Kommentar: Können wir reden?

Nicht nur die regelmäßigen Entscheidungen des Nationalen Sicherheitsrates sorgen für reichlich Gesprächsstoff. Auch die Ankündigung der Bildungsminister, die Maskenpflicht in den Sekundarschulen einzuführen, rief viele Reaktionen hervor. Unverständnis gegenüber diesen Maßnahmen sollte aber kein Grund sein, in vereinfachte Denkmuster zu verfallen.

Andreas Lejeune (Bild: Julien Claessen/BRF)

Andreas Lejeune (Bild: Julien Claessen/BRF)

Wohl jeder versucht sich in der aktuellen Situation aus Maßnahmen und Regeln zurecht zu finden. Viele versuchen, es zu erklären. Nicht nur Politiker oder Wissenschaftler. Soziale Medien bieten jedem die Möglichkeit, an Diskussionen teilzunehmen oder eigene Diskussionen zu starten. Das ist an und für sich etwas Gutes. Einige wenige fühlen sich durch diese Möglichkeit zum unparteiischen Erklärer berufen und präsentieren ihre eigene Sicht auf die Dinge. Mit oft polarisierenden Vereinfachungen kommen diese Menschen all jenen entgegen, die nicht die Möglichkeit haben, die Menge an Meinungen und Positionen noch zu durchblicken.

Sicher, die aktuelle Situation fordert und überfordert. Der Sicherheitsrat mit seinem Hin und Her aus Beschränkungen und Lockerungen vereinfacht dabei kaum das Geschehen. Die belgische Erfindung der Kontaktblase ist dabei die Kirsche auf der chaotisch zusammengestellten Sahnetorte. Mit allem einverstanden sein, sollte man also nicht. Das wäre übrigens eine intellektuelle Meisterleistung, Widersprüche hat es im Verlauf der letzten Monate nämlich genug gegeben. Es darf und muss also in Frage gestellt werden.

Es gilt, kritisch zu hinterfragen, wer die Wissenschaftler sind, die die Sicherheitsräte beraten und warum es so wenige sind. Warum musste eine von Europas größten Errungenschaften, der Schengenraum, zeitweilig aufgegeben werden? Warum verschläft die EU gerade wieder eine letzte Gelegenheit zum Zusammenhalt? Und warum hat gerade Russland bereits einen Impfstoff gefunden?

Auf diese Fragen gibt es nicht die eine Antwort. Genauso wenig auf die Frage zur Maskenpflicht in Schulen. Es ist vollkommen normal, dass es hier verschiedene Meinungen, Erfahrungen und wissenschaftliche Positionen gibt. Und diese sollten als solche respektiert werden. Es bringt niemanden weiter, wenn der Andere diffamiert wird, nur weil er eine andere Position vertritt. Doch solche Vereinfachungen, die nur noch zwei entgegengestellte Lager sehen, tauchen immer häufiger auf.

Aus Bill Gates wird der Teufel, aus Lukaschenko ein Widerständler. Aus gut wird böse, aus böse wird gut. Doch es gab und gibt kein Gut und Böse. Es gab und gibt kein Schwarz und Weiß. Die Welt und vor allem das politische Geschehen ist nuancierter als das. Das ist schwer zu begreifen und noch schwerer zu akzeptieren. Nicht nur für mich. Doch das ist die Prämisse, der man sich in einem demokratischen Diskurs stellen muss. Dass es eben kein richtig oder falsch gibt. Der, der anders denkt ist nicht direkt Teil eines sogenannten Systems, das es schafft, die Welt binär einzuteilen.

Solche Vereinfacher warten darauf, bestätigt zu werden. Es wird eine düstere Welt und oft noch düsterere Zukunft gemalt. Mitgesteuert von jedem, der nicht diese Meinung vertritt. Diese Position ist bequem. Man muss nichts beweisen, nur behaupten. Und widerlegt werden kann man auch nicht. Jeder Beweis gegen das System ist im Endeffekt nichts anderes als ein weiteres Argument dafür. Das widerspricht jeglicher Wissenschaftlichkeit. Und eigentlich ist es doch gerade diese Wissenschaftlichkeit, die jahrhundertelangen Fortschritt ermöglicht hat und irgendwann einen Impfstoff gegen das Coronavirus hervorbringen wird. Doch das tut anscheinend nichts zur Sache.

Dem gegenüber stehen jene, die in der aktuellen Kompliziertheit eine Aufforderung sehen. Man macht Gegenvorschläge und versucht, Argumente zu sammeln – in der Hoffnung, dass die eigene Meinung Gehör findet. Das setzt voraus, dass die Meinung des Anderen nicht unbedingt akzeptiert, aber zumindest respektiert wird. Diese Gruppe riskiert. Sie kann in all ihren Forderungen und Hoffnungen enttäuscht werden. Doch das ist das Risiko, wenn man versucht, ein positiveres Bild von der Zukunft zu malen. Wartet man hingegen auf das Schreckensszenario, so hat man nichts zu verlieren.

In all dem Durcheinander sollte nicht vergessen werden, dass übereinander reden niemanden weiterbringt. Im respektvollen Miteinander liegen die Lösungen. Für dieses Miteinander braucht es aber die Bereitschaft. Und den Mut, enttäuscht zu werden.

Andreas Lejeune

3 Kommentare
  1. Lutz-René Jusczyk

    Vielen Dank für den ausgewogenen Kommentar, dem ich nur beipflichten kann.
    Gab es in den vergangenen Jahrzehnten ein Thema, das die Gesellschaft so sehr gespalten hat, wie die Beurteilung der Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie?
    Ich hoffe sehr, dass in einigen Monaten ein Impfstoff verfügbar sein wird; natürlich in erster Linie, damit die Pandemie ein Ende findet, aber auch zur Überwindung der Spaltung.

  2. Anja Wotschke

    @LUTZ-RENÉ JUSCZYK, glauben Sie da wirklich dran dass es eine Impfung geben wird ? Bei gut 4.000.000 vorbestellte Dosen von etwas was noch nicht Existenz ist, frage ich mich falls es jemals den Impfstoff geben sollte, wie denn ca 11.500.000 Einwohner da geimpft werden sollten? Da können die es aber getrost vergessen eine IMPFPFLICHT einzuführen, denn die braucht man bei dieser geringen georderten Menge da mit Sicherheit nicht.

  3. Lutz-René Jusczyk

    Werte Frau Wotschke, sicher werden nicht alle Bürger/-innen gleich von Anfang an die Möglichkeit einer Impfung nutzen können, daher wäre es gut, wenn Personen, die Risikogruppen angehören, oder die an Schulen, in sozialen Einrichtungen oder in Ämtern in Bereichen mit Publikumsverkehr beschäftigt sind, im Hinblick auf die Möglichkeit einer Impfung bevorzugt werden würden.
    Einer Impfpflicht stehe ich kritisch gegenüber. Wer sich jedoch nicht impfen lässt, obwohl ein Impfstoff zur Verfügung steht, darf sich natürlich nicht beklagen, wenn er/sie an Covid-19 erkrankt.
    Ich weiß manchmal nicht, worüber ich mir stärkere Sorgen machen muss: Über eine Infektion oder über die Spaltung der Gesellschaft, die teilweise bis in den engeren Freundeskreis hineinreicht.
    Mit Bedauern erlebe ich ebenso, wie diverse Verschwörungsmythen in zunehmenden Maße an Boden gewinnen. Offenbar informiert sich eine wachsende Zahl an Menschen nur noch aus „alternativen“ Quellen.
    Mit rationalen Argumenten kommt man dagegen kaum noch an, so meine Erfahrungen.