Milchpreise im Sinkflug: Landwirtschaft leidet unter der Corona-Krise

Milchprodukte sind derzeit besonders gefragt. In den Supermärkten haben Milch, Butter und Käse gerade Hochkonjunktur. Und trotzdem befindet sich auch die Milchbranche in der Krise wegen des Coronavirus.

Erwin Schöpges (Bild: Sarah Dederichs/BRF)

Erwin Schöpges (Bild: Sarah Dederichs/BRF)

Erwin Schöpges ist Milchbauer und gehört somit zu den wenigen, die trotz Corona-Krise weitermachen dürfen. Und das ist auch gut so, denn in Supermärkten sind Milch und Co aktuell gefragter denn je. Doch zu den Gewinnern der Krise zählt der Landwirt trotzdem nicht. „Bei Fairebel, der fairen Milch, hat man innerhalb von drei Tagen unsere Produktion von drei Wochen aufgekauft. Wir konnten nicht mehr nachliefern“, erklärt Schöpges.

„Aber die Trinkmilch stellt nur zehn bis 15 Prozent unserer Einnahmen auf dem Hof dar. 80 bis 85 Prozent gehen an die Industrie für die Produktion von Butter oder Milchpulver. Und hier erleben wir jetzt massiven Preisverfall. Es ist keine Nachfrage für diese Produkte da“, so Schöpges. „Das sind die ersten Signale, dass wir auf eine ganz große neue Milchkrise zusteuern – obwohl der Verbraucher meint, dass die Nachfrage doch jetzt groß sei und die Bauern doch zufrieden sein müssten.“

Großabnehmer fehlen

Der Markt bricht ein, weil die Großabnehmer aus Industrie und Gastronomie fehlen. Doch wohin mit der Milch? Eine Möglichkeit wäre die Lagerhaltung. Das bedeutet: Die Milchproduktion geht weiter wie bisher und die Molkereien lagern ihre Erzeugnisse ein, statt sie an den Markt abzugeben. Das soll die Preise stabilisieren.

Doch Erwin Schöpges erklärt, warum für ihn diese Rechnung nicht aufgeht: „Schauen wir auf die Automobilindustrie: Es wird im Moment nicht mehr produziert. Warum? Weil niemand ein Auto kauft. Deswegen macht es keinen Sinn, die Produktion weiter zu fahren, obwohl keine Käufer da sind“, führt Schöpges als Beispiel auf.

„Bei uns in der Milchproduktion besteht das gleiche Problem, nur wir produzieren. Wir machen es genau andersherum als in der Industrie. Die Milchproduktion ist um sechs Prozent momentan gestiegen, die Nachfrage sinkt, wir haben keine Abnehmer für die Produkte. Und deswegen müssen wir aus diesem traditionellen System heraus“, findet Schöpges. „Wir brauchen auch keine Prämien und Subventionen, wir müssen unsere Produktion einfach dem Markt anpassen, damit wir von unserem Hof vernünftig leben können.“

Denn die Subventionen halten den Preis künstlich niedrig. Das Problem: Die Bauern können sich finanziell nicht selbst tragen, da sie nicht mal die Produktionskosten der Milch selbst erwirtschaften können. Und im billigen Endprodukt sind diese Kosten für die Verbraucher nicht mehr sichtbar.

Systemwechsel

Für Erwin Schöpges stellt die aktuelle Krise daher auch eine Chance dar, dieses System endlich zu verändern. Seine Hoffnung richtet er dabei auch an die Bevölkerung.

