Es ist der frühe Morgen des 10. Mai 1940: Eine Gruppe belgischer Soldaten versammelt sich am Viadukt von Moresnet. Schon drei Jahre zuvor hatten sie an der Brücke Minen platziert. Kurz vor dem Einmarsch der Deutschen jagen sie das Viadukt schließlich in die Luft.
Unter den Soldaten ist auch der 22-jährige Franz. 1917 als Deutscher in Malmedy geboren, wurde er nach dem ersten Weltkrieg mit der Unterzeichnung des Versailler Vertrags Belgier. Am 28. Mai 1940 kapitulierten die Belgier jedoch. Franz kehrte nach Malmedy zurück – plötzlich war seine Heimat wieder Deutsch. Der junge Mann wird in die Armee der Nationalsozialisten eingezogen und an die Front nach Stalingrad geschickt.
Franz hat es in Wirklichkeit niemals gegeben, doch die Dinge, die ihm in dem Comic "De Gré ou de Force" ("Freiwillig oder mit Gewalt"), passieren, basieren auf Zeitzeugenberichten von Menschen aus den Ostkantonen, die im Zweiten Weltkrieg in die deutsche Armee eingetreten sind oder den Krieg im Grenzgebiet erlebt haben. Während die einen gegen ihren Willen eingezogen wurden, war der Eintritt in die deutsche Armee für andere eine gewisse Heimkehr - denn nicht alle Bewohner der Ostkantonen waren einverstanden damit, nach dem ersten Weltkrieg zu Belgien zu gehören.
Vor über zehn Jahren begann der Journalist Frédéric Moray zu dem Thema zu recherchieren. Er stammt selbst aus Malmedy und wusste lange Zeit nicht viel über die Schicksale der Grenzbewohner im Zweiten Weltkrieg. "Es ist eine Geschichte, über die in Familien kaum gesprochen wird, und auch in der Schule wird sie überhaupt nicht gelehrt. Deshalb wollten wir mit diesem Comic ein Lehrmittel für zukünftige Generationen schaffen", erklärt Moray.
"Ich habe Menschen aus den gesamten Ostkantonen getroffen. Wirklich in jedem Dorf, in jeder Gemeinde. Sie haben mir erzählt, wie diese Zeit des Krieges für sie verlaufen ist, ob sie die Region verlassen haben, ob sie freiwillig oder gezwungenermaßen in die deutsche Armee eingetreten sind, ob sie an die Ostfront oder an die italienische Front gegangen sind. Die Geschichte, die wir von Franz erzählen, besteht aus all diesen Zeugenberichten."
Im Rahmen der Recherche entstand im Laufe der Jahre ein Podcast. 2019 folgte die Webdokumentation "De Gré ou de Force". In Zusammenarbeit mit dem Illustrator Oli Pirnay entstand nun der gleichnamige Comic. "Die Idee hinter dem Comic ist es, ein greifbares Objekt zur Erweiterung des Lernerlebnisses zu bieten", so Moray. "Außerdem möchten wir ein völlig anderes Publikum erreichen: eines, das sich bisher nicht für die Webdokumentation interessiert hat, aber vielleicht Comics mag und die darin erhaltenen historischen Aspekte zu schätzen weiß."
Auch für Oli Pirnay ist das Projekt eine Herzensangelegenheit. Seine Großmutter stammte aus der Region Bleyberg und musste – ähnlich wie der fiktive Franz – Entscheidungen treffen. Moray und Pirnay war es besonders wichtig, dass der Comic historisch so akkurat wie nur möglich ist.
Trotzdem bleibt Platz für künstlerische Freiheit. "Es ist immer noch mein Zeichenstil mit all seinen Unvollkommenheiten", erklärt Oli Pirnay. "Gleichzeitig versuche ich aber auch, so genau wie möglich zu sein, so nah wie möglich am Original zu bleiben und besonders auf Details zu achten, zum Beispiel bei den Uniformen, um sie so präzise wie möglich darzustellen."
"Wir haben uns aber auch stark auf Fotos gestützt. Am Ende des Buches sieht man das. Da gibt es einen informativen Abschnitt, der die Panels des Comics, ihre Entstehung und die Originalfotos erklärt. Dadurch wird deutlich, dass wir zwar einiges hinzugefügt haben, aber eben auch vieles nicht. Manchmal mussten wir gar nichts dazuerfinden, weil das Originalfoto so aussagekräftig war, dass wir nichts hinzufügen mussten", so Pirnay.
So sehen die Leser unter anderem die von den Nationalsozialisten eingenommene Place Albert 1er in Malmedy, das Viadukt von Moresnet oder auch die Rennstrecke von Spa Francorchamps in dem Comic.
Über den Verlauf der Geschichte geht es aber auch die Ukraine, Russland, Algerien oder sogar nach Palästina. "Es ist ein Comic, der viel reist, lokal beginnt und sich dann zu einer großen Abenteuergeschichte ausweitet. Das war unser Ziel: zuerst eine gute Geschichte zu haben und sie dann so genau und so korrekt wie möglich zu erzählen, damit sie zum Nachdenken anregt und dem Thema Nuancen verleiht", so Pirnay. Unterstützt wurden Frédéric Moray und Oli Pirnay auch von den beiden Historikern Christoph Brüll und Bernard Wilkin.
Der Comic "De Gré ou de Force" soll der erste einer Reihe von insgesamt vier verschiedenen Comics werden. In jedem Band sollen anhand eines anderen Hauptcharakters die Erfahrungen und Handlungsmöglichkeiten der damaligen Bewohner des Grenzgebietes aufgezeigt werden. Und natürlich wird auch der Leser vor die Frage gestellt, wie man sich selbst in solch einer Situation verhalten würde: Bleiben oder fliehen? Untertauchen oder in den Krieg ziehen? Sich dem Widerstand anschließen oder sich fügen?
Auf Französisch ist "De Gré ou de Force" seit Montag (11. Mai) erhältlich. Bald soll der Comic auch in deutscher Sprache veröffentlicht werden.
Lindsay Ahn


