, dass die zwei jüngsten Atomreaktoren doch länger als 2025 laufen sollen. Die endgültige Entscheidung darüber will die Regierung am 18. März fällen.

Bedeutsame Updates notwendig

Doel 4 und Tihange 3 könnten also weiterlaufen. Allerdings seien dazu Updates notwendig, so die Fank-Sprecherin. Konkret müssten die Reaktoren in puncto nukleare Sicherheit auf den aktuellen Stand gebracht werden.

Hier kommt dann auch das Alter der Reaktoren ins Spiel: Weil Doel 4 und Tihange 3 die jüngsten Exemplare sind, ist diese Nachrüstung bei ihnen am einfachsten. Denn bei ihrem Bau galten schon strengere Sicherheitsauflagen als bei ihren Vorgängern.

Dennoch handelt es sich um bedeutsame Updates, die auch Zeit in Anspruch nehmen würden. Wenn die Regierung die Versorgungssicherheit ab dem Winter 2025 garantieren wolle und dafür Kernkraft gebraucht werde, dann müssten unbedingt vorher die wichtigsten dieser Arbeiten ausgeführt werden. Andere könnten hingegen auch erst in den Jahren nach 2025 erfolgen, so die Fank.

Damit alles Notwendige also noch vor 2025 fertig werden könne, sei es nötig, dass die Regierung noch im ersten Quartal des Jahres eine deutliche Entscheidung treffe.

Es ist aber beileibe nicht so, dass jetzt alles allein von der Föderalregierung abhängen würde. Auch das macht die Atomaufsichtsbehörde unmissverständlich deutlich. Es bedürfe auch einer globalen Herangehensweise, die alle Betroffenen miteinbeziehe.

Das wäre vor allem zunächst der Betreiber der Kernreaktoren, also Engie Electrabel, der schon mehrfach erklärt hatte, die Reaktoren definitiv herunterzufahren. Aber auch die föderale Energieregulierungskommission Creg müsste miteinbezogen werden, so wie auch Netzbetreiber Elia.

Bis spätestens Ende Januar sollte die Regierung sich mit den Betroffenen einigen, empfiehlt die Fank, und ihnen damit den expliziten Auftrag geben, eine detaillierte Planung bis zum 18. März auszuarbeiten. Sollte sich die Regierung am gesetzten Stichtag dafür entscheiden, die Laufzeit der beiden Reaktoren zu verlängern, dann wolle die Fank auch einen Koordinator, um über die korrekte Umsetzung zu wachen.

Reaktionen aus der Politik

Die flämischen Nationalisten N-VA interpretieren den Fank-Bericht als eindeutigen Schuss vor den Bug der föderalen Groen-Energieministerin Tinne Van der Straeten und als Grund für eine Verlängerung der Reaktorenlaufzeit. Was wenig überrascht, denn die N-VA ist deutlich pro-Atomkraft und zudem noch auf föderaler Ebene in der Opposition. Die Grünen sind also ohnehin regelmäßig eines der Lieblingsziele ihres Vorsitzenden Bart De Wever.

Innerhalb der föderalen Mehrheit ist die MR der größte Befürworter der Nuklearenergie, insbesondere der Präsident der frankophonen Liberalen, Georges-Louis Bouchez, macht aus dieser Position keinen Hehl. Erstaunlicherweise, gerade für Bouchez, hat er bislang recht verhalten und diplomatisch auf den Fank-Bericht reagiert.

Die Standpunkte seiner Partei seien nicht dogmatisch, man ließe sich durch Wissenschaft und Technik leiten, so Bouchez. Belgien müsse gute strategische Entscheidungen treffen.

Die Grünen zeigen sich indes wenig beeindruckt beziehungsweise sehen keinen Handlungsbedarf, wie etwa Groen-Föderalministerin Petra De Sutter unterstrich: Es komme nicht infrage, Sicherheitskriterien weniger streng zu machen oder für die Sicherheit notwendige Arbeiten aufzuschieben.

Außerdem habe die Fank bestätigt, dass Engie mit von der Partie sein müsse, was nicht der Fall sei. Damit sei die Akte für sie geschlossen, so De Sutter.

Boris Schmidt

2 Kommentare
  1. Lutz-René Jusczyk

    Das Schlimme ist, dass in Puncto Energiepolitik viel zu sehr von ideologischen Standpunkten aus argumentiert wird.
    Ich halte es nach wie vor für fragwürdig, ob der steigende Energiebedarf in den kommenden Jahren wirklich durch Windkraft- und Solaranlagen gedeckt werden kann.
    Wenn Strom weiterhin bezahlbar bleiben soll, was haben wir dann für Alternativen, als weiterhin auf die Kernenergie zu setzen?
    Gaskraftwerke sind keine Lösung, denn dadurch begeben wir uns in eine noch größere Abhängigkeit Russlands.
    Meines Erachtens sollten folgende Ziele in diesem Kontext berücksichtigt werden:

    – Versorgungssicherheit
    – Bezahlbarkeit
    – CO2-Reduktion
    – Unabhängigkeit von Lieferungen fossiler Energieträger aus Nicht-EU-Staaten

    Alles hat seinen Preis. Bei der Kernenergie muss neben der Reaktorsicherheit das Problem der Aufbereitung und Endlagerung abgebrannter Brennstäbe gelöst werden.
    Die Atomkraft würde alle vier Kriterien erfüllen, wäre also das geringste Übel.
    Es wird Zeit, ideologische Scheuklappen über Bord zu werfen. In Belgien geht man zum Glück nicht derart ideologiegeleitet mit der Frage um wie in Deutschland.

  2. Edgar Michaelis

    Ob Doel 4 und/oder Tihange 3, wenn es irgendmal knallt, dann werden alle Reaktoren nicht mehr zu betreiben sein, auf Grund der Verstrahlung, und die werden wir alle mit bekommen ! Davor wird uns kein Politiker und noch weniger die streitenden Parteien, mit ihrem Geschwetz und Meinung alles ewig hinaus schieben zu können, schützen können. Schon vor 100 Jahren bewies der grosse Erfinder Nicolai Tesla mit seinem E-Mobil (ein umgebauter Piears-Arrow, ohne Batterie) das es Möglichkeiten gibt, aber die Welt wollte davon nichts wissen, und hat alles getan, solches zu verhindern ! Aber, wir werden wohl auf den grossen Knall warten müssen, weil wir es nicht besser verdienen !