Die Presseschau von Samstag, dem 21. November 2020

Viele Zeitungen beschäftigen sich zunächst mit der Post, die angesichts der vielen Internet-Bestellungen an ihre Grenzen stößt. Wobei die Belgier meist bei Online-Anbietern einkaufen; sehr zum Leidwesen des Mittelstands. Abhilfe soll ein Konjunkturplan schaffen, den einige Blätter am Samstag ausleuchten. Nach den Lobeshymnen gibt es schließlich auch Kritik an den Pharmakonzernen.

BPost-Sortierzentrum

Bild: Jonas Hamers/Belga

„Bpost schafft es nicht mehr“, titelt Het Laatste Nieuws. „Bpost hält dem Corona-Druck nicht mehr Stand“, schreibt auch Het Nieuwsblad. Die Post hat angekündigt, dass sie nicht mehr alle Päckchen bis an die Haustüre liefern wird, weil es einfach nicht mehr geht. Im Moment sind ja viele Geschäfte corona-bedingt geschlossen. Viele Kunden bestellen also ihre Waren über das Internet. Resultat: Bpost muss im Moment täglich mehr als 500.000 Päckchen ausliefern. Und das Unternehmen stößt damit an seine Grenzen; bis zu 25.000 Päckchen pro Tag werden jetzt also in Abholpunkten hinterlegt.

„Die Mehrheit der Menschen shoppt nicht bei lokalen Geschäftsleuten“, kann Gazet van Antwerpen nur feststellen. Die Regierung hat die Bürger ja immer wieder dazu aufgerufen, „lokal einzukaufen“. Das passiert aber offensichtlich nur bedingt. Es profitieren also vor allem die großen Online-Plattformen aus dem Ausland.

Tantalusqualen

Die Geschäftswelt und auch der Horeca-Sektor erleben im Moment regelrechte Tantalusqualen, meint mitfühlend Gazet van Antwerpen. Tantalus, jene mythologische Figur, die verdurstet, während sie bis zum Kinn im Wasser steht… So muss sich das auch für die Geschäftsleute und Horeca-Betreiber anfühlen. Die Verbraucher würden ja gerne shoppen, und würden danach ja gerne in einem Café etwas trinken oder zur Feier des Tages essen gehen. Aber, all das geht eben nicht. Die lachenden Dritten, das sind die großen ausländischen Onlineplattformen, die Bol.coms, Zalandos und Amazons dieser Welt.

„Muss man den Geschäftsleuten, die es ohnehin schon schwer haben gegen die Online-Konkurrenz, jetzt noch das Weihnachtsgeschäft verhageln?“ Das ist eins der vielen Dilemmas, vor die die Corona-Krise die Politik gestellt hat. Aber, es ist, wie es ist. Je mehr man die Zügel lockert, desto höher ist der Preis. Wären wir im September bei der strengen Marschrichtung geblieben, dann hätte man die Horeca-Betriebe wahrscheinlich nicht schließen müssen, sagen Experten. Das ist eine schmerzliche Feststellung. Es gibt aber doch eine Lösung: Wir müssen lokal einkaufen. Betrachten wir es als ein Weihnachtsgeschenk für die Mittelständler.

Konjunkturplan – Hilfe für den gebeutelten Mittelstand

Die Folgen von alledem werfen jedenfalls schon ihre Schatten voraus: „Jeder fünfte Selbständige hält eine Pleite für wahrscheinlich“, schreibt Le Soir auf Seite eins. Das sind Zahlen der Nationalbank; und sprechen eine deutliche Sprache: Wir haben noch längst nicht alles gesehen.

Die Regierung arbeitet derweil an einem Konjunkturplan für den Wiederaufbau. „Zwischen 10 und 20 Milliarden Euro sollen investiert werden“, titelt L’Echo. „Der Staat will dabei auch private Gelder mobilisieren“, berichtet De Tijd auf ihrer Titelseite.

Angesichts der Sorgen und Nöte des Mittelstands brauchen wir zunächst eine genaue Diagnose, glaubt L’Echo in seinem Leitartikel. Viele Selbständige befinden sich in einer ernsten finanziellen und psychologischen Notlage. Die Lütticher Frisörin Alysson ist da nur der sichtbare Teil des Eisbergs. Viele rutschen buchstäblich auf den Knien.

Den Jugendlichen geht es im Übrigen auch nicht viel besser; viele leiden unter Angstzuständen, die Lernrückstände sind stellenweise enorm. Hier steht letztlich die Zukunft unserer Gesellschaft auf dem Spiel. Wenn wir den Motor nach der Krise wieder anwerfen wollen, dann muss man zunächst die Problemzonen identifizieren und gezielt Hilfe leisten.

…aber Reformen nicht vergessen!

