Die Presseschau von Montag, dem 11. Juli 2022

Die Titelseiten der Zeitungen stehen heute vor allem wieder im Zeichen des Sports. Die Leitartikel hingegen befassen sich unter anderem mit dem heutigen Tag der Flämischen Gemeinschaft, dem föderalen Politikbetrieb, dem nahenden Jahrestag der Flut und auch mit den chaotischen Zuständen im Flugsektor.

Flanderns Ministerpräsident Jambon bei den Feiern zum Tag der flämischen Gemeinschaft am Sonntag in Kortrijk (Bild: Kurt Desplenter/Belga)

Flanderns Ministerpräsident Jambon bei den Feiern zum Tag der flämischen Gemeinschaft am Sonntag in Kortrijk (Bild: Kurt Desplenter/Belga)

„Farbecht: Grünes Trikot so gut wie sicher für Van Aert, Pogacar noch solider in gelb“, schreibt Het Nieuwsblad. „Die Covid-Bedrohung kreist über der Tour“, warnt derweil La Dernière Heure. „‚Flames‘ starten mit einem Unentschieden“, greift das GrenzEcho den belgischen Auftakt bei der Fußball-Europameisterschaft der Frauen auf. „Belgien-Island 1:1 – Red Flames werden voll ranklotzen müssen gegen Frankreich und Italien“, mahnt Het Laatste Nieuws.

Während die Schlagzeilen oft vor allem im Zeichen der Tour de France und der Fußball-EM der Frauen in England stehen, beschäftigen sich die Leitartikel zumeist mit ganz anderen Themen.

Wenig Motivation für den Tag der Flämischen Gemeinschaft

Am heutigen 11. Juli wird ja im Norden des Landes feierlich der Tag der Flämischen Gemeinschaft begangen. Das wird auf den Titelseiten zwar kaum aufgegriffen, aber zumindest hier und da kommentiert. Dieses Jahr hat der flämische N-VA-Ministerpräsident Jan Jambon eine doppelte Botschaft an die Flamen, analysiert Het Belang van Limburg: Er bittet sie um mehr Selbstvertrauen und um Vertrauen in die Zukunft. Sie sollten doch bitte nicht immer sagen, dass alles schlecht sei, es müsse Schluss sein mit all der Säuerlichkeit und dem Negativismus. Der Ministerpräsident bekräftigt auch, dass Flandern bereit sei, die Flügel auszubreiten, um seinen Stolz wiederzugewinnen. Dem stünde nur die heutige Staatsstruktur Belgiens im Weg.

Mit dieser Litanei ist Jambon weder der erste, noch wird er der letzte sein. Aber auch nach vier Jahrzehnten ist der Leitspruch der flämischen Nationalisten „Was wir selber tun, tun wir besser“ noch immer nicht wahrer geworden. Obwohl viel mehr Mittel als andernorts zur Verfügung stehen, liefert die flämische Regionalregierung den Flamen in vielen Bereichen dafür nicht mehr Qualität. Solange die flämische Regierung ihre Zuständigkeiten nicht voll ausfüllt und mehr Tatkraft an den Tag legt, sollte ihr Haupt lieber nicht zu sehr auf mehr Selbstbestimmung pochen, kritisiert Het Belang van Limburg.

Het Laatste Nieuws fragt sich, warum viele Menschen wenig motiviert scheinen, ihre Verbundenheit mit Region oder Land feiern zu wollen. Da sind diverse lokale, beispielsweise traditionelle Feierlichkeiten erfolgreicher. Das liegt daran, dass sich bei ihnen jeder so fühlen darf, wie er möchte: als Flame, Belgier, Italiener, Türke oder Europäer. Der flämische Festtag und der Nationalfeiertag sind hingegen politisiert. Wer für den einen ist, muss gegen den anderen sein, auf beide stolz sein zu wollen scheint unmöglich. Das Gedenken an die Schlacht der Goldenen Sporen wird auch heute noch als politisches Statement der Spaltung und des Ausschlusses anderer geschwungen. Wäre es stattdessen nicht schöner, seine Identität zu feiern, indem man vereinigt und eben nicht spaltet? Eine Identität kann man nur feiern, wenn sie auf Zuneigung beruht. Eine Identität, die auf Hass beruht, kann hingegen nur zu Selbsthass führen, unterstreicht Het Laatste Nieuws.

Ohne Entscheidungen fahren wir gegen die Wand

De Morgen blickt auf den Politikbetrieb und spezifischer auf den Umgang der Föderalregierung mit Expertengutachten zu verschiedenen Themen. Beispielsweise zur Steuerreform. Diese Gutachten sind in letzter Zeit immer wieder von diversen Politikern in der Luft zerfetzt worden, bevor die Tinte auf ihnen überhaupt eine Chance hatte zu trocknen. Da kann man sich zunächst einmal die Frage stellen, wie die Politik denn erwarten konnte, dass die belgischen Experten zu anderen Schlüssen und Empfehlungen kommen würden als all die internationalen Experten und Institutionen vor ihnen.

Und dann ist da noch die ewig gleiche Verteidigung der Politik, wenn sie die Empfehlungen ignoriert. Nämlich dass Berater fürs Beraten zuständig seien, fürs Entscheiden aber die Politiker als gewählte Vertreter des Volkes. Dagegen ist ja nichts einzuwenden. Allerdings müssten die gewählten Vertreter des Volkes dann bitte auch endlich mal etwas entscheiden. Und sich nicht hinter anderen verstecken, um zu kaschieren, dass sie entweder nicht die Macht oder nicht den Willen haben, schwierige Beschlüsse durchzudrücken, wettert De Morgen.

Mittlerweile rückt der Jahrestag der verheerenden Überschwemmungen immer näher, was Le Soir in seinem Kommentar aufgreift: In einigen Tagen wird Belgien der Fluten und ihrer vielen Opfer gedenken. Gleichzeitig steuern wir auf eine neue Hitzewelle mit örtlich mehr als 35 Grad zu. Zwei Seiten der gleichen Medaille, Wetter beziehungsweise Klima geraten immer weiter ins Schlingern. Und wenn wir beim Ausstoß von Treibhausgasen nicht ganz kräftig auf die Bremse treten, dann wird sich dieser Prozess nur noch beschleunigen. Entschiedenes Handeln ist möglich – der Horizont der Politik darf allerdings nicht nur bis 2024 reichen, bis zu den nächsten Wahlen. Ja, das Land braucht tiefgreifende Reformen in vielen Bereichen. Aber wenn Klima und Umwelt dabei nicht berücksichtigt werden, dann werden wir unter Garantie gegen die Wand fahren, warnt Le Soir.

Hölle im Himmel

La Dernière Heure blickt aus einem ganz anderen Grund gen Himmel: Brussels Airlines hat für den Sommer 700 Flüge annulliert. British Airways hat zwischen April und Oktober 30.000 Verbindungen wegen Personalmangel gestrichen, Easyjet 10.000 von Juli bis September, SAS 4.000, Swiss fast 700, American Airlines Abertausende. Bei Tunisair ist weniger als die Hälfte der Maschinen überhaupt noch in einem flugfähigen Zustand. Hinzu kommt das Chaos auf vielen Flughäfen weltweit, das teilweise sogar schon zu Gewaltausbrüchen geführt hat. Wenn das so weitergeht, werden wir bald die Hölle im Himmel haben, befürchtet La Dernière Heure.

Boris Schmidt