Corona-Sonderausschuss: Experten durchweg unzufrieden mit Krisenmanagement

In Brüssel hat am Freitag zum ersten Mal der Sonderausschuss getagt, der untersuchen soll, wie gut das Management der Corona-Epidemie in Belgien bisher funktioniert hat. Zu Wort kamen die drei Experten, die der Ausschuss bestellt hatte. Und die bewerteten das belgische Krisenmanagement in Sachen Covid-19 extrem kritisch.

Maskenpflicht in der Brüsseler Einkaufsstraße

Illustrationsbild: Nicolas Maeterlinck/Belga

Die Sonderkommission der Kammer war bereits jetzt zusammengekommen, da es angesichts der zuletzt wieder stark steigenden Infektionszahlen mehr als dringend ist, möglichst schnell Lehren aus der ersten Corona-Welle zu ziehen.

Und die Experten hielten mit ihrer Kritik nicht hinterm Berg. Leila Belkhir, Infektiologin an den Universitätskrankenhäusern Saint-Luc, verurteilte zum Beispiel scharf, dass man die Epidemie zunächst kleingeredet habe. Und wie man mit der Krise umgegangen sei, gerade was die Schutzausrüstung angehe, sei schlicht schlecht gewesen. Es habe allgemeines Chaos und Verwirrung geherrscht vor Ort, was dazu geführt habe, dass man oft habe improvisieren müssen.

Kommunikations-Katastrophe

Einer der katastrophalsten Punkte sei allerdings die Kommunikation gewesen, erklärte Belkhir vor der Kommission. „Warum hat es denn nicht ein einziges Kommunikationsorgan gegeben, einen einzigen klaren Kommunikationskanal? Bei einer Krise dieser Größenordnung ist das sehr wichtig.“ Stattdessen habe es aus allen möglichen Richtungen Informationen gegeben. Der Mangel an Transparenz, Kohärenz und einer klaren Kommunikation habe Verschwörungstheorien befeuert und zu einem Vertrauensverlust bei der Bevölkerung geführt, wetterte Belkhir.

Ein weiterer Kritikpunkt, in dem sich Belkhir mit ihren Mit-Experten, dem Epidemiologen Yves Coppieters von der Freien Universität Brüssel und Floor Lams, ihres Zeichens Sachverständige für Risikomanagement und Sicherheit, einig war, war die Rolle von Wissenschaftlern bei der Handhabung der Corona-Krise. So könne man sich durchaus Fragen stellen über die Art und Weise, wie eine sehr begrenzte Anzahl an Experten Einfluss auf das Krisenmanagement durch die Politik genommen habe.

Leila Belkhir prangerte an, dass alle Beschlüsse von einer kleinen Gruppe Wissenschaftler bestimmt worden seien – das Problem sei aber, dass diese Beschlüsse manchmal nicht die richtigen Antworten auf die Probleme vor Ort gewesen seien. Diese Begrenzung auf wenige sozusagen „offizielle“ Experten läuft für Yves Coppieters sogar der Demokratie zuwider. Außerdem habe sie verhindert, dass man andernorts nach geeigneten Expertisen gesucht habe.

Kritik am „Experten-Kern“

Die Risikomanagement-Spezialistin Floor Lams bezeichnete die Vorgehensweise, bei einer so breiten und lange andauernden Krise wie der jetzigen mit einem festen Team aus Experten zu arbeiten, als unlogisch. Für sie wäre eine transdisziplinäre und flexible Gruppe aus Fachleuten eine viel bessere Lösung. Hierbei könne ein fester Kern aus Experten je nach Phase der Krise kurzfristig durch andere Sachverständige ergänzt werden, empfahl sie. Die Corona-Epidemie sei ja nicht nur eine gesundheitliche Krise, sondern zum Beispiel auch eine wirtschaftliche. Und dann brauche man eben auch Leute, die damit auskennen.

