Die Presseschau von Dienstag, dem 27. Oktober 2020

Der Druck, auch in Flandern die Coronavirus-Schutzmaßregeln zu verschärfen, wie dies in der Wallonie und Brüssel bereits der Fall ist, wird immer größer. Vor diesem Hintergrund befassen sich viele Leitartikler einmal mehr mit der Art und Weise, wie in Belgien der Kampf gegen das Virus geführt wird.

Provinz Antwerpen hebt die nächtliche Ausgangssperre vorübergehend auf

Illustrationsbild: Nicolas Maeterlinck/Belga

„Flandern arbeitet an strengeren Corona-Regeln“, titelt De Tijd. „Flandern macht eine Kehrtwende“, schreibt Het Nieuwsblad auf Seite eins. „Auch die flämische Regierung muss sich der Corona-Realität beugen“, so De Standaard.

Jetzt kommen doch schnell zusätzliche Corona-Schutzmaßregeln in Flandern, fasst Het Nieuwsblad die jüngsten Entwicklungen zusammen. Die Region, die offiziell am Sonntag noch nicht in Flammen stand, ist also nach Aussage der eigenen Politiker jetzt doch in der Gefahrenzone gelandet. Und jedes Mal, wenn wie jetzt wieder gezögert wird, muss man sich die Frage stellen: Haben wir zwischenzeitlich eigentlich irgendetwas gelernt? Was wir dazugelernt haben, weist vor allem in eine Richtung: Dass man schneller strenger eingreifen muss. Noch im März schien es, als ob wir eine Wahl treffen müssten zwischen Gesundheit und Wirtschaft. Das scheint sich immer mehr als Irrtum herauszustellen.

Die Länder, die schnell und drastisch eingegriffen haben, scheinen auch den wirtschaftlichen Schaden am besten begrenzt zu haben. Dennoch ist auch das Zögern zu begreifen. Wir haben gesehen, dass auch angebliche „kurze schmerzvolle“ Einschränkungen recht lange dauern und auch schlechter bezifferbare Folgen haben können. Etwa was das Wohlbefinden, Lernrückstände oder das Verbringen seiner letzten Lebensmonate in Einsamkeit angeht. Aber wir haben etwas gelernt: Im Vergleich zum Frühjahr können wir manche Bereiche offenlassen. Wir können Schäden zumindest etwas begrenzen. Das ändert aber nichts daran, dass schnell und energisch eingegriffen werden muss, um den Schmerz so kurz wie möglich zu halten.

Keine Brandschutzversicherung gegen das Corona-Feuer

Man muss ehrlicherweise sagen, dass es keine offensichtliche Art und Weise gibt, so eine Gesundheitskrise zu lenken, glaubt Het Laatste Nieuws. Aber mittlerweile scheint doch klar zu sein: Lieber etwas strenger, als etwas später. Jeder Feuerwehrmann weiß, dass ein Schwelbrand leichter zu löschen ist als ein Großbrand. Und gegen das Corona-Feuer gibt es auch keine Brandschutzversicherung. Deswegen gilt jetzt: Kräftig hochschalten.

Gazet van Antwerpen glaubt, dass Witze über brennende Häuser den flämischen Ministerpräsidenten Jan Jambon bis an sein Karriereende verfolgen werden. Und die Schuld daran trägt nur er selbst durch sein Zögern, es der Wallonie und Brüssel umgehend nachzumachen. Egal, wie heftig die Gesundheitskrise auch ist, Flandern legt Wert darauf, dass seine Maßnahmen anders sein müssen. Gemeinschaftspolitische Gegensätze bestimmen weiter die Politik. Die komplizierte Struktur Belgiens ist ein konstanter Nachteil im Kampf gegen Corona gewesen. Das ist schon schlimm genug. Wenn sich Politiker auf beiden Seiten der Sprachgrenze dann noch gegenseitig den Rang ablaufen wollen, wird es noch schlimmer. Mit allem Respekt für die Regionalisten des Landes: In dieser Krise geht es nur mit „Allemaal samen“, „Tous ensemble“, „Alle zusammen“ vorwärts.

