Oikos vor dem Aus – Antoniadis: „In Zukunft mit einem größeren Träger arbeiten“

Wie geht es weiter mit Oikos? Die Entscheidung, dass der Sozialdienst die Spendenabzugsfähigkeit verliert, hat das Gericht Erster Instanz Eupen annulliert. Doch selbst das scheint nichts an der Zukunft von Oikos zu ändern - die sieht nämlich düster aus.

Haus Bellmerin 1C in der Eupener Unterstadt

Archivbild: BRF Fernsehen

Seit mehr als 30 Jahren sind Johannes Funk und sein Team im sozialen Bereich tätig. Aus diesen Initiativen ist auch Oikos entstanden. Der Dienst, der heute noch Über-18-jährigen eine Anlaufstelle, ein Dach über dem Kopf und Struktur bietet.

Doch nicht nur das, findet Martin Saur, Leiter des Hauses Bellmerin 1C. „Vor allen Dingen die Niedrigschwelligkeit, die Offenheit. Und dann halt eben eher wenig Rahmen. Doch sehr viel Arbeit auf Beziehungsebene. Sehr viel Nähe, die man eben lebt.“

Vielleicht arbeite man etwas unreglementierter als andere. Man käme schließlich aus einer Zeit, in der es noch keine Schubladen gab. Die gibt es aber inzwischen. Bei Oikos scheut man sich nicht, zuzugeben, dass man nicht in jede behördliche Schublade passt. Genau wie die betreuten Menschen nicht in Kategorien passen würden.

Eben das wurde allerdings zum Problem. Ein externer Bericht attestierte „Qualitätsmängel“. Fördermittel wurden gestrichen, die Spendenabzugsfähigkeit aberkannt. Selbst das Gerichtsurteil, das nun zu Gunsten von Oikos entschieden hat, scheint daran nichts mehr zu ändern. „Nein, eindeutig nicht“, sagt Präsident Johannes Funk. „Also man glaubt, uns mit dem damaligen Schlussstrich der Finanzierung auch keine weiteren finanziellen Unterstützungen zukommen lassen zu müssen.“

Oikos steht noch auf eigenen – wackeligen – finanziellen Beinen. Um das Personal weiter finanzieren zu können, wurde bereits die Geschäftsstelle verkauft. „Wir sind momentan in der Situation, dass wir für die nächsten paar Monate uns als beide Mitarbeiter noch finanzieren können. Danach aber, so wie es auch in der Zeitung stand, werden die Lichter ausgehen“, erklärt Funk.

Doch mit dem Ende von Oikos sind die eigentlichen Probleme nicht gelöst. Denn die werden anhalten, glaubt Johannes Funk. „Wir glauben, dass diese Arbeit eine notwendige ist in unserer Stadt, ich glaube sogar für die gesamte Deutschsprachige Gemeinschaft, weil es ein Zulauf ist, von jungen Erwachsenen aus der ganzen Gegend. Mit immer noch der stillen Hoffnung, das in die Öffentlichkeit so tragen zu können, dass unsere Verantwortlichen sagen ‚Wir brauchen solche Bausteine innerhalb der Gesellschaft‘.“

Wie so ein Baustein auszusehen hat, steht noch nicht fest. Fest steht aber, dass dieser Baustein groß sein soll, sagt Sozialminister Antonios Antoniadis. „Es ist eine sehr kleine Zahl von jungen Menschen, zum Glück, aber das bedeutet nicht, dass sie nicht unser Augenmerk verdient. Und da glaube ich, könnten wir in Zukunft mit einem größeren Träger, der breiter aufgestellt ist, diese Aufgabe wahrnehmen.“

Es soll bereits Gespräche mit einem Akteur aus der christlichen Arbeiterbewegung geben. Ob dort allerdings noch auf die Expertise und Erfahrung von Johannes Funk und Maxim Saur zurückgegriffen werde, hänge vom Träger ab, so Antonios Antoniadis.

