Kommentar: Neustart unter Beobachtung

In dieser Woche hat das neue Schuljahr begonnen - mit Präsenzunterricht für alle Schüler. Und mit der vierten Phase des föderalen Sommerplans traten weitere Lockerungen der Corona-Maßnahmen in Kraft, vor allem für private Treffen und Veranstaltungen. Parallel dazu mahnten aber auch Stimmen zur Vorsicht.

BRF-Chefredakteur Stephan Pesch

BRF-Chefredakteur Stephan Pesch (Foto: Achim Nelles/BRF)

Eine „Beobachtungsstufe“ kannten wir schon aus dem Schulwesen. Nun gibt es auch einen Beobachtungsmonat. Alle Beteiligten sind vorsichtig geworden im Laufe der Corona-Krise. Das erreichte Ziel, nämlich: „Alle Schüler werden wieder in den Schulen unterrichtet“, soll nicht leichtfertig aufs Spiel gesetzt werden.

Im benachbarten Nordrhein-Westfalen, wo die Schulen wegen der kürzeren Sommerferien schon wieder länger geöffnet sind, waren zuletzt mehr als 30.000 Schüler in Quarantäne. Wobei gesagt werden muss: Das entsprach nur gut anderthalb Prozent der Schülerschaft in dem Bundesland.

Angesichts stark steigender Corona-Zahlen bei Kindern und Jugendlichen ging es aber im Düsseldorfer Landtag hoch her: von „Märchenstunde“ war die Rede, von „Verantwortungslosigkeit“, sogar von „Harakiri mit Ansage“. Die NRW-Schulministerin und der Gesundheitsminister überlegen, künftig nur „nachweislich infizierte“ Kinder für 14 Tage in Quarantäne zu schicken statt die ganze Klasse oder die Sitznachbarn rechts und links, davor und dahinter.

Warum uns das hier beschäftigt? Ja, gerade weil uns die Nordrhein-Westfalen beim Schulneustart um zwei Wochen voraus sind. Da lohnt ein Blick über die Grenze. Der deutsche Virologe Christian Drosten (der im Übrigen dafür plädiert, sobald auch nur ein Infektionsfall auftritt, die ganze Klasse in Quarantäne zu schicken, dafür aber kürzer), dieser Christian Drosten ging diese Woche bei einem Interview im Deutschlandfunk davon aus, dass es sich bei dem, was jetzt an den Schulen in NRW zu sehen ist, eigentlich eher um mitgebrachte Infektionen aus der Urlaubszeit handele. Man werde „erst in den nächsten Wochen sehen, wie sich das einspielt“, erklärte Drosten. In Nordrhein-Wetsfalen werde ja auch besonders sorgfältig mit dem Watte-Lolli getestet.

Nichts hält Drosten, wie viele andere, von einer drohenden „Durchseuchung“ der Schulen, „schon alleine aus einer Vorsichtsüberlegung heraus“. Auf die Gesamtgesellschaft gesehen rechnet er fest mit neuen Anti-Corona-Beschränkungen, so gerne die von politischen Bewerbern (auch schon mal mit dem Hinweis: „Stand jetzt“ oder „Stand heute …“) ausgeschlossen werden.

Haben wir uns etwa zu früh gefreut? Dabei nimmt das Vereinsleben erst gerade wieder Fahrt auf, in der Deutschsprachigen Gemeinschaft zusätzlich gepuscht von der Kampagne „Endlich wieder vereint“. Der Kultur- und Eventsektor atmet auf und auf Hochzeiten darf wieder getanzt werden. Von Kirmes ganz zu schweigen. Doch schon machen wieder Erzählungen von neuen Ansteckungen die Runde – mitunter reicht dafür ein Kommunionskaffee.

„Mit dieser Impf-Quote können wir nicht in den Herbst gehen“, warnt Christian Drosten in besagtem DlF-Interview. Der gerne als Drostens Gegenpart zitierte Hendrik Streeck war diese Woche pünktlich wieder Gast bei Markus Lanz. Er räumte ein, dass die Impfung an vorderster Stelle stehe, wenn es darum gehe, aus der Pandemie herauszuführen und dass es Herdeneffekte gebe bei der Frage, inwiefern der Impfstoff das Risiko einer Infektion verringere. Er halte aber nichts davon, Druck aufzubauen – erst recht nicht auf Kinder und Jugendliche. Streeck berichtete von einer Begegnung mit einem 14-jährigen Ungeimpften, der ihm erzählt habe, wie er von seinen Mitschülern deswegen gemobbt werde. Solche Geschichten hat nicht nur Streeck in petto.

Nun ist das mit dem Mobbing unter Schülern so eine Sache. Umso wichtiger wäre, dass die Erwachsenen (Lehrer wie Eltern) den Kindern und Jugendlichen das Thema mit der gebotenen Ernsthaftigkeit erklären.

Denn hierzulande wollen die Bildungsminister vor Ende des Monats mit Gesundheitsexperten beurteilen, „ob im Oktober gegebenenfalls weitere Lockerungen möglich sein werden“. Dabei spiele die Entwicklung der Impf-Quote eine entscheidende Rolle – insbesondere die der Zwölf- bis 17-Jährigen. So wurde es den Eltern per Brief kurz vor Schulbeginn mitgeteilt. Der Neustart steht eben unter besonderer Beobachtung.

Stephan Pesch

2 Kommentare
  1. Dieter Leonard

    „Dabei spiele die Entwicklung der Impfquote eine entscheidende Rolle.“

    Die Impfquote wird auch, was die weitere Entwicklung der Pandemie im Herbst/Winter betrifft, eine entscheidende Rolle spielen.
    Nachdem die DG in ihren Impfbemühungen furios gestartet ist, ist sie mittlerweile nach Brüssel eher zum Sorgenkind mutiert. Die Impfquote dümpelt bei knapp 62% der Gesamtbevölkerung vor sich hin, mit einem deutlichen Gefälle im Süden der DG.
    Nach Ansicht von Virologen zu wenig, um zuversichtlich in den Herbst gehen zu können. So sei eine ausgeprägte 4. Welle nicht zu verhindern.

    Frage: Haben die verantwortlichen Politiker und die Medien in der DG sich mit dieser stagnierenden Impfquote in der DG und deren Ursachen beschäftigt und wenn ja, mit welchen Schlussfolgerungen?

    PS. In Slowenien haben Querdenker und Impfgegner vorgestern das Staatsfernsehen gestürmt und gefordert, ihre Standpunkte darstellen zu können. In der DG führen die Aktivisten ihre subtilere Kampagne in den „sozialen“ Netzwerken. Unterschiedliche Waffen im gleichen Kampf gegen die Vernunft.

  2. Marcel scholzen eimerscheid

    Herr Leonard.

    Was schlagen Sie vor ?

    Quer- und Quatschdenker ins Arbeitslager ? Gulag im Hohen Venn ?

    Einführung einer Zensur und Gleichschaltung der Medien ?

    Abschalten des Internets ?

    Einführung einer allgemeinen Impfpflicht ?