„Wir wollen diesen Systemwechsel unbedingt erreichen. Wir brauchen ihn. Schaut euch unsere schöne Region an. Jetzt auf einmal entdecken die Leute, wie schön es hier bei uns zu Hause ist“, sagt Schöpges. „Aber vergesst uns Bauern nicht, denn wir leisten einen großen Beitrag. Ich hoffe auch, dass die Corona-Krise wieder ein Umdenken bringt, neuen Respekt und Anerkennung von der Bevölkerung für die Arbeit, die wir Bauern jeden Tag 365 Tage im Jahr leisten.“

Eventuell führt diese Krise ja auch zu einem Umdenken in der Milchpolitik: Weg von Subventionen und hin zu einem ausgeglichenen Verhältnis von Kosten und Erträgen.

sd/mg

3 Kommentare
  1. Jean-Pierre DRESCHER

    Um das immer schlimmer werdende Problem der Dumpingpreise auf dem Agrarmarkt wirklich konsequent anzugehen stelle ich allen Landwirten in der DG die Frage:

    „Habt Ihr die neoliberalistische EU-freundliche MR-Regierung wirklich abgewählt bei der letzten Wahl?“

    Es nützt uns allen nichts zu sagen welch ein Unrecht hier ggü- Landwirten und artgrechter Tierhaltung besteht, wenn nicht wenigstens bei den Wahlen wirklich ernsthaft Druck ausgeübt wird auf das Brüsseler Großkapital.

    Arbeit im landwirtschaftlichen Sektor hat fair entlohnt zu werden. Der Staat hat dafür zu sorgen, dass alle Landwirte artgerecht ihre Tiere halten können und abscheuliche Schlachtviehtransporte nach Nordafrika, Osteuropa sofort beendet werden.

    Kunden, die viermal im Jahr „Unser-Leben-eine-einzige-Party“ nach Malle fliegen und die dicksten Autos vor ihrem Anwesen stehen haben stehen in der moralischen Verpflichtung, komplett Produkte aus fairer Produktion zu kaufen.

    Lebensmittel für Menschen in prekären Lebensverhältnissen müssen gleichzeitig bezahlbar sein bei notfalls staatlicher Intervention ggü. Lebensmitteldiscountern um die Bauern dennoch menschenwürdig bezahlt zu bekommen.

  2. Thomas Rathjen

    Ja schön das zu lesen.Nur fällt euch Landwirten nach Jahrzenten der Subventionspolitik auf,daß dies der falsche Weg war.Ihr macht euch unglaubwürdig damit und das ihr euch hinstellt und sagt wie schlecht doch alles ist.Verheimlicht dem Kunden Endverbraucher aber das eure schönen neuen teuren Geräte alle mit 30% subventioniert werden.Also ich bekomme keine 30000€ wenn ich mir einen Trecker kaufe für 100000€!!Also lügt euch nicht selbst in die Tasche und hört auf zu jammern und verkauft eure Produkte dahin wo am meisten Geld gezahlt wird und zwar nicht über DMK oder Müllermilch oder Bauer sondern selbst dann geht’s auch ohne Subventionen.

  3. Jean-Pierre DRESCHER

    THOMAS RATHJEN, das sehe ich anders.

    Wo sollen die Lebensmittel herkommen, wenn unsere Bauern ihre Betriebe stillegen müssen oder wie in der BRD alles komplett zubetoniert wird?

    Und das im Zeitalter einer stark demografisch zunehmenden Gesamtbevölkerung wo der Nahrungsbedarf noch weiter ansteigen wird.

    Billigdiscounter brauchen ebenso wie alle monopolistisch, oligopolistisch agierenden Michkutscher wie z.B. der schwedische ARLA eine starke Gegenlobby bzw. eine geschlossene Gegenmacht der Bauern um faire Preise durchgesetzt zu bekommen bei übermächtigen Marktpartnern.

    Viele Bauern mit modernen und großen Geräten zahlen für viele Jahre erst einmal einen teuren Kredit ab an die Großbanken. Ohne moderne Anlagen sind aber weder artgerechte Tierhaltung noch die hohen Anforderungen an die strengen Qualitätsnormen ISO 9001 zu erreichen auf dem Massenmarkt bei ständig steigenden Betriebsmittelkosten wie Versicherung, Strom, Tierärzte, Maschinenwartung.