Die entlarvende Schlacht um Impfstoffe – ein Kommentar

Thema Nummer eins war in dieser Woche die Impfkampagne, oder besser gesagt: die anhaltende Polemik um das zu langsame Tempo, die verzögerten Lieferungen und die tatsächlichen oder angeblichen Verantwortlichen. Einige machen die EU für die Pannen verantwortlich, die EU-Kommission selbst geht auf Konfrontationskurs mit den Herstellern. Das allgemeine Gezeter schafft aber allenfalls unnötige Verwirrung.

Roger Pint, Leiter des BRF-Studios Brüssel

Roger Pint, Leiter des BRF-Studios Brüssel (Bild: Achim Nelles/BRF)

Zynismus ist Trumpf. Und die letzten Tage waren da regelrecht entlarvend. Die Chefzyniker, das sind die Pharmaunternehmen. „Wenig überraschend“, mag der eine oder andere spontan denken. Denn tatsächlich waren Arzneimittelkonzerne noch nie für Selbstlosigkeit und Nächstenliebe bekannt. Gut, die Welt verdankt ihnen Impfstoffe, das Ticket in die Freiheit. Revolutionäre Präparate, die zudem in Rekordzeit entwickelt wurden. Diese Leistung hätte die ganze Branche mit einem Mal in einem anderen, einem besseren Licht erscheinen lassen können.

Hätte … Denn stattdessen machten sie dann doch wieder dem alten Image alle Ehre. Pfizer etwa „bestrafte“ gleich die Tatsache, dass man insbesondere in Belgien sechs Dosen aus einem Fläschchen gezogen hatte, das eigentlich nur fünf enthalten sollte. „Die Staaten hätten aber Impfdosen gekauft, keine Fläschchen“, hieß es da, und so rechtfertigte man eine zeitweilige Verlangsamung der Lieferungen.

Astrazeneca hat aber den Vogel abgeschossen. Mit entwaffnender Arroganz wurde einseitig verkündet, dass in einer ersten Phase nur 40 Prozent der vereinbarten Impfstoff-Menge an die EU geliefert werde. Schuld seien Probleme bei einem Zulieferbetrieb in Belgien. Seltsam nur, dass diese Verzögerungen offensichtlich nur den Kontinent betreffen, nicht aber Großbritannien. Nicht vergessen: Astrazeneca ist immer noch ein mindestens zur Hälfte britisches Unternehmen.

Als in der Folge die Forderung aufpoppte, dass man dann eben Impfstoff aus den britischen Fabriken in die EU liefern müsse, da gab es aus London aber ein klares „No way“,“könnt ihr vergessen“. Hier zeigte sich dann gleich noch einmal die wahre Natur des Brexits. Im Kern ist es eben ein nationalistisches, egoistisches, eigennütziges Projekt, eine Absage an jede Form von Solidarität.

So paradox das klingen mag: Genau diese Episode ist ein Musterbeispiel dafür, dass es richtig war, die Impfstoff-Bestellungen der EU zu überlassen. Man stelle sich vor, jedes EU-Land hätte sich seinen eigenen Impfstoff besorgen müssen. Dann hätten wir den britischen Egoismus in 27-facher Ausführung gesehen. „Na und?“, mag jetzt der eine oder andere erwidern. Sagen wir mal so: Ein Deutscher, Franzose oder Italiener kann vielleicht noch so denken. Kleine Länder wie eben auch Belgien wären da aber wohl unter die Räder geraten. Ganz abgesehen davon, dass ein solch trauriges Spektakel dem ohnehin schon kränkelnden Teamgeist innerhalb der EU wohl einen neuen schweren Schlag versetzt hätte.

Und doch steht die EU-Kommission derzeit vielerorts am Pranger. Zu spät habe man bestellt, und dann auch noch zu schlechte Konditionen ausgehandelt. Ob das stimmt oder nicht, das können allerdings die wenigsten unter den Kritikern wirklich beurteilen. Der Punkt ist: Man weiß es ganz einfach nicht. Selbst die Veröffentlichung des Vertrags mit Astrazeneca lieferte da keine abschließende Gewissheit. Das allerdings ist tatsächlich durchaus kritikwürdig, doch sind es in erster Linie die Pharmaunternehmen, die auf solche Geheimhaltungsklauseln pochen.

Wenn überhaupt, dann wird die EU hier das Opfer ihrer vorsichtigen Vorgehensweise. Man hat es vorgezogen, der Europäischen Arzneimittelagentur die nötige Zeit zu geben, um die Präparate bzw. die dazugehörigen Ergebnisse der klinischen Studien wirklich abzuklopfen. Nach dem Motto „Sicherheit geht vor“.

