Herr Dahmen, wie ist im Moment die Lage vor Ort?
Die Lage vor Ort, im Bereich des Forstamtes Elsenborn - das ist ja die Nordostflanke, wir waren ja nicht sehr betroffen, nur 123 Hektar vom Gemeindewald Bütgenbach - da ist effektiv noch ein aktives Feuer in einer renaturierten Fläche, so ein Laubmischwald. Und da hoffen wir, dass wir das heute da gestoppt bekommen oder unter Kontrolle kriegen. Dann ist im Bereich vom Forstamt Verviers, von meinem Kollegen Yves Pieper, das Feuer noch sehr aktiv, da ist eine sehr schwierige Lage. Da ist das Feuer in den Wald reingegangen, da finden Holzfällarbeiten statt und auch Löscharbeiten. Bei ihm ist es effektiv noch sehr akut.
Die Hubschrauber sind alle abgezogen. Es finden Tag und Nacht noch Patrouillen statt. Nachts, jeweils in jedem Forstamt, Forstbeamte mit Personal von der Feuerwehr. Momentan fangen auch die ersten Begehungen an von dem Spezialisten der Hochmoore, von unserer Forschungsstelle. Der war auf den beiden aktiven Hochmooren, geht jetzt auf den renaturierten Flächen rundherum schauen, wie die Auswirkungen des Feuers dort sind.
Es gibt, vorsichtig formuliert, positive Nachrichten, was diese beiden aktiven Hochmoore angeht. Würden Sie das erklären?
Also das Positive ist: Das Feuer ist nicht in die untere dicke Torfschicht eingedrungen, die war noch vollgetränkt mit Wasser. Da ist vielleicht ein Zentimeter verbrannt. Wir hatten ja die Befürchtung, dass das Feuer in diese Torfschicht reingehen würde und sich da metertief reinfressen könnte. Und das wäre für die Löscharbeiten schwer gewesen und natürlich auch für die Zukunft des Hochmoors. Dann wäre es wahrscheinlich ganz zerstört worden. Das ist also schon mal gut.
Was nicht gut ist: Die obere Schicht des aktiven Hochmoors - das ist eine Schicht von 60 bis 80 Zentimetern, die besteht aus diesen typischen torfbildenden Pflanzen wie Wollgräsern und Torfmoosen, die auch für die Regulierung des Wasserhaushaltes von einem Hochmoor sorgen - diese Schicht von 60 Zentimetern, die ist gänzlich verbrannt. Das sind also diese aktiven Pflanzen. Darunter sind verschiedene Stadien von zersetzten Moorpflanzen und am Ende, ganz unten, wird dann eine neue Schicht Torf gebildet.
Die obere Schicht ist also praktisch auf den beiden Hochmooren gänzlich verbrannt. Kleiner Hoffnungsschimmer ist, dass man jetzt schon sieht, dass die ersten Wollgräser langsam wieder ausschießen. Da kann es jetzt gut sein, dass da zu Beginn die Wollgräser wieder wachsen werden und die Torfmoose erst im Nachhinein. Das wissen die Wissenschaftler aus Studien von vorherigen Bränden vor Jahrhunderten, wo man sehen kann, dass da auch anscheinend während vielen Jahren oder Jahrzehnten besonders die Wollgräser dominiert haben. Also das ist ein kleiner Hoffnungsschimmer. Es ist schon mal nicht der Worst Case eingetreten.
Dann auf den renaturierten Flächen - wir haben ja durch die Life-Projekte und andere Projekte sehr viele Flächen renaturiert, wo wir das Pfeifengras abgeplaggt haben, wo Dämme gemacht wurden, um das Wasser zurückzuhalten, damit sich diese torfbildenden Pflanzen installieren: Nach den ersten Erhebungen sieht es auf etlichen renaturierten Flächen gut aus. Aber man muss wirklich vorsichtig sein. Die Löscharbeiten gehen so so langsam zu Ende, sie sind noch nicht zu Ende, und wir können noch nicht in alle Flächen rein. Also da muss man wirklich noch eine gute Woche warten, bevor da unsere Wissenschaftler einen Überblick haben. Aber das sind schon mal kleine positive Aspekte.