Für Johannes Funk ist das so oder so nur zweitrangig. „Wir beide machen es bestimmt nicht für uns. Und wenn ich sage, es waren schon 35 Jugendliche, die während den vier Jahren hier gewohnt haben und ein Stück weit einen weiteren Schritt in ihre eigene Zukunft gemacht haben, dann tut es mir leid für jeden, der dann anschließend vor der Türe steht und diesen Weg nicht findet. Er bleibt ein absolut notwendiger Weg.“

Dieser Weg wird nun von einem anderen Träger, möglicherweise mit einem anderen Ansatz, gegangen. Bei Oikos hat man das mit Resignation akzeptiert. „Für mich ist das echt das Wunder von Bellmerin. Deshalb auch nochmal: Noch billiger noch mehr Effekt zu erzielen, das will ich sehen die nächsten 15 Jahre. Da lasse ich mich wirklich gerne überraschen. Ich glaube es nicht.“

Anders Sozialminister Antoniadis. „Ich glaube, dass wir in diesem Bereich als DG auch selber mehr tun sollten. Das aber mit einem Träger machen sollten, der viel breiter aufgestellt ist. Das bedeutet keineswegs, dass die Arbeit, die bis jetzt geleistet ist, nicht gut ist. Sie ist nicht ausreichend breit genug aufgestellt.“

Am Ende steht die Frage, wie gesellschaftliche Probleme angegangen werden sollen. Müssen Einrichtungen auf konkrete Bedürfnisse reagieren? Oder haben Bedürftige sich Rahmenbedingungen zu fügen? Die aktuelle Debatte fügt sich in dieses Spannungsverhältnis.

Oikos und die Deutschsprachige Gemeinschaft sind sich uneinig. Mit den erheblicheren Folgen für Oikos. Das löst Unsicherheit aus. Und zwar bei denen, die in der Diskussion gar keine Lobby haben: nämlich den sozial Schwächsten. Denn zwei Bewohnerinnen des Hauses Bellmerin 1C sehen keinen Grund, das Haus zu schließen. „Also das ist absolut Blödsinn, das hier hilft sehr vielen Jugendlichen weiter.“ „Ich sehe das genau so. Also ich wüsste nicht was ich machen würde, wenn ich jetzt nicht hier wäre.“

Andreas Lejeune

9 Kommentare
  1. Marc Despineux

    Lieber Johannes, lieber Martin,
    Ich wünsche mir von Herzen das Oikos Zukunft hat.
    Ihr gebt den jungen Menschen Würde, Aufmerksamkeit und ein Zuhause, ihr schaut nicht weg!
    Danke dafür!

  2. Martin Saur

    Danke Marc!
    Leider lügt Toni schon wieder, er will uns auf keinen Fall denn wir regen ihn einfach auf. Soviel zur Sachlichkeit Na ja aber die Haare sind schön! warum denke ich schon wieder an julia Klöckner?

  3. Lutz-René Jusczyk

    Für einen Außenstehenden wie mich ist es schwer nachzuvollziehen, wieso einer sozialen Einrichtung in privater Trägerschaft, die über Jahre hinweg gute Arbeit geleistet hat, einfach die Existenzgrundlage entzogen wird.
    Ich erlaube mir die Frage, ob es nicht sinnvoll ist, in dem einen oder anderen Bereich sich weniger in Richtung Deutschland zu orientieren, als vielmehr einen eigenen „ostbelgischen Weg“ zu favorisieren.
    Es liegt doch auf der Hand, dass wenn man Gutachter aus Nordrhein-Westfalen damit beauftragt, die Arbeit einer Einrichtung im benachbarten Ausland zu evaluieren, dies zu Problemen führen kann, da die Herangehensweise hierzulande einfach eine andere ist.
    Was sich bei uns bewährt hat, sollte m.E. nicht einfach über den Haufen geworfen werden, nur weil jenseits der Grenze anders gearbeitet wird. Die kochen drüben auch nur mit Wasser.
    Entscheidend ist doch letztlich, ob es gelingt, junge Menschen zu einem selbständigen Leben zu befähigen, worin Oikos bisher recht erfolgreich war.
    Weshalb etwas kaputtmachen, was sehr gut funktioniert?

