Corona-Pass: Patentrezept oder Diskriminierung?

Je mehr Menschen geimpft sind, desto akuter wird die Frage, inwieweit die Corona-Einschränkungen für Geimpfte oder auch Genesene gelockert werden können. Der Brüsseler Ministerpräsident Rudi Vervoort hat bereits für die Einführung eines "Corona-Passes" plädiert. Experten warnen aber davor, dass eine solche Regelung diskriminierend sein könnte.

Impfzentrum auf dem Brüsseler Heysel-Gelände (Bild: Hatim Kaghat/Belga)

Impfzentrum auf dem Brüsseler Heysel-Gelände (Bild: Hatim Kaghat/Belga)

„Ein Corona-Pass ist kein Tabu mehr“, titelt am Dienstag schon die Zeitung Het Nieuwsblad. Das gilt in erster Linie für die Hauptstadtregion. Der Brüsseler Ministerpräsident Rudi Vervoort hat jetzt für die Einführung eines solchen Corona-Passes plädiert. Dieses Dokument würde also Auskunft darüber geben, ob man gegen das Coronavirus „immunisiert“ ist, sei es durch eine Impfung, sei es aufgrund der Tatsache, dass man an Covid-19 erkrankt ist und der Körper in der Folge Antikörper gebildet hat.

Und, ja, dieser Corona-Pass wäre dann so eine Art Persilschein. Für Geimpfte oder Genesene würden sich damit Türen öffnen, die für die anderen noch verschlossen sind. Denkbar wäre, dass man, wenn man einen solchen Pass vorzeigen kann, zum Beispiel Zugang zu einem Restaurant oder einem Kino erhält.

Rudi Vervoort betont aber, dass man einen solchen Pass erst ab dem Moment einführen könne, wenn wirklich jeder ein Impfangebot unterbreitet bekommen hat.

Dennoch sorgt die Idee an sich natürlich schon für Diskussionsstoff. Wobei viele das Ganze erstmal in seinen Kontext setzen. Denn es sei kein Zufall, dass diese Idee ausgerechnet aus der Hauptstadtregion komme, sind sich viele Beobachter einig. Denn in Brüssel ist die Impfquote erwiesenermaßen am niedrigsten. Vor diesem Hintergrund kann es so aussehen, als wolle der Brüsseler Ministerpräsident den Menschen ein bisschen Druck machen.

Sensibilisierung

Professor Erika Vlieghe, die Vorsitzende des wissenschaftlichen Beratergremiums Gems, sieht da zumindest im Moment noch keinen wirklichen Handlungsbedarf. Die Impfkampagne laufe noch, da könne noch viel passieren, sagte Vlieghe in der VRT. Aber, klar: Selbst im jetzigen Stadium ist jeder Nicht-Geimpfte einer zu wenig. Je niedriger die Impfquote, desto größer eben die Gefahr, dass weitere Menschen erkranken.

Aber selbst wenn am Ende alle ein Impfangebot erhalten haben, dann bedeutet das nicht, dass diejenigen, die es nicht angenommen haben, wissentlich getan haben, sagt Erika Vlieghe. Im Klartext: Es gibt Bevölkerungsgruppen, vor allem in den großen Städten, die sind sich gar nicht dessen bewusst, weil sie entweder den Brief nicht verstanden haben, oder weil ihnen die technischen Mittel oder die Fähigkeiten fehlen, auf das Angebot einzugehen. Ein Corona-Pass kann eine verlockende Idee sein. Nur muss man da wirklich sicher sein, dass jeder seine Chance auf eine Impfung auch wirklich bekommen hat.

Wobei: Es sei nicht so, als passiere da gerade nichts, betonte in der VRT Inge Neven, die Chefin der Brüsseler Gesundheitsinspektion. Man habe die Impfquote immerhin schon auf 70 Prozent steigern können, was ja letztlich das Ziel war, das ausgegeben worden war. Man unternehme im Moment enorme Anstrengungen, um auf die Menschen zuzugehen. Nicht, indem man sie anrufe, sondern über „Vertrauenspersonen“: Menschen, die in den Stadtvierteln auf die Menschen zugehen, um sie zu sensibilisieren.

