Die Presseschau von Mittwoch, dem 31. März 2021

Die Zeitungen kommen auf den haushohen Sieg der Roten Teufel gegen Belarus am Dienstagabend zurück. Im Fokus steht jedoch weiter die Coronakrise. Es geht zunächst um ein explosives Gemisch aus Sonne, vollen Bahnhöfen und See. Aber auch um Politiker, von denen Widersprüchliches erwartet wird und um einen Länderwettbewerb, den es eigentlich nicht geben sollte.

Viele Menschen an der belgischen Küste am 31. März 2021 (Bild: Belga/Kurt Desplenter)

Viele Menschen an der belgischen Küste am 31. März 2021 (Bild: Belga/Kurt Desplenter)

„8-0“, titeln Het Laatste Nieuws, Het Nieuwsblad und Gazet van Antwerpen. Die Roten Teufel haben am Abend ihr WM-Qualifikationsspiel gegen Belarus mit 8-0 gewonnen. Nach dem etwas mageren Unentschieden gegen Tschechien wirkte das irgendwie wie ein Befreiungsschlag. „Die Roten Teufel haben das Bild wieder geradegerückt“, schreiben sinngemäß L’Avenir und La Dernière Heure. „Wer hat gesagt, dass die Roten Teufel nicht schnell spielen können?“, fragt rhetorisch Het Laatste Nieuws.

„Vamos a la playa“

„Chronik eines angekündigten Chaos“, so derweil die Aufmachergeschichte von Le Soir. „Schon jetzt das nackte Chaos auf dem Weg zum Meer“, schreibt auch La Dernière Heure. „Sonne, See, gestrandet“, so die Schlagzeile von Het Nieuwsblad. Viel zu viele Leute wollten gestern ans Meer fahren. Viel zu viele Leute vor allem für die SNCB, die auf den Ansturm offensichtlich zudem nicht vorbereitet war. Deswegen kam es vor allem in den Brüsseler Bahnhöfen zu einem ziemlichen Chaos.

Im Grunde sitzen wir in Belgien doch in einem teuflischen Schnellkochtopf, meint Le Soir in seinem Leitartikel. Die Grenzen sind zu, zumindest gilt das für touristische Reisen. Gleichzeitig wurden die Kinder aber eine Woche früher als geplant in die Osterferien geschickt. Und dann kommt obendrauf noch wunderbarstes Frühlingswetter. Fertig ist ein geradezu explosives Gemisch mit dem Namen „Vamos a la playa“.

Man kann es den Menschen nicht verübeln. Seit einem Jahr müssen sie quasi ohne wirkliche Beschäftigung zuhause herumsitzen. Aber Bilder, wie man sie gestern gesehen hat, die kann doch niemand wollen. Der föderale Mobilitätsminister Georges Gilkinet lehnt weiter die Einführung eines Reservierungssystems für die Staatsbahn ab. Aber, was wäre denn die Alternative? Soll man die Menschen dazu aufrufen, nach Dinant zu fahren? Oder muss man am Ende Kerzen anzünden und für Regen beten?

Überlegungen über ein Reservierungssystem bei der SNCB

„Oder sollte man nicht doch nochmal über ein Reservierungssystem nachdenken?“, fragt sich Het Laatste Nieuws. Das Ganze kommt einem jedenfalls doch sehr bekannt vor. Überfüllte Züge, Küstenbürgermeister, die kurz vor dem Nervenzusammenbruch stehen, das hatten wir in den letzten zwölf Monaten schon diverse Male. Ab Samstag gilt zudem noch die „Fensterregel“, wodurch die Zahl der Reisenden de facto halbiert wird. Deswegen nochmal die Frage: Wäre ein Reservierungssystem nicht tatsächlich eine Option? Klar: Dadurch ginge Spontaneität verloren; im Gegenzug wäre man aber eine Sorge los…

„Ein Reservierungssystem ist keine Option“, findet demgegenüber Gazet van Antwerpen. Damit würde erstmal der Charakter der öffentlichen Verkehrsmittel von Grund auf infrage gestellt. Im Moment kann jeder spontan zum Bahnhof gehen und sich in den erstbesten Zug setzen. Soll man den ohnehin schon leidgeprüften Zugreisenden diese Freiheit auch noch nehmen?