Und was den Streit über die Lieferengpässe angeht, so ist da im Übrigen noch nicht das letzte Wort gesprochen. Die EU hat jetzt ihre Zähne gezeigt. „Endlich!“, wäre man geneigt zu sagen. Grob gesagt behält sich die EU das Recht vor, gegebenenfalls Ausfuhrbeschränkungen zu verhängen für in Europa hergestellten Impfstoff. Nein, das ist kein Anflug von Kommunismus, auch nicht das Verhalten eines schlechten Verlierers, sondern vielmehr das eines Anlegers, der auf seine Dividenden pocht.

Allein Astrazeneca hat 336 Millionen Euro an reinen EU-Fördermitteln mit Blick auf die Impfstoff-Produktion eingestrichen. Zudem hat die EU die Produktion der Impfstoffe von mehreren Herstellern in Teilen vorfinanziert und dabei das Risiko auf sich genommen. Eben das macht die Haltung einiger Konzerne denn auch so zynisch: Bei öffentlichen Geldern sagt man nicht Nein. Wenn es einmal ums große Geld geht, dann hat man das aber auch schnell wieder vergessen.

Was bleibt, das ist jedenfalls ein enormer Scherbenhaufen. Nahezu alle Beteiligten scheinen vergessen zu haben, dass man sich in diesem Leben früher oder später wieder begegnen wird. Der Krieg mit den Konzernen, die Post-Brexit-Propaganda-Schlacht mit London, all das wird Spuren hinterlassen. Ganz zu schweigen von all den Menschen, die die Erlösung herbeisehnen, und die vielleicht jetzt noch länger warten müssen als gedacht: die Wirtschaft, die Kulturszene, die vielen Branchen, die zur Untätigkeit verdammt sind.

Klar sind Frust und Ärger nachvollziehbar. Klar wird die EU das einfordern müssen, was ihr zusteht. Und das so nachdrücklich wie nötig. Dennoch wäre es erfrischend, wenn jetzt nochmal ein bisschen Besonnenheit einkehren könnte.

Roger Pint

14 Kommentare
  1. Alfons Velz

    Wieder mal ein wohl durchdachter, ausgewogener Kommentar, der sich dadurch auszeichnet, dass er die Dinge beim Namen nennt. Vielen Dank, Roger Pint.

  2. Angelika Rieger

    Der bisher beste Kommentar zu dem Thema. Schade, dass wir z.Zt. auf Astrazeneca angewiesen sind…

  3. Greeven Roger

    Wie immer und mit alles geht es in dieser EU nur ums Geld…

  4. Marcel Scholzen eimerscheid

    Des einen Not
    Ist des anderen Brot.

    Diese alte Weisheit bewahrheitet sich auch in der Coronakrise.

  5. Michael Auer

    Ich hoffe, unsere Ärzte erinnern sich an das Verhalten von Astrazeneca, wenn es um Rezepte geht. Denn fast alle Präparate von AstraZeneca können auch von anderen Herstellern verordnet werden. Auch wir Patienten können dem Arzt sagen: bitte nicht von AstraZeneca. Wir können unseren Unmut eben auch dort zeigen, wo es dieser Firma weh tut.

  6. Yves Tychon

    @ Greeven Roger: Nein, es geht in der EU nicht nur ums Geld, aber halt auch ums Geld, Ihres und meines!

    Im Sommer wurden Verträge mit diversen potenziellen Herstellern ausgehandelt, um Chancen und Risiken abzuwägen und halt nicht alle Eier in einen Korb zu legen. Heute gibt es Schlaumeier, die da sagen: Hätte man massive Mengen bei Biontech/Pfizer bestellt, wäre die aktuelle Lage nicht so desolat. Dabei war jener Impfstoff wegen der aufwendigen Kühlung alles anderes als « erste Wahl ».
    Mal davon abgesehen, dass man im Sommer glaubte, die Lage einigermaßen im Griff zu haben, wäre die Entscheidung für einen einzigen Hersteller so gewesen, als hätte man vor einem Fußballspiel darauf gewettet, wer von den Spielern ein Tor schießt.

    Im übrigen: Wie immer ein ausgezeichneter Kommentar, Herr Pint.

  7. Alfons Velz

    @Marcel Scholzen:
    So einfach ist es leider diesmal nicht mit der alten Weisheit: diejenigen, die jetzt nicht für existenzielles Brot, sondern für den Luxus von Kuchen um unser aller Geld zocken, haben sich ihre augenblicklich komfortable Situation mit unser aller Geld vorfinanzieren lassen.
    Der Begriff „Zynismus“ , den Roger Pint in seinem Kommentar verwendet, ist daher in diesem Zusammenhang noch recht euphemistisch.

