Die Presseschau von Montag, dem 4. Juli 2022

Auf einigen Titelseiten sind heute Schlagzeilen über die gestrige Schießerei in einem Kopenhagener Einkaufszentrum zu lesen. Die Leitartikel beschäftigen sich aber in erster Linie mit den Problemen der Luftfahrtbranche und mit denen der Vivaldi-Koalition, die trotz Bemühungen De Croos nur wenig zustande bringt.

Polizei und Rettungsdienste vor dem Fields Einkaufszentrum in Kopenhagen (Bild: Olafur Steinar Gestsson/Ritzau Scanpix/AFP)

Polizei und Rettungsdienste vor dem Fields Einkaufszentrum in Kopenhagen (Bild: Olafur Steinar Gestsson/Ritzau Scanpix/AFP)

„Eine Schießerei in einem Einkaufszentrum versetzt Kopenhagen in Trauer“, titelt La Libre Belgique. „Mehrere Tote bei einer Schießerei in Kopenhagen“, so die Schlagzeile von De Standaard. „Mehrere Tote, aber der 22-jährige Täter wurde festgenommen“, schreibt Het Laatste News auf Seite eins. Aktuell ist von drei Toten die Rede. Drei weitere Menschen wurden schwer verletzt und befinden sich in einem kritischen Zustand. Die Motive des mutmaßlichen Täters sind noch unklar.

Und die Zeitungen machen noch mit einer weiteren Tragödie auf: „Ein Gletschersturz fordert mehrere Todesopfer“, titelt L’Avenir. La Libre Belgique ist präziser: „Nach einem Hitze-Rekord in den italienischen Alpen tötet ein Gletschersturz mehrere Menschen“. „Eis- und Gerölllawine in überhitzten Alpen: Mindestens sechs Tote“, so die Schlagzeile von Het Nieuwsblad. Rund ein Dutzend Menschen wurden in der Nacht noch vermisst. Als Ursache für das Unglück gilt allgemein der Klimawandel.

Den Airlines geht die Luft aus

Einige Blätter beschäftigen sich auf ihren Titelseiten mit dem Luftfahrtsektor. „Verhandlungsrunde der letzten Chance bei Brussels Airlines“, so etwa die Aufmachergeschichte von Het Nieuwsblad. Die Gewerkschaften beklagen nach wie vor den hohen Arbeitsdruck, der im Wesentlichen auf Personalmangel zurückzuführen ist. Sie fordern eine Entlastung der Mitarbeiter – andernfalls drohen sie mit neuen Streikaktionen. „Günstige Flugtickets sind nicht mehr tragbar“, notiert derweil Het Laatste Nieuws auf Seite eins. Das ist ein Zitat von keinem Geringeren als Ryanair-Chef Michael O’Leary. Seiner Ansicht nach wird Fliegen in den nächsten Jahren unweigerlich teurer. Allein für seine Airline rechnet er mit Preissteigerungen von bis zu 50 Prozent. Schuld seien vor allem die hohen Treibstoffpreise.

Die Luftfahrtbranche ist an ihre Grenzen gestoßen, glaubt De Standaard. Das Ökosystem ist erschöpft. Im Grunde hat sich das Geschäftsmodell überlebt. Weil die Mitarbeiter auf allen Ebenen schlecht bezahlt werden, finden sich plötzlich nicht mehr genug Arbeitskräfte. An vielen Flughäfen herrscht Chaos, was dann auch immer gleich Auswirkungen auf die Nachbarländer hat. Auf der anderen Seite ist die Nachfrage größer denn je. Die Corona-Krise hat dem Massentourismus nicht das Genick gebrochen. Im Gegenteil. Die Airlines sollten dringend über einen Strategiewechsel nachdenken.