Es sind nicht mehr nur die Ärzte, die fordern, dass sich Flandern ein Beispiel an Brüssel nimmt, hält Het Belang van Limburg fest. Es ist auch die Basis, sprich die Bürgermeister, die das von den Gouverneuren wollen. Und nach einer Basis in der Bevölkerung muss Jambon auch nicht mehr suchen, wir sind ohnehin schon de facto in einer Art halbem Lockdown. Der uns immerhin nicht ganz so mit lächerlichen Vorschriften wie im Frühjahr beschränkt. Und da ein Impfstoff vorerst auch nicht für alle verfügbar sein wird, haben wir nur ein Medikament gegen das Virus: unser Verhalten.

Was ist wirklich noch lokal?

De Standaard betont, dass es in einem Föderalstaat vollkommen legitim ist, lokal unterschiedliche Präventionsmaßnahmen zu ergreifen. Die Frage ist allerdings, was in diesen Corona-Zeiten noch wirklich lokal ist. Die Deiche drohen überall zu brechen. Es ist eine Illusion zu glauben, dass das Haus in Flandern noch nicht in Flammen stünde und man noch Zeit hätte, zu schauen, wie es bei den Nachbarn brennt. Und die Reflexe sind bei allen Regierungen die gleichen: Abwarten, bis der Druck von Bürgermeistern und Gouverneuren zu groß wird. Und mittlerweile sind die drei Prioritäten von Premier De Croo, nämlich die Schulen offenhalten, die Betriebe weiterlaufen lassen und die Krankenhäuser nicht überschwemmen zu lassen, zu einer einzigen zusammengeschmolzen: alles für die Krankenhäuser. Nie wieder wollten wir so mit dem Rücken zur Wand stehen, hatten wir im März geschworen. Aber bei der losen Schlachtordnung, mit der die Belgier in den Kampf gegen Corona ziehen, fühlt sich echte Führung wie ein Angebot aus Schwäche und wie Selbstgeißelung an.

De Morgen fühlt sich bei den drei Regionen des Landes an „Die drei kleinen Schweinchen“ erinnert. Und an ihre Häuschen zum Schutz vor dem bösen Corona-Wolf. Nur, dass die drei belgischen Schweinchen alle Hütten aus Stroh gebaut haben. Ein halbes Jahrhundert ausgefeiltester Staatsreformen. Und dann reicht einmal kräftig Pusten.

Ein sehr hoher Preis für die Kleinstaaterei

Man musste dieses Wochenende schon sehr motiviert sein, um die tröpfchenweise Kommunikation der verschiedenen Regierungen mitzuverfolgen, beklagt L’Echo. Natürlich sind das außergewöhnliche Zeiten. Und sind wir solche Vorgänge von unserem Föderalismus irgendwie gewohnt. Aber jetzt hat der Verdruss eine Grenze überschritten. Bei den Eltern, bei den Studienanfängern, bei den Krankenhäusern, bei den Unternehmern und bei den Bürgern allgemein.

Belgien bezahlt einen sehr hohen Preis für seine Kleinstaaterei. Und die Bresche, die hier geöffnet wurde, wird von den Nationalisten gefüllt werden.
Le Soir schließlich erinnert daran, dass uns das Virus wohl noch lange erhalten bleiben wird. Und dass Impfstoffe nicht so schnell verfügbar sein werden. Der Kampf wird noch bis 2021 oder sogar 2022 weitergehen. Und es wird unmöglich sein, die Zeit bis dahin mit dem aktuellen „Stop and go“ bewältigen zu wollen. Das wäre aus psychologischer, gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Sicht Selbstmord. Genauso unmöglich wird es allerdings sein, die nächsten 18 Monate aufzuhören, zu leben, um eine Ansteckung zu vermeiden. Wir müssen ein Waffenarsenal entwickeln, das es uns erlauben wird, unsere Gesundheit mit der Aufrechterhaltung der Aktivitäten in den verschiedenen Sektoren zu vereinbaren. Dazu braucht es eine auf den neuesten Stand gebrachte Gesundheitsstrategie, die Vorbeugung, Schutz, Heilung, Infrastrukturen, Personalreserven und anderes vorsieht.

Boris Schmidt