Die Straße vor der Synagoge in Lüttich ist wieder für den Verkehr freigegeben. Vor dem Eingang des jüdischen Gotteshauses ist allerdings weiter eine breite Plane aufgespannt, sodass man von der Straße aus nicht auf die Eingangstür schauen kann. Die trägt weiter deutliche Spuren der Explosion, die Montag um vier Uhr Anwohner aus dem Schlaf geweckt und mittelschweren Sachschaden an der Synagoge angerichtet hat.
Dabei hätte die Explosion noch viel mehr Schaden anrichten können. Aber nach früheren Warnhinweisen auf möglich Anschläge hatte die jüdische Gemeinde die Tür im Inneren des Gebäudes verstärkt. Sie wurde nicht weggesprengt, sondern konnte dem Schock der Explosion weitgehend standhalten.
Vor den Absperrplanen stehen jetzt zwei Polizisten. "Rund um die Uhr", wie Lüttichs Bürgermeister Willy Demeyer der RTBF sagt, werde die Synagoge jetzt bewacht. Auch andere Sicherheitsmaßnahmen seien neu hinzugekommen. Welche das seien, würde er nicht sagen können - das sei sicher verständlich. Nur so viel: Die Föderalpolizei unterstützt die Lütticher Ordnungskräfte dabei.
Die föderale Staatsanwaltschaft ermittelt unterdessen weiter, will aber auch Dienstag keine Neuigkeiten zum Stand der Dinge kommunizieren. Weshalb weiter wild spekuliert werden kann, was der Hintergrund der Tat war, und wer sie verübt haben könnte. Die RTBF wiederholte erneut ihre angebliche Erkenntnis, dass der Sprengsatz wahrscheinlich selbst gebastelt sei. Ähnliche Sprengsätze seien außerdem schon öfters in den vergangenen Jahren bei Anschlägen auf jüdische Einrichtungen benutzt worden, unter anderem in Deutschland und Frankreich.
Die Zeitung La Dernière Heure spricht von einem angeblichen Video, auf dem zu sehen ist, wie kurz vor vier Uhr ein Auto vor der Synagoge hält, ein Mann aussteigt, etwas vor der Synagoge ablegt und wieder ins Auto steigt, das dann schnell wegfährt. Bestätigt sind diese Informationen von offizieller Seite nicht.
Außerhalb von Lüttich hat der Vorfall von Montag zu einer verstärkten Wachsamkeit an jüdischen Einrichtungen im ganzen Land geführt. In Waterloo hat sich Bürgermeisterin Florence Reuter nach der Explosion in Lüttich bei den zuständigen Stellen erkundigt, wie sie in ihrer Gemeinde die jüdischen Bürger besser schützen könne. "Daraufhin hat das Krisenzentrum zusätzliche Maßnahmen in die Wege geleitet", berichtet die Bürgermeisterin.
Dass in Lüttich und auch anderswo jüdische Einrichtungen weiterhin nur von der Polizei bewacht werden und nicht auch von Soldaten, ist absolut nicht nach dem Geschmack von Innenminister Bernard Quintin. Er würde Soldaten gerne einsetzen, sagt er, die notwendigen Papiere zwischen seinen Diensten und dem Militär seien auch schon unterzeichnet. Aber ein Koalitionspartner in der Regierung - damit meint MR-Minister Quintin die CD&V - würde den Einsatz von Soldaten aus politischen Gründen blockieren. "Ich hoffe, dass dieser Partner seine Blockadehaltung jetzt aufgibt. Wenn es um Sicherheit geht, sollte man solche politischen Spielchen besser sein lassen."
Kay Wagner