Die Presseschau von Freitag, dem 5. Juli 2019

Auf fast allen Titelseiten ist Eddy Merckx zu sehen - denn es ist natürlich Tour-de-France-Zeit. Mehr noch, es ist Brüssel, das ganz im Zentrum steht, zumindest für die Sportwelt. Daneben gehen Themen wie die neuesten N-VA-Sperenzien und die Einsetzung des Senats ziemlich unter.

Eddy Merckx am Donnerstag bei der Team-Präsentation auf der Grand Place in Brüssel (Bild: Yorick Jansens/Belga)

Eddy Merckx am Donnerstag bei der Team-Präsentation auf der Grand Place in Brüssel (Bild: Yorick Jansens/Belga)

„Brüssel ist im Gelbfieber“, titeln L’Avenir und das GrenzEcho. „Die Tour de France ist schon jetzt ein Publikumserfolg“, so die Schlagzeile von La Libre Belgique.

Brüssel steht ganz im Zeichen der Tour de France. Am Donnerstag sind auf der Grand’Place offiziell die Mannschaften vorgestellt worden. Dabei wurden rund 75.000 Zuschauer gezählt. Am Samstag wird es dann richtig ernst: Dann erfolgt der offizielle Startschuss zur diesjährigen Tour de France. Und auch die zweite Etappe am Sonntag hat als Start- und Zielort Brüssel.

Am Donnerstag stand aber zunächst vor allem ein Mann im Mittelpunkt: „Eddy lanciert die Tour“, titelt La Dernière Heure. Gemeint ist natürlich Eddy Merckx. Die belgische Radsportlegende hat vor exakt 50 Jahren seine erste Tour de France gewonnen. Das war also 1969. „Und die Tour würdigt jetzt den größten Radsportler aller Zeiten“, so die Schlagzeile von Het Belang van Limburg. „1969 war er Gott; und 2019 ist er es immer noch“, schreibt sinngemäß De Standaard. „Alle sind immer noch verrückt nach Eddy“, stellt Het Nieuwsblad fest. „Und Merckx genießt es“, fügt Het Laatste Nieuws hinzu.

Brüssel hat sich für das Großereignis herausgeputzt. „Und Brüssel präsentiert beim ‚Grand Départ‘ seine schönsten Trümpfe“, notiert stolz L’Echo. Wohlwissend, dass zumindest in der Sportwelt im Moment alle Augen auf Brüssel gerichtet sind.

Natürlich gibt es immer Miesepeter, die die Schattenseiten eines solchen Events in den Vordergrund stellen, meint L’Echo in seinem Leitartikel. Diejenigen also, die sich etwa darüber beschweren, dass die Tour de France jetzt gleich an drei Tagen den Verkehr in der Hauptstadt lahmlegt. Und die dann hinzufügen, dass es doch bestimmt jetzt andere Prioritäten gebe. Diese Leute vergessen aber, dass die Tour de France für jeden Etappenort ein gutes Geschäft ist. Zwar belaufen sich die Kosten auf rund 16 Millionen Euro, die voraussichtlichen Einnahmen werden aber bis zu vier Mal so hoch sein. Hinzu kommt die Imagepflege. Nach den Anschlägen von 2016 und der Nicht-Nominierung für die Fußball-EM 2020 ist die Tour de France für Brüssel die Gelegenheit, zu glänzen.

Danke, Eddy!

Genau da scheint Het Laatste Nieuws einzuhaken: „Brüssel glänzt“, konstatiert das Blatt. Und es wäre doch schön, wenn wir diesen Grand Départ – noch dazu zu Ehren von Eddy Merckx – einfach nur genießen könnten. Und das bitte, ohne dass man uns die üblichen Nörgeleien um die Ohren schlägt. Erspart uns bitte die belehrenden Sonntagsreden von wegen: „Es gäbe ja so viele wichtigere Dinge, wo man das Geld sinnvoller anlegen könnte.“ Die Tour ist jeden investierten Euro wert. Nicht nur wegen der zu erwartenden Rendite, sondern auch wegen des Imagegewinns. Unsere Hauptstadt ist so viel mehr als ein „Höllenloch“.