  4. Dieter Leonard

    Wenn man sich vor Augen führt, welche Einrichtungen – über deren gesellschaftlichen Mehrwert durchaus gestritten werden darf – die Deutschsprachige Gemeinschaft in den vergangenen Jahrzehnten (bis heute) so alles subventioniert hat, ohne sich die Frage zu stellen „ob der Träger breit genug aufgestellt ist“ und ohne jegliches Qualitätsscreening, ist der Umgang mit Oikos zumindest fragwürdig.

    Dass es keine Zukunftsperspektive für eine mit viel Engagement geführte Einrichtung geben soll, ist nur schwer nachzuvollziehen. Vielleicht war die Bereitschaft, aufeinander zuzugehen – in einer Zeit, in der die gesellschaftliche Spaltung in allen möglichen Bereichen nicht aufzuhalten scheint – auch nicht „breit“ genug?

    Aber Hauptsache, einem völlig aus dem Ruder gelaufenen Regierungs-, Profilierungs-Standortmarketing wird genügend Aufmerksamkeit (und Geldmittel) gewidmet.

  5. Frank Mandel

    Der Regierung ist gar nichts aus dem „Ruder gelaufen“ und dass Sie nicht in der Regierung sitzen, zeigt doch, dass alles seinen Gang geht. Keiner wünscht sich die Schließung „einer Einrichtung“ gerade, wenn sozialen Aktivitäten damit zu tun haben. Allein schon diese Stimmungsmache „da wird auch nur mit Wasser gekocht“ und „man solle nicht alles nachmachen, was in Deutschland“ passiert…, ich habe vor 15 Jahren hier gearbeitet und tue das seit fünf Jahren wieder. Die Weiterentwicklung im sozialen Bereich, hier in der deutschsprachigen Gemeinschaft, ist beispielslos beachtend und ein Aushängeschild für Europa! Das hat nichts mit „Meckerfritzen“ und persönlichen Meinungen zu tun sondern mit Fachkenntnis, Visionen und beruflichen Erfahrungen. Herr Minister Antoniadis beweist das gut. Und sein Team doch mit ihm. Dass darüber hinaus, Verständnis von Außen fehlt, keine Frage. Man hats nicht leicht aber leicht hats einen. „Aus dem Ruder gelaufen“, man man man…

  6. Lutz-René Jusczyk

    Herr Mandel, erklären Sie doch bitte mal jemandem, der kein Sozialarbeiter ist, warum eine gut funktionierende soziale Einrichtung einfach geschlossen wird.

  7. Dieter Leonard

    Da Sie offensichtlich nicht verstanden haben, was mit „völlig aus dem Ruder gelaufenen … Standortmarketing“ gemeint war, greift ihre Replik ins Leere, Herr Mandel.
    Man, man, man …

  8. Frank Mandel

    Erstens kann ich gar nicht verstehen (sowie andere wahrscheinlich auch nicht), was Ihre mehr als kritische Ausdrucksweise bzgl. „Standortmarketing und das Paddel ist weg“ meinen, verstehen Sie was Sie schreiben außer, dass Sie die bestehende Regierung kritisieren und sich brüsten was das Zeug hält, kommt mehr als nur komisch rüber. Darüber hinaus, fehlt der Zusammenhang bzgl. Schließung der Einrichtung Oikos und natürlich kann ich gern erklären, welche Gründe es gibt, um eine Einrichtung zu schließen aber es steht mir in diesem Fall gar nicht zu. Sie sollten sich bei ihrem großen Interesse (was das Thema anbelangt), da Sie anscheinend ein sozial engagierter Mensch sind an den Betreiber selbst wenden, denn der kennt die Gründe. Unbeachtet der Tatsache, ob Sie oder der Betreiber oder ich mit diesen Gründen einverstanden sind, das steht auf einem anderen Blatt. Ein sehr schönes Wort „Replik“, ganz großes Kino…

  9. Martin Saur

    Standards sind nicht das Problem und sicherlich ist Fachlichkeit gut. Der J.H.D. ist auch nicht das Problem, persönlich konnte ich immer sehr gut mit denen Zusammenarbeiten. Die Doppelmoral der Funktionäre in Verwaltung und Politik ohne Ahnung vom Feld und bei kleinster Kritik direkt beleidigt ohne zu merken wie man austeilt…das ist das Problem.
    Und eben nicht punktuell gesehen, sondern auf 10 Jahre in Wiederholungsschleife…