Grillen für die Rente

„Auf der Suche nach einem zweiten Atem kriegt Vivaldi nach wie vor keine Rentenreform zustande“, stellt La Libre Belgique auf ihrer Titelseite fest. Die Regierung De Croo hatte sich vorgenommen, an diesem Wochenende ein Abkommen über eine Neuordnung des Pensionssystems unter Dach und Fach zu bringen. Premier Alexander De Croo hatte dafür sogar am Freitag seine Ministerkollegen zu einem Grillfest in seiner Heimatgemeinde Brakel eingeladen. Aber auch diese Teambuilding-Initiative konnte die Blockade nicht lösen.

„Doch selbst, wenn es eine Einigung über eine Rentenreform gegeben hätte: Wäre das wirklich so eine gute Neuigkeit gewesen?“, fragt sich Gazet van Antwerpen. Insbesondere die frankophonen Sozialisten PS wollen nämlich allzu freigiebig sein, insbesondere denjenigen gegenüber, die nur wenige Arbeitsjahre aufzuweisen haben. Dadurch drohen die Staatsfinanzen definitiv zu entgleisen. Und nicht nur, dass man wenig arbeitenden Menschen königliche Pensionen auszahlen will: Die Beschäftigungsrate ist in Belgien nach wie vor viel zu niedrig. Nur 72 Prozent der Menschen zwischen 20 und 64 Jahren stehen hier im Arbeitsleben. In den Niederlanden sind es 82 Prozent. Die PS spürt den heißen Atem der linken PTB im Nacken. Die Frage, ob unsere Kinder und Enkelkinder noch deftige Pensionen bekommen werden, die ist offensichtlich nebensächlich.

Der Premierminister will eigentlich den größten Feind seiner Koalition bekämpfen, nämlich den drohenden Stillstand, analysiert La Libre Belgique in ihrem Leitartikel. Denn die Liste der festgefahrenen Dossiers ist lang: Neben den Pensionen sind das etwa auch die angestrebte Steuerreform, die Neuordnung des Arbeitsmarktes oder die mögliche Laufzeitverlängerung von zwei Atomreaktoren. Hier ist jetzt auch der Chef persönlich gefragt. Alexander De Croo, dessen Regierungsstil häufig kritisiert wird, muss jetzt Kraft seines Amtes die Richtung vorgeben. Dies auch, weil nach der Sommerpause noch eine ganze Latte an weiteren Herausforderungen wartet: galoppierende Inflation, trübe Wachstumsprognosen, sozialer Unfrieden. Vivaldi hat noch bis zum Nationalfeiertag in zwei Wochen Zeit, um die Belgier davon zu überzeugen, dass sie noch den nötigen Biss hat.

Das Geschenk, das keiner wollte

Das Grillfest bei den De Croos hat’s offensichtlich nicht wenden können, kann auch La Dernière Heure nur feststellen. Das ist symptomatisch für diese Koalition, die sich immer schwerer tut, störrische Kühe vom Eis zu bekommen. Es wird Zeit, dass sich die Equipe am Riemen reißt und endlich mit dem Kohleschaufeln beginnt.

Bezeichnenderweise gerät der Premierminister inzwischen sogar in der eigenen Partei unter Druck, weiß Het Nieuwsblad. Die Open VLD befindet sich in einem historischen Umfragetief. Das letzte Politbarometer war eine Ohrfeige für die flämischen Liberalen. Die dümpeln jetzt auch bei desaströsen zehn Prozent. Und die Schuld dafür geben die Blauen immer häufiger ihrem föderalen Aushängeschild. Konkret werfen sie Alexander De Croo vor, dass er allzu kompromissfreudig ist und zu wenig liberale Akzente setzt. Das allerdings ist schon naiv. Es liegt in der Natur des Jobs, dass ein Premierminister im Namen der Kompromissfindung seine eigenen Überzeugungen hintenanstellt. Wenn die kleinste Partei das Amt des Premierministers angetragen bekommt, dann bedeutet das, dass die größeren Brüder diesen Giftbecher an sich vorüberziehen lassen wollen. Manchmal bekommt man ein vermeintlich schönes Geschenk, weil kein anderer es will.

Roger Pint