Die Presseschau von Donnerstag, dem 10. Juni 2021

Am Samstag starten die Roten Teufel gegen Russland in die EM. Das sorgt bei vielen für Vorfreude. Doch nicht nur die EM gibt Anlass dazu. Einige Zeitungen freuen sich über die gestrigen Lockerungen, während andere vor zu viel Euphorie warnen. Und dann wäre da noch ein EU-Vertragsverletzungsverfahren gegen Belgien.

Bereit für die EM: Kapitän Lukaku & Co bei einer Trainingssession der Roten Teufel am 5. Juni (Vild: Kurt Desplenter/Belga)

Bereit für die EM: Kapitän Lukaku & Co bei einer Trainingssession der Roten Teufel am 5. Juni (Vild: Kurt Desplenter/Belga)

„Morgen beginnt endlich die EM“, titelt Het Belang van Limburg. „Bereit für den Kampf“, so die Schlagzeile von Het Nieuwsblad. „Und jetzt schauen wir alle auf den kommenden Samstag“, schreibt Het Laatste Nieuws auf Seite eins.

Auf vielen Titelseiten sieht man Fotos von Romelu Lukaku, Youri Tielemans und Kevin De Bruyne; der kann ja im Moment noch nicht am Training teilnehmen, weil er sich beim Champions-League-Finale verletzt hatte. Die EM startet morgen; die Roten Teufel bestreiten ihr erstes Spiel am Samstag gegen Russland.

„Allgemeine Toleranz bei der EM für die Fans auf den Terrassen“, so derweil die Aufmachergeschichte von Le Soir. Das zumindest versprechen die Bürgermeister in Brüssel und einigen Städten in der Wallonie. Demnach werde die Polizei nicht allzu streng auftreten, wenn’s darum geht, beim Public Viewing die Einhaltung der Regeln auf den Terrassen durchzusetzen.

Nicht nur der EM-Auftakt sorgt für Euphorie

Apropos EM, apropos Terrassen: Eine süße Euphorie herrscht derzeit in Belgien, kann La Dernière Heure in ihrem Leitartikel nur feststellen. Und dabei hat die EM ja noch gar nicht angefangen. Das muss wohl an der Sonne liegen, die sich endlich auch mal von ihrer großzügigen Seite zeigt. Die Impfkampagne sorgt jedenfalls dafür, dass wir langsam, aber sicher zu dem Leben zurückkehren werden, das wir so lieben. Aber können wir das eigentlich? In den letzten 15 Monaten hat sich viel verändert; auch wir haben uns verändert. Diese lange Krise wird man nicht einfach so vergessen können, um dann wieder zur alten Tagesordnung überzugehen.

Dennoch: „Der 9. Juni, das ist der Tag, an dem wir wieder durften“, meint Het Laatste Nieuws. Wir dürfen wieder ins Büro, wir dürfen wieder trinken, ohne zu frösteln. Nicht nur Bier; auch von Musik kann man berauscht sein. Wir dürfen wieder in Fitnesscentern Sport machen, wir dürfen wieder in depperten Schuhen bowlen. Wir dürfen uns auch angemessen bei unseren geliebten Menschen verabschieden. Die Welt wird wieder ein bisschen größer. Natürlich dürfen wir nicht vergessen, von Zeit zu Zeit mal in den Rückspiegel zu gucken. Aber es war ein schweres Jahr; das dürfen wir jetzt auch mal eben vergessen.

Dieser 9. Juni hat einen Platz in den Geschichtsbüchern sicher, ist Het Belang van Limburg überzeugt. Nach einem Lockdown von 232 Tagen haben wir gestern einen erheblichen Teil unserer Freiheit zurückbekommen. Und die Sonne hat die Rolle des Zeremonienmeisters übernommen. In drei Wochen wird im Übrigen schon die nächste Etappe eingeläutet: Dann wird etwa die Homeoffice-Pflicht wieder vollständig abgeschafft. Man freut sich schon wieder auf die geselligen Momente an der Kaffeemaschine. Auch Veranstaltungen mit bis zu 2.000 Teilnehmern werden wieder möglich. Klar wird es Zeit brauchen, ehe alle Corona-Wunden verheilt sind. Auch werden wir vorsichtig bleiben müssen. Dennoch: Lasst uns all das für einen Moment lang vergessen und einfach nur diesen Neubeginn genießen. Mit der gebotenen Behutsamkeit warten auf uns einige fantastische Monate. Es wurde Zeit…

