Wir sind jahrelang viel zu naiv gewesen, was Bedrohungen angeht. Das räumt der Chef des Militärgeheimdienstes SGRS, Stéphane Dutron, offen ein. Aber seit den großen Terroranschlägen habe hier ein Mentalitätswandel stattgefunden.
Das schlägt sich auch in den Zahlen nieder: Denn mittlerweile führen SGRS und die anderen zuständigen Dienste pro Jahr rund 300.000 sogenannte Sicherheitsüberprüfungen durch. Dabei geht es nicht mehr nur um neue Rekruten für Militär und Co., sondern standardmäßig auch beispielsweise um Zivilisten, die Zugang zu besonders sensitiven oder kritischen Bereichen haben oder dort arbeiten.
Das sei für ihn auch nur logisch, unterstreicht der SGRS-Chef gegenüber der VRT, gerade vor dem Hintergrund des bereits stattfindenden hybriden Krieges. Denn für den Generalmajor ist es keine Frage, dass sich Belgien - zumindest was die hybriden Angriffe betrifft - bereits im Krieg befindet, betont er auch gegenüber der RTBF.
Der Begriff hybride Kriegsführung umfasst grob vereinfacht meist alles, was keine direkten militärischen Angriffe sind, also zum Beispiel Cyberangriffe, Desinformation und auch Provokationen.
Es gehe dabei darum, so Dutron, Angst zu erzeugen und die Gesellschaften zu schwächen. Der SGRS sieht hier auch eine deutliche Zunahme.
"Desinformation von außen ist ein Dauerzustand", stellt Dutron klar. "Das haben wir beispielsweise auch vor und während der Wahlen beobachten können. Die Angreifer haben sich besonders polarisierende Themen wie etwa Migration oder Krieg ausgesucht, um das Wahlverhalten der Belgier zu beeinflussen."
Auch bei den Cyberangriffen müsse man von einer permanenten Aggression sprechen, erklärt Dutron. Oft geht es dabei um sogenannte DDos-Attacken, die Dienste oder Einrichtungen stören oder lahmlegen sollen. Das Ziel sei hier dasselbe wie bei anderen Formen von Angriffen: ein Klima der Angst in der angegriffenen Gesellschaft erzeugen.
Der Generalmajor lässt auch keine Zweifel daran, wer dahintersteckt. Für ihn sind dies vor allem Russland, China, der Iran und Nordkorea - aber auch andere Akteure, die als Handlanger genutzt werden. Als Beispiel aus den letzten Wochen nennt er Ruanda.
Ruanda habe sicher die Fähigkeiten für solche Angriffe. Aber es würde ihn auch nicht überraschen, wenn die Russen auch hinter den Attacken auf Belgien in den letzten Wochen steckten. Schließlich gehe es generell darum, die Position westlicher Länder in Afrika zu untergraben.
Der SGRS-Chef hat noch eine unmissverständliche Warnung. Sie betrifft den oft sehr sorglosen Umgang mit persönlichen Daten auf insbesondere chinesischen Apps. Also zum Beispiel auf TikTok, Temu und Co. Der chinesische Staat könne all diese Daten abgreifen und auswerten.
"Mithilfe von Künstlicher Intelligenz kann das chinesische Regime versuchen, aus den so erbeuteten Daten Muster abzuleiten. Und diese Muster könnten für künftige Beeinflussungskampagnen genutzt werden - und zwar zugeschnitten auf bestimmte Länder oder Zielgruppen. Das ist eine große Gefahr", unterstreicht der Chef des militärischen Geheimdienstes abschließend.
Boris Schmidt