Von der Leyen auf dem Sofa – Türkei verteidigt Sitzordnung

Ein diplomatischer Zwischenfall in Ankara sorgt für merkliche Verstimmung und sogar Empörung innerhalb der EU. Bei einem Treffen zwischen hohen EU-Vertretern und dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan war der Stuhl für EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen offensichtlich "vergessen" worden. Die sichtbar irritierte von der Leyen musste stattdessen in einem Sofa Platz nehmen.

Türkeis Außenminister Mevlut Cavusoglu (Bild: Nicholas Kamm/AFP)

Türkeis Außenminister Mevlut Cavusoglu (Bild: Nicholas Kamm/AFP)

Im Europaparlament haben die beiden größten Fraktionen eine Debatte über den Umgang der Türkei mit EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen bei ihrem Besuch in Ankara gefordert. Die konservative EVP und die Sozialdemokraten erklärten, von der Leyen und EU-Ratspräsident Charles Michel sollten sich Ende April vor dem Parlament dazu äußern.

Von der Leyen und Michel hatten am Dienstag Gespräche mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan geführt. Dabei hatten sich Erdogan und Michel in zwei nebeneinander stehende Sessel gesetzt. Von der Leyen musste auf einem Sofa Platz in einiger Entfernung Platz nehmen.

Seit Dienstag macht der Begriff „Sofagate“ die Runde. Eben als Verweis auf das Sofa, auf dem EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen unfreiwillig Platz nehmen musste. Das Bild, das so entstand, war regelrecht desaströs: Die Frau, die den Männern beim Reden zuschauen muss.

Der türkische Außenminister Mevlut Cavusoglu hat inzwischen Kritik daran zurückgewiesen. Er erklärte, die Sitzordnung sei gemeinsam mit der EU festgelegt worden.

In einer Stellungnahme auf Facebook erklärt EU-Ratspräsident Charles Michel den Vorfall so, dass die türkischen Behörden das Protokoll eng ausgelegt hätten. In der Tat, rangiert der EU-Ratspräsident in der Rangordnung theoretisch vor der Kommissionsvorsitzenden. Es habe allerdings der Eindruck entstehen können, dass er der Situation gleichgültig gegenüber gestanden hätte. Nichts könne falscher sein, beteuert Michel.

dlf/dpa/est/rop

10 Kommentare
  1. Manz Hannelore

    Genau das hab ich erwartet, in der Türkei von Erdogan hat die Frau im Hintergrund zu bleiben, nicht wirklich überraschend. Was mir zu denken gibt, wie nötig hat Europa die Türkei, das man sich das gefallen lässt? Meiner Meinung nach hätte unser Weich gespülter Michel protestieren können, aber was verlange ich eigentlich von den Europäichen Politikern,? Die kriechen solchen Despoten doch lieber zu Kreuze,sollten mal auf der eigenen Schleimspur Ausrutschen.

  2. ralf zilles

    Kindergarten hoch Zwei!

  3. Frank Mandel

    Die türkische Regierung ist durch.
    Bitte das Feld verlassen…
    Wie blöd muss man sein, um sich da noch hinzusetzen?
    Diplomatie fehl am Platz.
    Marionetten aus Holz geschnitzt aber ohne Herz!
    Die Ideologie ist das, was sich verspricht…

  4. Hoffmann Willy

    Was will man von dem Irren vom Bosporus denn verlangen. ? Und dann wollen solche Länder, die sich einen Dreck um Menschenrechte, Gleichstellung der Frau kümmern , in die EU.

  5. Marcel Scholzen Eimerscheid

    Was hier groß als Skandal angeprangert wird, ist nichts anderes als der Zusammenprall von zwei verschiedenen Auffassungen von Hierarchie und Autorität. Während in den westlichen demokratischen Ländern eher ein kollegiales Miteinander praktiziert wird, in der Hierarchien meist nur theoretischen Charakter haben, wird u.a. im nahen Osten die Hierarchie betont, d.h. ein Vorgesetzter besteht auf seiner Autorität und zeigt das auch nach außen. Die Türken haben es beim Besuch von Michel und Von der Leyen gemacht wie immer, d.h. jedem seinen Platz zugewiesen. Michel ist eben der Ranghöhere und durfte sich neben den türkischen Präsidenten setzen und Von der Leyen ist die Rangniedrigere und musste sich aufs Sofa setzen.

  6. Peter Schallenberg

    Wie wäre wohl die Sitzordnung gewesen, hätte man „Kompetenz und Erfahrung“ als Kriterium gewählt und nicht irgendwelche verstaubten Rollenbilder?

  7. Norbert Schleck

    Mein Gott, was für ein Geschrei!

    Es ist altbekannt, dass bei Staatsbesuchen das Protokoll eine große Rolle spielt und dass von beiden Seiten daran gefeilt wird. Dafür gibt es überall einen Protokollchef.

    Ein Beispiel: „EU-Bosse streiten um ersten Handschlag mit Obama“
    (SPON 30.01.2010)

    Die Türkei hat eigentlich nur die Rangordnung der EU beachtet, wie sie auf Wikipedia wiedergegeben wird:
    1. Präsident des Europäischen Parlamentes
    2. Präsident des Europäischen Rates (Charles Michel)
    3. Mitglieder des Europäischen Rates, sowie die Präsidentschaft der Kommission (Ursula von der Leyen).
    4. …
    Siehe „HANDBOOK OF THE PRESIDENCY OF THE COUNCIL OF THE EUROPEAN UNION“

    Michel saß auf einer Stufe mit Staatspräsident Erdogan, während UvdL als Regierungschefin auf gleicher Höhe wie der Vertreter der türkischen Regierung ihren Platz hatte.

    Das mag man als Kinderkram belächeln, wird aber weltweit praktiziert.

    Wenn da jemand geschlafen hat, dann eher der Protokollchef der EU:
    „EU protocol responsible for von der Leyen ‘Sofa Gate,’ sources say“

  8. Guido Scholzen

    Diese Affäre (ein Sturm im Wasserglas) zeigt eines auf politischer Ebene:
    Es gibt keinen „kranken Mann am Bosporus“, sondern einen kranken Mann in Brüssel, äh… also Frau, äh… also eine ‚Mensch*in‘ (oder wie nennt man ‚Frau‘ politisch korrekt auf genderisch?)

    Die EU erinnert immer mehr an die letzten Tage des Osmanischen Reiches, wo zum Schluss auch nur von Krise zu Krise herumgewurschtelt wurde, und es war nur eine Frage der Zeit, bis immer mehr Gebiete verloren gingen, auch ohne Krieg – bis zum totalen Untergang. Der Brexit hat vorgeführt, das dies in der EU absolut im Bereich des Möglichen liegt.

  9. Yves Tychon

    @ Manz Hannelore: Ganz einfach: Erdogan braucht nur auf einen Knopf zu drücken, und Hunderttausende in der Türkei befindliche Flüchtlinge machen sich auf in die EU. Will das jemand?

  10. Ulrich Schumacher

    Hallo Herr Leonhard,
    wie definieren Sie eigentlich Ihren „Bürgersinn“‘? Als das, was alle Ihrer Meinung nach zu denken haben?

    Sind anders als Sie Denkende denn keine Bürger?