Mit einem Bein im Ausland: Wer kennt seine Grenzen?

Kaum ein Thema erregt die Gemüter in Ostbelgien mehr als die geschlossenen Grenzen. Die Gemeinde Raeren sah sich bereits dazu veranlasst, eine Resolution zu verabschieden, die die Verantwortlichen auf nationaler Ebene dazu auffordert, für ein grenzoffenes Miteinander im Grenzgebiet zu sorgen. Viele Betroffene halten die aktuelle Lage einfach für absurd. Besonders dann, wenn man eh haarscharf an der Grenze wohnt.

Grenze Lütticher Straße (Bild: Manuel Zimmermann/BRF)

Illustrationsbild: Manuel Zimmermann/BRF

An der Raerener Straße in Lichtenbusch kann man die Grenze sehen. Kleine Grenzsteine zeigen sie. Doch für die meisten Menschen sind die Grenzen eigentlich kein Thema mehr. Eigentlich. Denn mit den Maßnahmen gegen die Corona-Pandemie spielt es wieder eine Rolle, wo Belgien aufhört und Deutschland anfängt, weiß Raerens Bürgermeister Erwin Güsting. Zur Zeit wird er mit Fragen überhäuft.

„Besonders in letzter Zeit, wo viele Dinge erlaubt sind, haben wir das Problem, dass das Erlaubte grenzüberschreitend nicht möglich ist, weil halt die Grenzen noch geschlossen sind“, erklärt Güsting. „Das spielt für viele eine Rolle. Es gibt hier viele Unternehmer auf belgischer Seite, die ihre Kundschaft zu mehr als 80 Prozent auf deutscher Seite haben. Dadurch kann Erlaubtes für an der Grenze liegende Unternehmen nicht stattfinden.“

So wie auf dem Gut Charolie in Eynatten. Das angeblich sorgenlose Leben auf dem Ponyhof ist hier schon lange vorbei, berichtet die Pächterin des Pferde- und Ponyhofs, Philippa Helg. „Wir haben 20 Schulpferde, die seit den Corona-Maßnahmen weiter gepflegt und versorgt werden müssen. Die kann man nicht einfach stilllegen. Deshalb liefen alle Kosten ungefiltert weiter“, berichtet sie.

„Viele unserer Kunden kommen aus dem Aachener Raum. Sie haben uns sogar finanziell unterstützt, obwohl sie nicht kommen durften. Jetzt sind die sportlichen Aktivitäten im Freien wieder erlaubt. Die Kunden dürfen aber trotzdem nicht zu uns kommen. Das macht die Situation jeden Tag angespannter.“

Eine absurde Situation findet Philippa Helg. Auch für Erwin Güsting ist die Grenzschließung nicht mehr schlüssig. Ein Beispiel: Unternehmer dürfen zum Kunden, Kunden aber nicht zum Unternehmer. „Nach wie vor dürfen Lieferanten aus beiden Ländern gewerblich zum Kunden jenseits der Grenze. Aber es gibt Fälle, da kann der Lieferant nicht zum Kunden. Da müsste der Kunde zum Lieferanten. Und all diese Geschäfte sind aufgrund der Grenze nicht möglich und ein Problem im Grenzgebiet.“

Ein weiteres Beispiel. Einige Geschäfte in Lichtenbusch liegen zwar auf belgischem Gebiet, sind aber nur über eine deutsche Straße zu erreichen. Im Grunde müssten die Geschäfte geschlossen sein. Für Deutsche sind die theoretisch verbotenes Terrain. Für Belgier theoretisch nicht erreichbar. Das Gleiche gilt für das Tennis- und Squash-Center in Lichtenbusch, erklärt Bürgermeister Güsting.

BRF-Kameramann Ingolf Erbe und Raerens Bürgermeister Erwin Güsting (Bild: Manuel Zimmermann/BRF)

BRF-Kameramann Ingolf Erbe und Raerens Bürgermeister Erwin Güsting an der Grenze in Lichtenbusch (Bild: Manuel Zimmermann/BRF)

„Soll doch jeder bleiben wo er ist.“ Das hört Erwin Güsting auch immer häufiger. Aber das kann nicht Sinn der Sache sein, findet der Bürgermeister. Manches Geschäft müsste schließen, wenn man Deutschen oder Belgiern den Zutritt verweigern würde. Deshalb lebt man in Raeren eher den europäischen Gedanken, statt eine Law-and-Order-Politik.

„Es macht mich betroffen, das Ressentiments wieder hochkommen“, bedauert Güsting. „Der Grenzgänger im Grenzgebiet sollte sich darüber im Klaren sein, welchen Wert unser Grenzgebiet hat.“

Grenzüberschreitend ist der Arztbesuch möglich, der Krankenhausbesuch oder Studieren. Ganz viele Dinge sind einfach entscheidend wertvoll für unser Gebiet. Grenzgänger und Arbeitsplätze – all das ist wertvoll.

Manuel Zimmermann

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5 Kommentare
  1. Wolfgang Janssen

    Hurra, Europa ist immer noch weit entfernt. Alle Politiker und sogenannte Experten feilen an ihrer Profilierung und denken schon an kommende Wahlen und bezahlte Pöstchen. Aber, wieder, nichts zur Öffnung der leidigen Grenzgebiete.
    Es wird immer schauriger und grotesker.

  2. Johann Kalff

    Chapeau Erwin, LG, Germano

  3. Claudia Müller

    Pfui, was soll das? Zur Küste reisen ist erlaubt aber nicht ein paar Kilometer weiter ins Nachbarland oder umgekehrt zu reisen. Sind wir Menschen 2.ter Wahl? Wir sitzen grundlos gefangen in Belgien, das zu Europa gehört, sich aber nicht so verhält. Deutschland hat Maskenpflicht und haben diese verherende Corona Krise besser gemeistert als Belgien, wo ist das Problem, die Grenzen zu öffnen??? Was wollen die in Brüssel erreichen? Nur nicht mehr heraus aus Belgien, damit man hier alles einkauft. Herz haben die nicht. Ich kann meine Familie seit 14. März nicht mehr sehen. Pfui schämt euch. Pfui

  4. Dietlinde Bienen

    Ich bin sehr unglücklich, dass die Grenze immer noch nicht geöffnet ist. Dies ist mir zum jetzigen Zeitpunkt auch unverständlich, zumal die Auflagen hinsichtlich der Hygiene fast identisch sind. Meine sozialen Kontakte kann ich nicht wahrnehmen. Ich kann ebenfalls meine Steuerberaterin nicht aufsuchen. Ich bin Mitglied im Raerener Tennisverein , darf aber um dort zu spielen, nicht über die Grenze.
    Bitte, bitte öffnet die Grenze.

  5. ALFRED MAUEL

    die grenzen werden geöffnet wenn die Herrschaften in Brüssel es wollen
    da helfen keine Petitionen und schon gar nicht das hohle geschwätz unserer sogenannten dg Politiker

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