Kommentar: Man spricht Deutsch

Deutsch ist doch gar nicht so schwer. Oder so hölzern. Mit einer "Woche für Deutsch" sollte in ganz Belgien das Bewusstsein für Deutsch als Fremdsprache gestärkt werden - und als dritte Landessprache. Mit Filmvorführungen, Austauschforen und Sprachateliers von Arlon bis Zeebrugge. Eine Woche reicht dafür aber nicht aus.

BRF-Chefredakteur Stephan Pesch

BRF-Chefredakteur Stephan Pesch (Foto: Achim Nelles/BRF)

„Man spricht deutsh“ hieß es, mit eingebautem Schreibfehler, in einer satirischen Filmkomödie um den Kabarettisten Gerhard Polt. Aufs Korn genommen wurde das Auftreten deutscher Touristen im Ausland. Wohl kein Zufall, dass wir in der belgienweiten „Woche für Deutsch“ erfahren durften, wie flämische Schüler in Ostende sich der Sprache Goethes über einen Text annähern, in dem es um deutsche Urlauber auf Mallorca geht. Klischee halt.

Wie auch dieses hier: „deutsche Sprache, schwere Sprache“? Bei der verzwickten Grammatik mit ihren vier Fällen. Zungenbrecherischen Wortungetümen wie Eierschalensollbruchstellenverursacher. Oder den vielen aufeinanderfolgenden Mitlauten: Ein Beispiel – passend zur Jahreszeit – die Herbstblume. In romanischer Zunge käme so etwas heraus wie „Erbesteblüm“. Das habe ich mir nicht ausgedacht, das kommt von Curt Schneider alias CUS, dem Rätselgenie im Magazin der Süddeutschen Zeitung, der vor kurzem tödlich verunglückt ist.

Sein „Kreuz mit den Worten“ steckte immer voller Wortspiele, Umdeutungen, Neuschöpfungen – voller Leidenschaft für die Sprache. Schön wäre es, wenn wir die „Woche für Deutsch“ allein daran festmachen könnten. Oder von mir aus am praktischen Nutzen der deutschen Sprache auch auf dem belgischen Arbeitsmarkt.

Aber leider ist es außer in Sonntagsreden und königlichen Weihnachtsansprachen nicht weit her mit dem Gebrauch der dritten Landessprache in Belgien. Das mag auf der einen Seite einleuchten: Schließlich hat die Deutschsprachige Gemeinschaft weniger Einwohner als Brügge, wie in einer BRF-Reportage ein Deutschlehrer in Ostende seinen Schülern erklärte.

Auf der anderen Seite klaffen Anspruch und Wirklichkeit im Umgang mit der anerkannten Sprachminderheit weit auseinander. Etwas großmäulig verkündete der Versandhandel-Moloch Amazon diese Woche, dass seine Kunden nun auch in Belgien die Bestellung in ihrer Sprache aufgeben können. Jow, drei Buttons: „Français“, „Nederlands“, „English“. Deutsch? Fehlanzeige.

Ganz zu schweigen von abstrusen Anschreiben durch Behörden, Firmen oder Dienstleister, bei denen die Empfänger nicht wissen, ob sie lachen oder weinen sollen. Immerhin gilt da noch: gut gewollt, schlecht gekonnt. Aber oft reicht es nicht einmal zum guten Willen.

Wir sollten uns in dieser „Woche für Deutsch“ aber nicht nur Deutsch als Fremdsprache vornehmen. Ganz ohne kulturkritischen Impetus muss die Frage erlaubt sein, was aus der Vermittlung der Muttersprache geworden ist. Nicht weil sie sich verändert, das muss so sein. Da darf auch ruhig mal ein „Wumms“ her und sogar ein „Doppel-Wumms“.

Zu beklagen ist aber der schnoddrige Umgang mit der Sprache. Das mag an neuen Kommunikationskanälen liegen – trotz oder gerade wegen Autokorrektur. Das mag auch an der verkorksten Rechtschreibreform liegen. Und an der fehlenden Einsicht, dass Sprache vor allem eines sein soll: verständlich.

Umso moderner klingt die altväterliche Empfehlung des Deutschlehrers Dr. Bernhard Willems, dessen 50. Todestag wir begehen: „Lesen Sie die Märchen der Brüder Grimm!“ Die verstanden etwas von Sprache und wussten, wie sie sich anschaulich vermitteln lässt.

Stephan Pesch