„Bei alledem sollte man aber nicht wieder in alte belgische Krankheiten verfallen“, mahnt De Tijd. Erstens: Bei der Wiederbelebung muss es in erster Linie um die Förderung von Projekten gehen, nicht um die reine Stärkung der Kaufkraft der Bürger. Geld mit der Gießkanne zu verteilen, das wäre nicht zielführend. Exportorientierte Unternehmen zu stärken, das hilft auf Dauer allen.

Zweitens: Gefördert werden dürfen nur die besten Projekte; also bitte nicht wieder flämische und wallonische Interessen auf die Apothekerwaage legen. Und drittens: Wenn wir wollen, dass sich die Investitionen wirklich auszahlen, dann müssen auch einige Tabus fallen. Der Arbeitsmarkt etwa muss flexibler gestaltet werden. Der Wiederaufbau muss einhergehen mit Reformen.

Die echte Corona-Krise befindet sich aber vielleicht im Moment noch unter dem Radar, warnt De Standaard. Die Zahlen und Statistiken sind zwar schon alarmierend genug, sie erzählen uns aber wohl nur die halbe Wahrheit. Weitgehend unsichtbar schwelt ein noch viel größeres Problem: Die Corona-Krise ist dabei, die Armut noch weiter anzufachen. Das zeigen die Zahlen nur bedingt, weil es hier nicht nur um Bankkonten und Lohnzettel geht, sondern auch um das Gefühl, dass einem der Boden unter den Füßen weggezogen wird, dass aus dem Leben ein Überleben geworden ist. Diese Krise ist so disruptiv, so allumfassend, dass viele der alten Rezepte wohl nicht mehr wirken könnten.

Impfstoff – Unterstützung vom Staat, Gewinne privat

Einige Zeitungen beschäftigen sich auch heute mit der Aussicht auf einen Corona-Impfstoff. De Morgen etwa versucht, „den langen Weg vom Labor bis zu unserem Arm“ nachzuzeichnen. „Ohne Europa wäre die Produktion eines Impfstoffes niemals so schnell gegangen“, sagt der Direktor eines Pharmaunternehmens auf Seite eins von La Libre Belgique. „Belgien, das Impfland“, schreibt ihrerseits De Tijd. Belgien spiele eine Hauptrolle im Kampf gegen Corona, fügt das Blatt hinzu. Viele Pharmakonzerne haben Produktionsniederlassungen in Belgien; hierzulande wird also ein großer Teil der Impfdosen hergestellt, die bald weltweit verteilt werden.

„Und die Pharmaunternehmen machen den großen Reibach“, kritisiert De Morgen. Klar, Ehre, wem Ehre gebührt: Die Konzerne haben alle Hebel in Bewegung gesetzt, um schnell einen rettenden Impfstoff zu produzieren; und sie haben dafür auch Geld in die Hand genommen. Bei aller Bewunderung für diese „Corona-Helden“ könnte man am Ende aber fast vergessen, dass diese Unternehmen auch von der Öffentlichen Hand massiv unterstützt wurden. Mit Steuergeldern, also. Die fabelhaften Gewinne, die streichen die Konzerne dann freilich selbst ein. Zudem werden sie allein entscheiden, welches Land zuerst bedient wird. Und dann reden wir noch nicht von den Ländern, die den Impfstoff nicht bezahlen können; sie werden wohl erstmal an der Seitenlinie bleiben.

Die Corona-Krise hat die ganze Welt getroffen, sie ist global. Könnte entsprechend die Reaktion nicht auch global erfolgen? Oder gilt hier am Ende das Motto: „Erst die eigenen Leute; und die eigenen Gewinne“?

Dirndl und Nazigrab – Der Vlaams Belang und seine Mitglieder

Het Laatste Nieuws wendet sich in seinem Leitartikel schließlich an den Vorsitzenden des rechtsextremen Vlaams Belang: „Sehr geehrter Tom Van Grieken“. Wie sieht es eigentlich aus mit der „parteiinternen Untersuchung“, die nach der Polemik um Fotos von einer Vlaams Belang-Politikerin angekündigt worden war?

Die Bilder zeigten eine Vlaams Belang-Mandatsträgerin, wie sie Blumen vor dem Grab eines niederländischen SS-Kämpfers hinterlegte; eines lupenreinen Nazis, der es zum SS-Obersturmführer gebracht hatte. Für ihre Ehrerbietung hatte die junge Frau sogar ihr schönstes Kleid angezogen: ein traditionelles, bayrisches Dirndl. Diese Szenerie wurde auf allen Kanälen verbreitet: Facebook, Instagram, etc.

Was bitte muss man da noch untersuchen? Muss noch die Marke des Dirndls ermittelt werden? Mal ernsthaft: Eine Partei, die toleriert, dass Mitglieder mit der Nazizeit kokettieren, die darf sich doch nicht wundern, oder gar darüber beklagen, wenn sie in die Außenseiterrolle gedrängt wird.

Roger Pint

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