Kommentar: Corona à la carte

Mit dem 1. Oktober ist eine Reihe von Corona-Maßnahmen aufgehoben worden. Die sichtbarste Veränderung: In Flandern wird die Maskenpflicht in vielen Bereichen aufgehoben. In Brüssel, in der Wallonie und in der Deutschsprachigen Gemeinschaft bleibt sie (noch) weitgehend bestehen. So richtig blickt kaum einer mehr durch

BRF-Chefredakteur Stephan Pesch

BRF-Chefredakteur Stephan Pesch (Foto: Achim Nelles/BRF)

Das Öcher Stadtmagazin „Klenkes“ (für Aachen und die Euregio …) erinnert in seiner jüngsten Ausgabe an seine erste Corona-Schlagzeile – vor 30 Jahren! Ehe sich jetzt Verschwörungsgläubige auf den Plan gerufen fühlen: Natürlich ging es um das damals neumodische mexikanische Bier mit der Limettenscheibe obendrauf. Bis auf Weiteres wird es zurzeit in vielen Teilen der Euregio zumindest noch mit Mund- und Nasenschutz serviert. Das heißt: so langsam fehlt mir der Überblick, was wo wie noch geht in diesem grenzüberschreitenden Lebensraum, in dem sich sonst so locker-flockig hoppen oder shoppen lässt.

Nun gibt es sogar unterschiedliche Corona-Regeln zwischen Maldingen und Beho, zwischen Elsenborn und Sourbrodt-Bahnhof oder auf beiden Seiten der Neutralstraße zwischen Herbesthal und Welkenraedt – übrigens beiderseits noch mit gewissen Einschränkungen. Dabei war das „Reich der Freiheit“ doch schon auf die regionale (oder soll ich sagen: lokale?) Ebene heruntergebrochen worden. „Hauptsache, wir entscheiden selbst!“

Bei vielen ist als Botschaft angekommen: Das war es mit der Pandemie! Dabei war, mit Verlaub, abzusehen, in welche Richtung die Entwicklung geht.

Nachbargemeinden wie Weismes, Malmedy, Vielsalm, Limbourg oder Bleyberg, also noch Ostbelgien im weiteren Sinne, schießen mit ihren Inzidenzwerten in die Höhe und wir sollen unser eigenes Süppchen kochen können?

In den für jeden zugänglichen Übersichten von Sciensano hat sich Amel landesweit auf Platz drei hochgearbeitet. Burg-Reuland und St. Vith haben es ebenfalls in die Top Ten geschafft. (Da wird es nach den aktuellen Zahlen der DG in den nächsten Tagen sicher noch Verschiebungen geben.) In Bütgenbach und Büllingen verblasst die Erinnerung an den letzten Herbst und ähnlich unliebsame Spitzenpositionen – abwarten!

Sicher stellt sich die Frage, wie aussagekräftig die kleinteiligen Ausschnitte sind: Im Zerrspiegel der hochgerechneten Inzidenzen sieht das alles nicht sehr freundlich aus. Bei einer 14-Tage-Inzidenz von weit über 400 für die Deutschsprachige Gemeinschaft bekämen unsere deutschen Nachbarn Schnappatmung. Die mit Abstand höchste Positivitätsrate, der schlechteste R-Wert im ganzen Land – so lässt sich kein Staat machen mit den „Germanophones“.

Einen Blick lohnt bei Sciensano die graphische Gegenüberstellung von Inzidenzwert und Impf-Quote pro Gemeinde. Lichtjahre entfernt von dem flämischen Vorzeige-Sonnensystem und den in der Impfstatistik schlecht dastehenden Brüsseler Brennpunktvierteln schwirren wie Exoplaneten ein paar kleine Punkte durch die Weite des Raumes – sie stehen fast allesamt für die eben schon genannten Gemeinden und die Feststellung: vergleichsweise hohe Inzidenz bei niedriger Impf-Quote.

Kein Grund, in Panik zu verfallen, hieß es dazu diese Woche auch im PDG: Entscheidend sei die Entwicklung in den Krankenhäusern und die habe man noch unter Kontrolle. Nur ganz nebenbei: Das Krankenhaus in Malmedy hat im Moment so viele Covid-Patienten wie seit Ende 2020 nicht mehr.

In der DG bereitet vor allem das drohende Szenario Kopfzerbrechen, wegen schlechter Zahlen in eine höhere Alarmstufe zu geraten: Das würde schärfere Vorsorgemaßnahmen bringen und die Rücknahme von Lockerungen. Nur, wer will das vermitteln? Oder anders herum gefragt: Wer wird noch darauf hören?

Wir haben in den anderthalb Jahren Pandemie schon vieles gehört und vieles gelesen, manches hinzugelernt und uns auch mal verkalkuliert. Eines hat sich aber mehrmals bewahrheitet: Corona gibt‘s nicht à la carte.

Stephan Pesch