Die Presseschau von Samstag, dem 19. November 2022

Die Zeitungen beschäftigen sich mit dem Rücktritt der föderalen Staatssekretärin Eva De Bleeker und ihrer Nachfolgerin Alexia Bertrand. Außerdem in den Leitartikeln: Gedanken zur Zukunft der Kleinkindbetreuung in Flandern und zur umstrittenen Fußballweltmeisterschaft in Katar.

Eva De Bleeker (Archivbild: Benoit Doppagne/Belga)

Eva De Bleeker (Archivbild: Benoit Doppagne/Belga)

„De Bleeker tritt zurück nach x-tem Schnitzer“, titelt Het Nieuwsblad. „Haushaltsstreit endet in liberalem Stühlerücken“, so die Schlagzeile von De Tijd. „Donnerschlag in der liberalen Familie“, heißt es im Aufmacher von L’Echo.

Die föderale Staatsministerin für Haushalt und Verbraucherfragen, Eva De Bleeker von den flämischen Liberalen der Open VLD, ist am Freitag zurückgetreten. Vorausgegangen war ein Streit zwischen ihr und Premierminister Alexander De Croo über die Berechnung des föderalen Haushalts. Nachfolgerin von De Bleeker wird Alexia Bertrand, die bislang den frankophonen Liberalen der MR angehörte.

Dazu kommentiert De Tijd: Inhaltlich hat De Bleeker eigentlich gar keinen Fehler gemacht. Dass sie den Haushalt ultravorsichtig berechnet hat, müsste man ihr eigentlich zugute schreiben. Ihr Fehler war vielmehr politischer Natur. Denn durch ihre eigene Berechnung des Haushalts hat sie Haushaltszahlen von De Croo gleichsam als falsch dargestellt. Das war ein politischer Fehler. Sie hat die Strategie ihrer eigenen Partei unterlaufen, die Open VLD als großartige Partei um ihren Vorsitzenden De Croo aufzubauen. Dieser Widerspruch aus den eigenen Reihen durfte nicht sein. De Bleeker musste gehen. Die Sorgen rund um den Haushalt bleiben, bedauert De Tijd.

„Materieller Fehler“?

Gazet van Antwerpen hält fest: Der „materielle Fehler“, von dem der Premier im Parlament gesprochen hat, war nur eine vorsichtige Herangehensweise an den Haushalt. De Bleeker hat in ihrer Berechnung das Geld nicht berücksichtigt, von dem man nicht sicher sein kann, dass man es hat. Das hört sich eigentlich ganz korrekt an. Trotzdem musste sie gehen. Ziemlich peinlich ist, dass der Premier innerhalb seiner eigenen Partei keinen Nachfolger gefunden hat. Sondern schnell jemanden von der MR wählen musste, kritisiert Gazet van Antwerpen.

Le Soir hingegen weiß: Der Coup der Open VLD, Alexia Bertrand als Nachfolgerin von De Bleeker zu wählen, richtet sich ganz klar gegen MR-Vorsitzenden Georges-Louis Bouchez. Dem wird eine Spitzenpolitikerin weggenommen, die er selbst in ihren Ambitionen blockiert hat. Bouchez hat in den vergangenen Monaten immer wieder gegen De Croo und die Open VLD Stimmung gemacht. Jetzt rächt sich die Open VLD. Dieser interne Streit nützt keinem. Statt Einigkeit zu wahren, zerfleischt sich die liberale Familie, stellt Le Soir fest.

Kinder brauchen Geld

Außer De Bleeker ist am Freitag auch die Chefin der flämischen Agentur für Kleinkindbetreuung (Opgroeien) zurückgetreten. De Standaard kommentiert: Durch den Rücktritt wird natürlich nichts geregelt. Die Missstände, die in der Kleinkindbetreuung herrschen, hören dadurch nicht sofort auf. Jetzt muss es darum gehen, etwas grundsätzlich zu verbessern. Wir brauchen qualifiziertes Personal, das unter guten Bedingungen unsere Kinder betreuen kann. Und das dafür gut bezahlt wird. All das gibt es zurzeit nicht. All das kostet natürlich auch Geld. Aber das muss es uns einfach wert sein. Denn es geht immerhin um unsere Kinder und damit um unsere Zukunft. In die können wir nicht genug investieren, meint De Standaard.

Zur am Sonntag beginnenden Fußballweltmeisterschaft in Katar schreibt L’Avenir: Bis zum Schluss bleibt diese Weltmeisterschaft umstritten. Erste Kritik gab es schon vor zwölf Jahren, als Katar den Zuschlag für die WM bekommen hatte. Die Kritik wird auch weitergehen, während der Ball rollt. Boykottieren oder nicht? Wir als Zeitung L’Avenir haben uns dazu entschieden, Journalisten nach Katar zu schicken. Sie werden nicht nur über die Spiele, sondern auch über das Geschehen im Land berichten. Damit kommen wir als Informationsmedium unserer Pflicht nach. Wir wollen die Augen und Ohren der Leser sein, aber nicht ihr Gewissen. Die Leser sollen sich ihre eigene Meinung über das Ereignis bilden, so gut informiert wie möglich, rechtfertigt sich L’Avenir.

„Waar is de feestje?“ – Nicht in Katar…

La Dernière Heure bemerkt: Kurz vor dem ersten Anstoß ziehen die Gastgeber die Schrauben noch ein wenig an. Sie haben den Bierkonsum in und um die Stadien verboten. Was wird als nächstes kommen? Wird Frauen der Zugang zu den Stadien verboten? Die Fans der Roten Teufel, die für ein Fußballfest nach Katar gereist sind, sind auf jeden Fall zu bedauern. Der mittlerweile so berühmte Partysong bei solchen Gelegenheiten „Waar is de feestje?“ können sie vergessen. In Katar findet das Fest auf jeden Fall nicht statt, ärgert sich La Dernière Heure.

In De Morgen schreibt der Verfasser des Leitartikels aus persönlicher Sicht: Ich verstehe alle Kritik, die man an der WM in Katar haben kann. Sie ist vollkommen gerechtfertigt. Aber ich liebe auch Fußball. Deshalb werde ich mir die Spiele anschauen. Das kann man natürlich scheinheilig nennen. Aber es ist zumindest eine schuldbewusste Scheinheiligkeit. Es ist mir lieber, die Widersprüchlichkeit auszuhalten, als zu versuchen, sie beiseite zu schieben. So, wie man das mit einem Protestschild von Amnesty International oder einem Videoclip gegen Homophobie machen könnte. Die Heuchelei bleibt, meint der Leitartikler von De Morgen.

Kay Wagner