Historiker Andreas Fickers: Geschichte Ostbelgiens und des BRF eng miteinander verwoben

An diesem Donnerstag feiert der Belgische Rundfunk ein ganz besonderes Jubiläum: Vor 75 Jahren, am 1. Oktober 1945, wurden von Brüssel aus die ersten "Sendungen in deutscher Sprache" ausgestrahlt. Für den Historiker Andreas Fickers stehen 75 Jahre BRF auch für 75 Jahre ostbelgische Nachkriegsgeschichte: "Die beiden sind für mich sehr eng miteinander verwoben."

(V.l.n.r.) Hubert Jenniges, Raymund Graf, Kurt Fagnoul und Joseph Kirchens bei einem Rundtischgespräch 1967 (Archivbild: BRF)

(V.l.n.r.) Hubert Jenniges, Raymund Graf, Kurt Fagnoul und Joseph Kirchens bei einem Rundtischgespräch 1967 (Archivbild: BRF)

Vom Vertrautmachen …

Er habe den BHF und später BRF auch immer als eine Quelle für die Geschichte Ostbelgiens betrachtet, so Fickers: „Dieser Hörfunk hat die Geschehnisse nicht nur kommentiert, nicht nur journalistisch begleitet, sondern – denke ich – auch zum Teil beeinflusst.“

Dass schon wenige Monate nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs von Brüssel aus, vom damaligen „Institut national de radiodiffusion“ (INR), die „Emissions en langue allemande (ELA)“ („Sendungen in deutscher Sprache“) ausgestrahlt wurden, hält der Historiker auch für einen „symbolischen Akt“ von Seiten der belgischen Rundfunkbehörden.

„Das hatte sicherlich auch damit zu tun, dass man vielleicht erkannt hatte, dass der Rundfunk doch eine zentrale Rolle spielen kann in der Assimilierung, in der Identitätsbildung, im Vertrautmachen der Ostbelgier mit diesem belgischen Staat – da hatte man in der Zwischenkriegszeit doch einige Fehler gemacht. Ich glaube, es war ganz bewusst das Zeichen, dieser Bevölkerung eine, wenn auch nur kleine, Stimme im belgischen Äther zu geben.“

Im Interview mit Peter Thomas bestritt die Pionierin Irene Janetzky später vehement, dass es bei diesen Sendungen um einen Versuch der Assimilierung gegangen sei – da sei vieles „fabuliert“ worden, sagte sie. Andreas Fickers mahnt zum vorsichtigen Umgang mit der Interpretation solcher Aussagen, meint aber mit Blick auf die Französischkurse, die später als Teil der Sendungen in deutscher Sprache angeboten wurden: „Forcierte Assimilierung würde ich es in dieser Zeit auch nicht nennen.“

Das Erlernen der französischen Sprache sei für viele in Ostbelgien ganz einfach eine Notwendigkeit gewesen. Weltweit wurde der Rundfunk nach dem Zweiten Weltkrieg eingesetzt, um etwa Sprachenunterricht zu erteilen.

… zur eigenen Stimme

Ausführlich beleuchtet hat die ostbelgische Geschichtsschreibung die Rolle des damaligen BHF beim Entstehen der Autonomie in Ostbelgien, so vor allem in der Masterarbeit von Vitus Sproten ‚Ostbelgien hört Ostbelgien – Der belgische Hörfunk im Kontext der Debatten um die Kulturautonomie der deutschsprachigen Belgier 1965-1974‘.

Professor Andreas Fickers erkennt hier einen Wandel im Vergleich zu den 1950er Jahren. „Es gab nur eine sehr begrenzte Sendezeit, die Sendungen waren dezidiert apolitisch, eher informativ ausgelegt.“ Das habe sich in den 1960er Jahren geändert, „wo man doch erkennt, dass der BHF eine eigene Stimme entwickelt, dass er sich expliziter in alltagspolitische Fragen einbringt.“

Durch sein Netz von freien Mitarbeitern sei der Sender nah an den Menschen gewesen und habe viele O-Töne eingefangen: „Sie geben auch in den politischen Debatten zur Autonomie dem Belgischen Rundfunk jetzt mehr die Rolle eines Resonanzkastens denn eines reinen Informationsübermittlers.“

Andreas Fickers bei der Aufzeichnung der Sendereihe "100 Jahre Ostbelgien" im Januar (Archivbild: Renate Ducomble/BRF)

Andreas Fickers bei der Aufzeichnung der Sendereihe „100 Jahre Ostbelgien“ im Januar (Archivbild: Renate Ducomble/BRF)

Stephan Pesch