  8. Guido Belleflamme

    Danke, Herr Pint. Ihr Kommentar hebt sich wohltuend von dem kritischen Gejammer, das wir in den letzten Wochen in vielen Medien ertragen mussten ab. Es gibt ihn also doch noch, den gesunden Menschenverstand.

  9. Norbert Schleck

    „Man stelle sich vor, jedes EU-Land hätte sich seinen eigenen Impfstoff besorgen müssen. Dann hätten wir den britischen Egoismus in 27-facher Ausführung gesehen.“

    In der Tat, es hätte einen Wettlauf gegeben, sozusagen eine Versteigerung der Impfstoffe an die Meistbietenden.

    Aber anscheinend geht die Balgerei dennoch schon los. Und wer macht wohl den Vorreiter?
    „Ungarn bestellt fünf Millionen Dosen des in der EU nicht zugelassenen chinesischen Impfstoffs Sinopharm.“

    Da hebelt man sogar eigene nationale Reglementierungen aus:
    „Es war nicht klar, ob die ungarische Arzneimittelbehörde OGyEI ein eigenes Überprüfungsverfahren durchgeführt hat.
    Seit Donnerstag ist ein solches nicht mehr notwendig. An jenem Tag hatte Ministerpräsident Viktor Orban eine Verordnung erlassen, die es ermöglicht, nicht in der EU zugelassene Impfstoffe gegen das Coronavirus unter bestimmten Bedingungen ohne Prüfung durch die eigenen Behörden in Ungarn einzusetzen.“ (Wiener Zeitung)

    Toll, was?

  10. Peter Schallenberg

    Wichtiger ist die Frage, ob das Zeugs überhaupt zuverlässig wirkt und welche Nebenwirkungen zu erwarten sind. Dann relativiert sich die Frage, woher es kommt. Und das da irgendwelche schaumgeborenen EWG- Kommissare ihre Finger im Spiel haben macht die Beschaffung und Verteilung scheinbar nicht effektiver.

  11. Marita Eichten

    Nur muss, wenn man diese Situation analysiert, darf man die Verhandlungsführer bei der EU-Kommission nicht vergessen. Frau Von der Leyen war schon bei ihrem vorherigen Posten im Deutschen Verteidigungsministerium nicht besonders kompetent. Die Ausstattung der Soldaten hatte sich in der Amtszeit V.d. Leyens massiv verschlechtert! Pharmakonzerne nutzen natürlich jedes juristisches Schlupfloch. Davon abgesehen ist die Produktion von Medikamenten und Impfstoffen nicht so einfach.

  12. Manz Hannelore

    Wenn irgendwer glaubt das ich mich mit Astra zeneca impfen lasse, der irrt sich gewaltig. Es ist bewiesen daß es für über 65 Jährige nicht wirkt. Also liebe EU Mitwirken, Politiker, wacht endlich aus dem Dornroschenschlaf auf, legt dieses Gutmenschengehabe auf Seite, es geht um eure Bürger, nicht um Brexitprobleme, die ihr lange genug nicht auf die Reihe bekommen habt.

  13. Greeven Roger

    @ Yves Tychon…der EU geht es sicher nicht um die Millionen Existenzen, u.a. in Kultur – Horeca und Tourismusbereich, die sie durch ihre Politik zerstören! Das Abschaffen der Mittelklasse, Kultur und andere Bereiche indem die Menschen eine gewisse Freiheit haben, sind dann sogenannte(gewollte) kolaterale Schäden. Diese Schäden werden sowieso von den Gewinnern dieser Krise und den wahren Herrscher der EU, den Supereichen – die auch Besitzer der u.a. Pharmaindustrie(wie auch der Medien die diese Panik und Angstmachepropaganda verbreiten) sind, wieder wettgemacht. Denn diese „Elite“ wird nach der Krise auf Schnäppchenjagd gehen und alles einkaufen womit sie dann noch reicher werden und womit sie das gemeine Volk noch besser kontrollieren und im Schach halten können.

  14. Yves Tychon

    @ Greeven Roger: Aber sicher doch, die ganzen an Covid-19 Erkrankten und Verstorbenen haben sich das alles nur eingebildet.
    Wie gut, dass es auf anderen Kontinenten Lichtgestalten wie Trump und Bolsonaro gab, die ihr Volk vor dieser Lappalie geschützt haben, indem sie Corona einfach ignorierten!
    Der größte Krisengewinnler bislang war übrigens kein “EU-Herrscher”, sondern Amazon-Boss Jef Bezos. Logisch, dass die Pandemie-Skeptiker daher Gates und Soros für alles verantwortlich machen. So stelle ich mir Querdenken vor: Wenn die Welt für mein Köpfchen ein wenig zu komplex ist, reduziere ich die Problematik so, dass sie in mein debiles Weltbild passt.