Aber, gut: Es gibt auch das Phänomen der Impfgegner, das vor allem in Brüssel sehr ausgeprägt ist. Und das betrifft vor allem die jüngeren Altersgruppen; also wirklich sichtbar wird das wohl eher später. Und es sind wohl vor allem diese Menschen, die Vervoort wohl vor Augen hatte.

Diskriminierung

Aber selbst, wenn alle anderen Bedenken ausgeräumt wären, ist ein Corona-Pass auch auf diese Menschen bezogen nicht „mal eben“ die Patentlösung. Das würde nämlich mit der Anti-Diskriminierungsgesetzgebung kollidieren, meint unter anderem das Zentrum für Chancengleichheit, Unia.

Belgien habe sich gegen eine Impfpflicht entschieden. Und doch würde den Menschen nach der Einführung eines Corona-Passes gegebenenfalls der Zugang zu privaten Einrichtungen wie Kneipen oder Restaurants untersagt. „Das bezeichnen wir als Diskriminierung“, sagte Unia-Chefin Els Keytsman.

„Macht es sauber, oder macht es nicht“, sagte sinngemäß auch Dominique De Meyst von der Uni Hasselt. Wenn man einen Corona-Pass zur Pflicht macht, dann kann man auch gleich eine Impfpflicht verordnen.

Roger Pint

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6 Kommentare
  1. Patrick Marechal

    Das wichtigste hat Herr de Croo eh gesagt
    KEINE Lockerungen für 2x Geimpfte

    auch wenn Leute sich das so sehr erhoffen , nix da

    Schön warten, so Wie Wir alle

  2. Claudia Gottschling

    Wenn man möchte, dass auch bildungsferne Menschen ihr Impfangebot verstehen und wahrnehmen, dann sollte man in die entsprechenden Wohnviertel gehen und dort Aufklärungsarbeit leisten. In sozialen Brennpunkten in Deutschland bereit geimpft und es gibt Erklärende und Übersetzende. Wenn man die allerletzte Person nicht erreichen kann, dann spricht das nicht gegen eine Impfbescheinigung mit „Vorteilen“. Das kommt keiner Imofpflicht gleich, die Leute haben ja weiterhin die Wahl. Aber eben auch die Verpflichtung, Verantwortung für andere Menschen tragen.

  3. Hanno Voss

    Niemand wird diskriminiert!
    Es werden die Grundrechte, die weggenommen wurden, zurück gegeben.
    Punkt.

  4. Peter Mertens

    Geimpfte können trotzdem das Virus an ungeimpfte übertragen, also abwarten bis alle geimpft sind.

  5. Georg Radermacher

    Sachlich gesehen bringt einem persönlich das aber nichts, wenn 2x geimpfte auch weiter warten. Höchstens Vermeidung von überflüssiger Missgunst. Die Wirtschaft würde sich freuen, wenn es wenigstens mit den geimpften schon mal wieder los geht.
    Was habe ich davon, dass alle anderen auch zu Hause bleiben, wenn ich mir ein Bein breche?

  6. Lutz-René Jusczyk

    «KEINE Lockerungen für 2x Geimpfte»

    Wobei man der Ehrlichkeit halber dazusagen muss, dass hier in Belgien Nicht-Geimpfte mehr Freiheiten genießen als bspw. in Deutschland: Versuch dort mal, ohne negativen Coronatest zum Friseur zu gehen oder im Baumarkt einzukaufen!
    Am kommenden Wochenende werden hierzulande die Terrassen geöffnet; wer dort ein Getränk zu sich nehmen möchte, muss keinen negativen Coronatest oder Impfnachweis vorlegen und das bei noch immer höheren Infektionszahlen als im Nachbarland (wo bis auf die Modellregionen ohnehin die Außenbereiche weiterhin geschlossen bleiben).
    Die belgische Regelung halte ich für deutlich besser als die deutsche, denn in Belgien erhalten die Gastronomen, Einzelhändler und Friseure eine echte Perspektive; in Deutschland dagegen kann die Testpflicht für viele Betriebe einen Todesstoß bedeuten, denn welcher vernünftige Mensch riskiert eine zweiwöchige Quarantäne, nur um auf einer Terrasse einen Kaffee oder ein Bier zu trinken?

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