Und doch bleibt ein mulmiges Gefühl in der Magengrube

De Standaard übernimmt seinerseits ein bisschen die Rolle der Spaßbremse. Der 9. Juni mit seinen Lockerungen, das ist und bleibt ein kalkuliertes Risiko. Einerseits ist es gut, dass die Politik jetzt den Druck vom Kessel nimmt. Denn der war zu groß, sogar gefährlich geworden, wie die Bedrohung von Virologen zeigt. Dennoch halten die Gesundheitsexperten den Atem an. Denn ab jetzt geht es schnell; die Frage ist, ob wir nicht zu schnell das Reich der Freiheit wieder betreten. Wir sehen einen infernalen Wettlauf: Auf der einen Seite die Impfkampagne, die auf Hochtouren läuft; auf der anderen Seite das Virus, vor allem die wesentlich gefährlichere Delta-Variante. Wir wissen noch nicht, ob die Impfkampagne schon weit genug ist, um dieses Problem im Zaum zu halten, ob das Lockerungstempo der viralen Realität entspricht. Ein epidemiologischer Rückschlag, das wäre das Katastrophenszenario schlechthin. Jeder sollte seinen Beitrag leisten, um zu verhindern, dass es so weit kommt…

Auch Het Nieuwsblad beschleicht ein mulmiges Gefühl. Ja, die Impfkampagne hat sich zu einem Schnellzug entwickelt. Nur stellt sich inzwischen ein Problem: Es gibt ausreichend Impfstoff, aber nicht mehr genug Arme, um ihn zu verabreichen. Die Generation, die jetzt an die Reihe kommt, betrachtet den Impfstoff als Luxusprodukt; junge Menschen haben den Eindruck, dass sie zu gesund sind, um eine Spritze nötig zu haben. Geschweige denn, wenn man dann auch noch Gefahr läuft, dass einem die zweite Dosis die Ferien verhagelt. Natürlich ist das kurzsichtig; doch es ist, wie es ist. Um zu verhindern, dass die Impfkampagne an Fahrt verliert, gibt es nur eins: Man muss die Alterspriorisierung aufheben. So hätte jeder, der will, die Chance, sich schnell impfen zu lassen.

Datenschutz: Zum Glück gibt die EU den Anstandswauwau

Einige Blätter beschäftigen sich mit der Entscheidung der EU-Kommission, gegen Belgien ein Vertragsverletzungsverfahren einzuleiten. Belgien wird vorgeworfen, gegen die Europäische Datenschutzgrundverordnung zu verstoßen.

„Endlich!“, meint L’Echo in seinem Leitartikel. Denn, längst wusste man, dass es in Bezug auf den Schutz der persönlichen Daten hierzulande ein Malaise gibt. Und das ist noch diplomatisch ausgedrückt. Seit mindestens einem Jahr weisen Menschenrechtsgruppen und die Presse auf die offensichtlichen Interessenkonflikte hin, die, grob gesagt, dazu führen, dass diejenigen, denen eigentlich die Rolle des Wachhundes zukommt, gleichzeitig diejenigen sind, die in dieser Materie entscheiden. Kurz und knapp: Die zuständige Datenschutzbehörde ist nicht unabhängig. Hoffentlich sorgt jetzt die Klage der EU-Kommission dafür, dass man endlich mal wach wird.

Und mit „man“ ist in erster Linie das Parlament gemeint, findet Le Soir. Denn man sollte nicht vergessen, worum’s hier geht: Im Mittelpunkt stehen hier die persönlichen Daten der Bürger, die selbstverständlich selbst entscheiden dürfen, was damit passiert. Und die sicher sein müssen, dass der Staat in aller Unabhängigkeit darüber wacht. Nur diese Garantie gibt es eben nicht; darauf haben alle möglichen Vertreter der Zivilgesellschaft immer wieder hingewiesen. Und was macht das Parlament? Nichts! Das ist nichts anderes als ein Versagen auf der ganzen Linie! Die belgischen Abgeordneten sind jetzt auf frischer Tat dabei ertappt worden, wie sie die persönlichen Daten der Bürger und damit die Demokratie nicht geschützt haben. Zum Glück, und das zeigt sich jetzt noch einmal anschaulich, zum Glück gibt es die EU, die den Staaten auf die Finger guckt…

Roger Pint