Hinzu kommt: Die praktische Umsetzung, das wäre eine wirkliche Herausforderung. Beispiel: Wer in Eupen in den Zug nach Ostende einsteigt, aber nur bis Brüssel fährt: Muss der auch schon reservieren? Oder würde sein Platz ab Brüssel neu vergeben? Klar: Im Thalys funktioniert das so, da gibt es nummerierte Plätze. Bei der SNCB gibt es das nicht.

Ein Paradox und halbgare Lösungen

Wir sehen hier ein veritables Paradox, meint nachdenklich De Morgen. Auf der einen Seite gibt es laute Kritik an der Regierung wegen der Einschränkungen der persönlichen Freiheiten. Und eben diese Regierung wird dann fast im selben Atemzug dazu aufgefordert, zu verhindern, dass die Menschen an die Küste fahren, also: eben die Freiheiten einzuschränken.

Kennt denn jemand wirkliche Alternativen? Soll man die Straßen Richtung Küste sperren, die Strandpromenaden hermetisch abriegeln? Die einzige Maßnahme, die wirklich funktionieren würde, das wäre ein Lockdown wie im vergangenen Frühjahr, mit einem Verbot von nicht notwendigen Fortbewegungen. Nur: Das ist nach zwölf Monaten Pandemie wohl nicht mehr realistisch. Fazit: Wir werden wohl mit halbgaren Lösungen leben müssen, zumindest bis große Teile der Bevölkerung geimpft sind. Aber das ist eine andere Geschichte…

Die Pandemie kann nur weltweit besiegt werden

Apropos Impfungen: Das Ganze darf nicht in einen Wettbewerb ausarten, findet La Dernière Heure. Das eine oder andere Land kann es nicht lassen, den anderen auf die Nase zu binden, wie weit man doch schon vorangekommen ist. Und da muss man gar nicht so weit suchen. Gerade erst hat sich die Wallonie gebrüstet, sich einen leichten Vorsprung erarbeitet zu haben. Natürlich kann es nicht schnell genug gehen. Dennoch wirkt solches Eigenlob ein bisschen naiv. Zumal im Kampf gegen ein Virus, dem Grenzen völlig egal sind. Jedem muss doch klar sein, dass wir erst wieder unbeschwert reisen können, wenn es weltweit einen ausreichenden Impfschutz gibt. Man kann nicht die halbe Welt in die Freiheit entlassen, während die andere Hälfte noch unter eine Käseglocke sitzt. Diese Pandemie kann man nur weltweit besiegen. Die Fähnchen dürfen drinnen bleiben.

In puncto Zukunftsperspektiven haben Gesundheitsexperten in den letzten Tagen aber eine Hiobsbotschaft nach der anderen in die Welt gesetzt, beklagt Het Nieuwsblad. „Der Sommer 2021 werde wohl eher dem von 2020 gleichen“, hieß es da. Oder, noch „besser“: „Wir werden das Coronavirus wohl erst 2025 wirklich zurückgedrängt haben“. Könnten die Damen und Herren Virologen bitte mal aufhören? Wenn die Gesundheitsexperten wirklich endgültig als Unheilspropheten abgestempelt werden wollen, dann müssen sie genauso weitermachen. Der Punkt ist nicht, dass die Langzeitprognosen der Experten falsch sein könnten; das wird die Zukunft zeigen. Nein, der Punkt ist, dass solche Auslassungen die Moral der Menschen untergraben. Und das ist kontraproduktiv. Das beweist: Auch sehr schlaue Menschen können sehr dumme Aussagen machen…

Roger Pint