Ansonsten gibt aber auch viele Flächen, wo keine aktiven Hochmoore waren, wo degradierter Torf war. Und da sind Schichten verbrannt von zehn bis 50 Zentimeter, die sind ganz weggebrannt. Und da muss man jetzt gucken, welche Maßnahmen da notwendig sind, aber dafür ist es auch jetzt noch zu früh.

Also die Natur an dieser Stelle - die Torfschichten in den degenerativen Mooren - die werden sich nicht von alleine wiederherstellen?
Da muss man jetzt abwarten, was geschieht. Was sehr schlecht wäre: dass zum Beispiel die Birken jetzt überhandnehmen. Wenn auf diesen Flächen jetzt überall ein Birkenwald entsteht, das wäre sehr schlecht. Wir haben Beispiele aus den Venngebieten oben bei Brackvenn-Mützenich, da hat es 1947 gebrannt. Und da sind Venngebiete, die jetzt noch dominiert sind durch Weidensträucher und durch eine spezielle Moosart, Polytrichum. Und das ist eine Folge von diesen Bränden.
Da muss man schauen, was kann man als Maßnahmen treffen, um das zu vermeiden? Damals nach dem Brand von 1947 hatte man nicht dieses Know-how von heute, diese wissenschaftlichen Resultate, auch nicht die technischen Maßnahmen, um das durchzuführen. Die Flächen haben sich natürlich entwickelt und das ist dann daraus geworden. Und da muss man jetzt schauen, was können wir machen, um das zu vermeiden? Kann man noch weiterhin so kleine Staudämme anlegen, wie wir es schon an vielen Stellen gemacht haben? Und was kann man machen, um zu vermeiden, dass jetzt da sich alles vollsetzt mit Birken? Denn das ist nicht das Ziel.
Aber das wird sich dann erst in den nächsten Wochen und Monaten herausstellen können?
Ja, natürlich. Ich habe Aussagen gehört wie 'Ja, jetzt muss überlegt werden, was da gepflanzt wird' ... Also im Hohen Venn, im Naturschutzgebiet, ist nichts gepflanzt worden. Auf vielen Flächen lässt man die Natur sich entwickeln. Man kann schauen, welche flankierenden Maßnahmen man treffen kann, damit gewisse Ecken sich positiv entwickeln. Aber es gibt natürlich Flächen, da werden wir die negativen Auswirkungen des Brandes sehen, da wird sich eine andere Vegetation installieren. Also die Natur wird irgendwie schon etwas da in Gang bringen.
Was ist mit den Beobachtungen aus der Bevölkerung, dass man jetzt vermehrt überfahrene Tiere, zum Beispiel Füchse, auf den Straßen sieht? Hängt das irgendwie zusammen mit dem Vennbrand?
Nein, ich glaube, das ist ein Zufall. Wir haben auch eine Nachricht gehört, dass bei Huy, bei Lüttich, ein Wolf gesehen worden wäre und da war dann auch der Kommentar 'Ja, das ist jetzt die Auswirkung des Vennbrandes, die Wölfe sind weg und sind jetzt überall'. Also ich kann nur sagen: Ich war gestern mit einem Revierförster im Gemeindewald Bütgenbach vor Ort schauen und in der frischen Asche sahen wir, dass in der Nacht - also vorgestern Nacht - da ein Wolf durchgezogen ist zwischen den verschiedenen Hotspots, die noch am brennen waren. Also die Tiere sind nach wie vor hier. Was sicher ist: Hirschkühe, Rehe und so weiter sind aus der verbrannten Fläche geflohen in die Wälder rundherum. Das wird sich jetzt wieder begrünen, das passiert schon auf den ersten kleinen Flächen - nicht da, wo es so tief gebrannt hat. Und viele Tiere werden sich wieder ihren Lebensraum suchen.
Katrin Margraff