Kommentar: Impfen fürs Gemüt

In Deutschland sind die Lockerungen für Geimpfte inzwischen beschlossene Sache. In Belgien schreitet die Impfkampagne weiter voran. Und so stellt sich auch hier die Frage, wie lange welche Einschränkungen noch vertretbar sind. Dabei sollte jedoch nicht nur auf die Geimpften geblickt werden. Gerade die, die noch warten müssen, haben besondere Aufmerksamkeit verdient.

Andreas Lejeune (Bild: Julien Claessen/BRF)

Andreas Lejeune (Bild: Julien Claessen/BRF)

Beginnen wir mit einem Blick nach Deutschland. „Lockerungen für Corona-Geimpfte sind beschlossen“, schreibt die Zeit, „Was jetzt für Geimpfte und Genesene gilt“ überprüft der Spiegel und die Bild-Zeitung titelt: „Hoch die Hände, Grill-Wochenende“. In Deutschland stellt man sich schon lange die Frage, was Geimpfte dürfen. Eine Debatte, die auch hier Wellen schlägt: „Impf-Privilegien“ oder gar „Impfzwang“ wird gerufen – beides ist falsch. Erstens weil es sich nicht um Privilegien handelt, sondern um die Rückgabe elementarer Grundrechte. Und zweitens, weil es nicht die Impfung alleine ist, die über den Sachverhalt entscheidet. Dazu schreibt die Zeit: „Für [Geimpfte] gelten … automatisch die Erleichterungen, die bisher Menschen mit negativem Test vorbehalten sind.“

Wir werden also keine Zwei-Klassen-Gesellschaft aus Geimpften und Nicht-Geimpften erleben. Es gilt weiterhin das, was auch während der Einschränkungen galt – möglichst gut im Blick zu haben, wer krank und infektiös sein könnte und wer nicht. Das Ziel ist und bleibt, die Überlastung des Gesundheitswesens zu vermeiden. Nun ist es so, dass Geimpfte weniger wahrscheinlich erkranken und darüber hinaus das Risiko eines schweren Krankheitsverlaufes stark eingeschränkt ist. Für viele ältere geimpfte Mitbürger ist das eine entlastende, wohltuende und wohlverdiente Gewissheit.

Dass sich diese Menschen über die Einschränkungen hinaus verhalten dürften, dem steht eigentlich nichts im Wege. Bereits im Januar schrieb dazu der deutsche Rechtswissenschaftler Thomas Fischer: „Eine Differenzierung ist nicht nur erlaubt, sondern geboten, denn offenkundig Ungleiches darf man nicht gleich behandeln, nur damit alle gleich schlechte Laune haben.“ Höchste Zeit also für eine innerbelgische Diskussion, was Geimpfte, negativ-Getestete und Genesene jetzt wieder dürfen sollen.

Während sich die eine Gesellschaftsgruppe, vornehmlich alte Menschen, nun die epidemiologische Irrelevanz hat spritzen lassen, muss der andere Teil, vornehmlich junge Menschen, weiterhin in Unsicherheit leben. Für sie hat sich die Gemütslage im Vergleich zu den letzten Monaten kaum verändert. Es besteht weiterhin die Gefahr, krank zu werden und ansteckend zu sein. Bei der ganzen Problematik wären es nicht die möglichen Lockerungen für Geimpfte, die unfair wären. Unfair ist, dass kaum Versuche unternommen werden, den Nicht-Geimpften die Unsicherheit zu nehmen. Möglichkeiten gäbe es nämlich, in Form von Tests. Die kosten allerdings. Spätestens wenn die Impfnachweise da sind, müssen Tests kostenlos sein, alles andere wäre diskriminierend. In den Schulen wird kaum getestet, nur das Personal bekommt in Zukunft Tests angeboten. In Vereinen oder Jugendgruppen spielen Tests gar keine Rolle. Die Teilnehmerzahlen sind dort weiterhin eingeschränkt, auch wenn sie inzwischen etwas höher liegen. Übrig bleibt die Ungewissheit.

Junge Menschen müssen also weiter warten. Zum Schutz derer, die sich nicht impfen lassen können, oder, das gibt es auch, die sich nicht impfen lassen wollen. Etwas mehr als 80 Prozent der über 65-jährigen Ostbelgier haben sich bis jetzt impfen lassen. In Flandern sind es in der gleichen Bevölkerungsgruppe zehn Prozentpunkte mehr. Das wäre doch etwas. Denn jeder Geimpfte mehr, und somit jeder Risikopatient weniger, entspannt die Situation. Und damit auch die Unsicherheit derer, die mit der Impfung altersbedingt noch warten müssen.

Andreas Lejeune