La Dernière Heure stellt vor allem Eddy Merckx in den Fokus: Es gibt tatsächlich Leute, die glauben, dass Eddy Merckx eine Jeans- oder Schnaps-Marke ist. Fakt ist aber, dass die Verehrung für den „größten Radsportler aller Zeiten“ ungebrochen ist. Und wir sind stolz. Stolz, dass Belgien jetzt für drei Tage das Zentrum der Welt ist. Stolz auf diesen Grand Départ in der Hauptstadt Europas. Nochmals vielen Dank, Eddy!

Le Soir ist aber überzeugt, dass die Tour de France nicht nur für Brüssel wirbt, sondern die Stadt auch verändern kann. „Wie die Tour dem Fahrrad in Brüssel Rückenwind geben kann“, schreibt das Blatt auf Seite eins. Jedenfalls wollen die Regionalverantwortlichen der Hauptstadt das Brüsseler Gastspiel der Tour offensichtlich als Hebel nutzen, um die Stadt fahrradfreundlicher zu machen. De facto gilt das eigentlich zumindest schon mal bis Sonntag, da Brüssel an diesem Wochenende weitgehend autofrei sein wird. Het Laatste Nieuws formuliert es plastisch: „König Auto reicht das Zepter weiter an Prinz Fahrrad“.

Die ausgestreckte Hand im Boxhandschuh

„Ganz Belgien sieht das Leben also gerade in gelb“, so das scheinbare Fazit von La Libre Belgique. Ganz Belgien? Nein! Die flämischen Nationalisten mögen es nicht wirklich, wenn ein Großereignis hierzulande die Bürger aus dem Norden, aus dem Süden und aus der Mitte vereint. Und außerdem gibt es für sie nichts Schlimmeres, als in den Medien nicht vorzukommen. Deswegen hat man wohl Theo Francken an die Front geschickt, der jetzt ja noch mal der PS ein Gesprächsangebot unterbreitet hat. Dabei versicherte er, dass seine Partei durchaus kompromissbereit sei.

Meint er das ernst? Man darf es bezweifeln. Gerade hat die neue N-VA-Ministerpräsidentin Liesbeth Homans die belgische Fahne noch als „Putzlumpen“ bezeichnet. Und sie war dabei anscheinend nüchtern. Die Hand mag zwar ausgestreckt sein, aber sie steckt in einem Boxhandschuh.

In einem normalen Land…

Am Donnerstag ist übrigens auch der Senat eingesetzt worden. Und „übrigens“ ist hier durchaus wörtlich gemeint. Het Laatste Nieuws formuliert es besonders giftig: „Die 44 Millionen Euro teure ‚Quasselbude‘ ist wiedereröffnet“. Dass der Senat so abschätzig betrachtet wird, kann Le Soir in seinem Leitartikel nur bedauern. Und dass so wenige Menschen den Senat wahrgenommen haben, ist bestimmt nicht die Schuld der Tour de France. Auch in normalen Zeiten geht das Interesse für die 60 Mitglieder des Hohen Hauses gegen null.

Der Senat, einst ein Fundament des belgischen Staates, verdampft von ganz allein, ohne dass ihm jemand eine Träne nachweint. In einem normalen Land wäre der Senat wohl in eine Art Länderkammer umgewandelt worden, eine Begegnungsstätte für Vertreter der verschiedenen Teilstaaten. Mit einer N-VA an der Macht muss man nicht auf Maßnahmen hoffen, die das innerbelgische Funktionieren verbessern würden. Als wäre Belgien eine veraltete Maschine, deren kaputte Teile nicht mehr ersetzt werden.

Roger Pint

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