Die Presseschau von Donnerstag, dem 29. Oktober 2020

Gestern sind die Coronavirus-Schutzmaßregeln harmonisiert worden. Zuvor gab es heftige Kritik an der Kommunikation und an der Kakophonie regional verschärfter Vorgaben. Das und eine Videobotschaft von Premierminister Alexander De Croo an die Menschen stehen im Zentrum der Leitartikel.

Auch der Alte Schlachthof in Eupen musste wegen des Coronavirus geschlossen bleiben (Bild: Manuel Zimmermann/BRF)

Illustrationsbild: Manuel Zimmermann/BRF

„Überraschende Wendung nach einem Tag chaotischer Kommunikation: Neue Maßregeln schon jetzt in Kraft“, titelt Gazet van Antwerpen. „De Croo macht Schluss mit dem flämischen Chaos“, schreibt Het Belang van Limburg auf Seite eins. „De Croo versucht, Ordnung in die Kakophonie der sanitären Maßnahmen zu bringen“, so die Überschrift bei La Libre Belgique.

Für Gazet van Antwerpen ist die Geschichte der vergangenen Tage schon ziemlich unglaublich. Letzten Freitagabend verkündet Premier De Croo strengere Corona-Schutzmaßregeln für das ganze Land. Die Wallonie setzt noch eins oben drauf, ebenso wie Brüssel. Flandern dann erstmal nicht. Bis Ministerpräsident Jambon am Sonntagabend dann mitteilt, dass er doch Verschärfungen erwäge. Die werden am Dienstag dann feierlich angekündigt. Allerdings will die flämische Regierung zur Überraschung aller geschlagene drei Tage warten, um sie umzusetzen.

Daraufhin fangen Bürgermeister überall an, selbst und umgehend strengere Regeln einzuführen. Jambon begreift, dass er etwas tun muss und sagt, dass man ja vielleicht doch früher schalten könne als Freitag. Nur wenige Stunden später schafft die föderale Innenministerin Verlinden dann Fakten. Was für ein beschämender Zirkus! Gerade in diesen Zeiten! So bekommt Flandern die Menschen sicher nicht motiviert, die Regeln zu befolgen. Die verbindende und zur Einheit aufrufende Videobotschaft von Premier De Croo gestern Abend konnte den angerichteten Schaden da kaum noch begrenzen.

Der Zirkus hat lange genug gedauert

Auch für La Libre Belgique ist das Ganze ein Zirkus, allerdings ein tödlicher. Belgien brennt. Das am schlimmsten getroffene Land managt die Krise am schlechtesten. Tests und Nachverfolgung sind langsam und schwach. Das föderale System hinkt. Und um all dem noch die Krone aufzusetzen ist die offizielle Kommunikation zögerlich und eine Kakophonie. Angesichts der dramatischen Lage bräuchte es eine einheitliche, starke und deutliche Antwort. „Einigkeit macht stark“ eben. Aber in Belgien scheint das immer weniger der Fall zu sein. Stattdessen kabbeln sich die Ebenen des Landes lieber. Seit Freitag stand der flämische Ministerpräsident Jambon mit beiden Füßen auf der Bremse. Dabei heißt es doch: Was die Flamen selbst tun, tun sie besser. Wohl nicht in diesem Fall. Es war unvermeidlich, dass Premier De Croo eingegriffen hat und versucht, etwas Ordnung in das Chaos zu bringen. Und in der Tat: Der Zirkus hat lange genug gedauert und uns lächerlich gemacht – und tut es noch immer. Und er hat vor allem das Leben vieler Belgier in Gefahr gebracht. Das ist inakzeptabel.

Die föderale Pannenhilfe war für Jambon ein Geschenk Gottes, meint Het Belang van Limburg. Wenn die Corona-Krise nämlich dieser Tage eine Partei in Bedrängnis bringt, dann ist das die N-VA. Sie und damit die flämische Regierung, die sie maßgeblich trägt, geben ein überaus schwaches Bild ab. Wenn Premier De Croo und der föderale Gesundheitsminister Vandenbroucke kommunikationstechnisch in der Champions League spielen, dann ist Jambon höchstens Provinzklasse. Er und seine Parteikollegen müssen sich zusammenreißen. Das sind sie den Flamen, aber auch den Wallonen und Brüsselern schuldig. Denn das Coronavirus unterscheidet nicht nach Rang, Stand und Sprache, wenn es das Land mit tödlicher Effizienz verwüstet und die Bevölkerung in den Abgrund stürzt.

Kontaktsport verboten

In einer Krisensituation will man sich als Bürger nicht fragen müssen, ob Beschlüsse jetzt durch echte Besorgnis motiviert sind oder doch wieder durch parteipolitische Spielchen, giftet Het Nieuwsblad. Weil nichts das Fundament für Schutzmaßregeln in der Bevölkerung stärker untergräbt. Kontaktsport ist doch jetzt auch offiziell und eindeutig verboten. Das sollten auch die Politiker für ihre Sticheleien und Tackles wissen.

Es ist mittlerweile zu spät, viel zu spät für irgendwelche lokalen Maßnahmen, stellt Het Laatste Nieuws fest. Leider hat es eine Woche gedauert, bis diese Erkenntnis durchgesickert ist. Leider musste die Bevölkerung sich erst eine Kakophonie strengerer Maßnahmen anhören. Das hat der Politik sicher nicht gut getan. Premier De Croo hat jetzt versucht, die Zügel an sich zu ziehen. Aber eine geradlinige Kommunikation reicht nicht, um eine total verzogene Führung wieder geradezubiegen.

Die flämische Regierung hätte zweifellos einige Tage schneller schalten können, kommentiert De Morgen. Aber der echte Schaden ist durch all die Politiker angerichtet worden, die im August und September nicht mehr reagiert haben, als es noch andere Optionen gab als einen landesweiten Quasi-Lockdown. Und ja, damit ist allerdings auch die flämische Regierung gemeint.

„Es gibt nur einen Kampf“

Mehr noch als nach Sicherheit und einer schnellen Rettung sehnen sich die Menschen nach Führung, ist De Standaard überzeugt. Nach einem Leuchtturm in diesem stürmischen Meer der Verwirrung und des sich gegenseitig Überbietens mit Maßnahmen. Belgien wird rau mit der Wirklichkeit seiner lähmenden Strukturen konfrontiert. Da kann auch ein Corona-Kommissar nicht mehr viel helfen. Wir scheinen einer uneinholbaren Kurve hinterherzuhecheln. Und zwar in chaotischer Aufstellung. Ein katastrophaler Eindruck.

Angesichts eines Mangels an Lösungen und der schwierigen Monate, die uns noch bevorstehen, können wir uns einen Luxus nicht leisten, warnt Le Soir. Den der Spaltung. Deshalb muss man begrüßen, dass Premier De Croo die belgische Strategie wieder in die Hand nimmt. Und dafür alle Verantwortlichen des Landes inklusive seiner Regionen um die gleiche Botschaft vereint: „Es gibt nur einen Kampf. Und das ist der gegen das Coronavirus.“

Boris Schmidt