Alle drei Experten waren sich außerdem einig in ihrer Forderung nach einer besseren Koordination. Für Belkhir gibt es schlicht zu viele Entscheidungsebenen und zu viel Verwirrung. Man habe nie gewusst, an wen man sich den eigentlich wenden müsse. Zwischen den Medizinern habe man sich über Whatsapp-Gruppen koordinieren müssen. Sobald einer von ihnen auf der Homepage des Instituts für Volksgesundheit, Sciensano, etwas Neues entdeckt habe, habe er die die anderen so darauf aufmerksam machen müssen, beschwerte sich die Infektiologin.

Floor Lams forderte derweil ein leistungsfähiges nationales Krisensystem mit einem einheitlichen Kommando auf der föderalen Ebene. Und man brauche eine klare und deutliche Zuständigkeitszuordnung mit klar definierten Rollen für beispielsweise lokale Behörden und Amtsträger.

Pandemie-Plan

Neben diesen Kritikpunkten und Empfehlungen gab es in der Sonderkommission aber auch noch eine ganze Reihe anderer Aspekte, die angesprochen wurden. So wies Belkhir beispielsweise darauf hin, dass nach der H1N1-Pandemie von 2009 und 2010 schon ein Pandemie-Plan erstellt worden sei. Und dass man doch sehr überrascht sein müsse, dass die entsprechende Arbeitsgruppe bei der jetzigen Krise nicht reaktiviert worden sei.

Außerdem sei es unbegreiflich, dass es anfangs nur ein einziges belgisches Referenzlabor gegeben habe. Das habe die Anzahl und die Kriterien der Tests bestimmt. Das sei einer der größten Fehler überhaupt gewesen, und kein Land außer Belgien habe das so gehandhabt, betonte die Infektiologin. Und überhaupt sei das mit dem Testen alles andere als optimal gelaufen.

Boris Schmidt

3 Kommentare
  1. Freddy Langer

    Nun, die Bevölkerung ist auch höchst unzufrieden mit den „sogenannten“ oder „selbsternannten“ Experten.
    Das „Hüü und Hot“ besonders zu Beginn, war schon sehr ahnungslos.

  2. Alfons van Compernolle

    Nun, aber mal ehrlich , welche Reaktionen bzw. Ratschlaege sollen Virologen und Mediziner gegen bei einer bis dato unbekannten Infektionserkrankung ?
    Zutreffende und zielfuehrende Gegenmassnahmen kann man nur vornehmen, wenn man den Erreger ( welchen auch immer ) kennt. Wenn das aber nicht der Fall ist, kann wer auch immer vom einfachen Buerger bis zum Virologen und Mediziner,
    nur „vermutlich“ eindaemmende Massnahmen anraten / anordnen um uns die Buerger soweit als moeglich zu schuetzen. Genau das haben die Experten und die Regierung versucht ! Kommt Leute, wenn ihr in dieser Sache mehr Fachkompetenz besitzt, um dieses lebensgefaehrliche Virus den Halsumzudrehen, dann wird es Zeit, dass IHR Eure Kompetenz nunmehr nunmehr oeffentlich macht! Bisher habe ich von Euch mehrheitlich nur Bloedsinn und undifferenziertes Gesabbel gelesen! Wohl bemerkt , mehrheitlich
    nur Bloedsinn und undifferenziertes Gesabbel gelesen, ABER nicht jeder Kommentar war Bloedsinnig etc !!

  3. Marcel Scholzen eimerscheid

    „Zu viele Köche verderben den Brei“ lautet also eine Schlussfolgerung.
    Gut so ! Dämpfer für die Postenjäger, die schon von einer neuen Stastsreform und neuen Posten geträumt haben. Irgendwann ist Schluss mit lustig. Jetzt muss zurück gerudert werden in Richtung Vernunft. In Richtung eines nationalen Gesundheitssystems, kostenlos zugänglich für alle Einwohner, unter der Verantwortung eines einzigen Ministers.