Panne oder Absicht? Belgien hat fast abgelaufene medizinische Hilfsgüter in die Ukraine geschickt

Belgien und seine strategischen Vorräte an medizinischem Material - das ist nicht unbedingt immer das, was man als strahlende Erfolgsgeschichte bezeichnen würde. Jetzt gibt es neuen Ärger um den strategischen Vorrat, wie die Zeitung Het Laatste Nieuws am Mittwoch enthüllt hat.

Tabletten (Illustrationsbild: Siska Gremmelprez/Belga)

Illustrationsbild: Siska Gremmelprez/Belga

Schon recht früh nach dem Beginn der großangelegten russischen Invasion der Ukraine gab es erste humanitäre Hilfsangebote – unter anderem auch von Belgien.

Bereits am 1. März, eine Woche nach Beginn des Überfalls, kündigte der föderale Minister für Volksgesundheit, Frank Vandenbroucke, Medikamente und medizinische Hilfsgüter im Wert von 3,4 Millionen Euro für die Ukraine an. Wie die Zeitung Het Laatste Nieuws am Mittwoch groß berichtet, stammten die aus dem strategischen Vorrat Belgiens.

Das wäre nicht weiter tragisch gewesen, wenn es nicht ein großes Problem mit diesem strategischen Vorrat gäbe: Offenbar waren beträchtliche Mengen der gelagerten Materialien schon zu diesem Zeitpunkt ziemlich am Ende ihrer Haltbarkeit.

Betroffen sind 20 Prozent der von Belgien ein paar Tage später in einem ersten Lkw-Konvoi geschickten Medikamente und zehn Prozent der medizinischen Hilfsmittel. Die sollen da gerade mal noch offiziell drei Wochen haltbar gewesen sein. Zehntausende weitere Artikel sollen außerdem nur noch zwei bis fünf Monate haltbar gewesen sein.

Die Ukraine habe die Lieferung so akzeptiert, bekräftigte Föderalminister Vandenbroucke auch in der RTBF, wohl wissend, dass ein kleinerer Teil der Medikamente sehr bald ablaufen würde. Der ukrainische Verantwortliche sei darüber auf dem Laufenden gewesen.

Mindestens noch ein Jahr lang haltbar

Das sei aber keinesfalls das Standardvorgehen, ergänzte Vandenbroucke noch. Dieser nachgeschobene Satz ist sicher nicht ganz zufällig gefallen – denn: Laut den von der Weltgesundheitsorganisation WHO festgelegten Regeln für humanitäre Spenden sollten die bei Lieferung mindestens noch ein Jahr lang haltbar sein.

Aus Erfahrung weiß man nämlich, dass es gerade in Katastrophen- oder Kriegsgebieten dauern kann, bis die Güter an ihrem Bestimmungsort eintreffen. Sind die Güter also kurz davor abzulaufen, dann ist die Chance ziemlich groß, dass Patienten abgelaufenes Material bekommen.

Es gibt auch noch eine zweite, etwas weniger strenge Richtlinie: Die der Pharmaindustrie, die sechs Monate empfiehlt.

Aber egal welche der beiden Fristen man jetzt zugrunde legt: Belgien hat sie bewusst teilweise dramatisch unterschritten – wenn auch angeblich mit Billigung der Ukrainer.

Wobei sich in der Situation, in der sich die befanden und befinden, durchaus die Frage stellen lässt, ob sie sich erlauben konnten, wählerisch zu sein. Bei Abertausenden militärischen und zivilen Opfern hatten sie vielleicht immer noch lieber fast abgelaufene Schmerz- und andere Hilfsmittel als gar keine.

Außerdem hätte es in der Öffentlichkeit möglicherweise nicht gut ausgesehen, egal welche Hilfsgüter zurückzuweisen. Gerade, wenn die vielleicht auch nach dem Ablaufen noch fast genauso gut funktionieren, zumindest für eine Weile.

Unauffällig medizinisches Material loswerden

Aber all diese Überlegungen ändern nichts an dem potenziell verheerenden Eindruck, der sich aus belgischer Perspektive jetzt bieten kann. Die Zeitung Het Laatste Nieuws beschuldigt das Gesundheitsministerium nämlich unmissverständlich, dass es den Krieg in der Ukraine als Super-Gelegenheit gesehen habe, um zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen: um wegen der großzügigen Hilfe gut da zu stehen und gleichzeitig unauffällig medizinisches Material loszuwerden, das sonst bald hätte vernichtet werden müssen.

Medizinisches Material, das natürlich beim Anlegen des strategischen Vorrats eine ganze Stange Geld gekostet hat. Allein das bereits vor dem Krieg abgelaufene Material im strategischen Vorrat soll einen Wert von fast 100 Millionen Euro haben – bald ablaufende Güter nicht mit eingerechnet.

Die Vernichtung in Belgien würde auch noch mal zu Buche schlagen. Aber einmal jenseits der Grenze wäre die Entsorgung ja dann ein Problem anderer Leute.

Diesen Vorwurf weist der FÖD Volksgesundheit aber rundheraus zurück: Zugegeben, ideal sei das nicht gewesen, wird Dirk Ramaekers in der Zeitung zitiert. Er ist im Gesundheitsministerium zuständig für Krisenmanagement. Aber es habe eben schnell gehen müssen, die Ukraine habe dringend Hilfe gebraucht. Es könne jedoch keine Rede davon sein, dass Belgien sich so gezielt alten Materials habe entledigen wollen.

Dennoch scheint man sich im FÖD Volksgesundheit – nach dem ersten Konvoi – des möglichen Imagefiaskos bewusst geworden zu sein. Denn wie Het Laatste Nieuws weiter berichtet, wurden aus einem zweiten Lkw-Konvoi, der am 22. März abfahren sollte, quasi in letzter Minute viele Hilfsgüter wieder ausgeladen – nämlich alle binnen sechs Monaten ablaufenden, darunter auch Tausende Artikel, die offiziell gerade mal noch bis Ende März haltbar gewesen wären – nicht auf Bitten der Ukrainer, wie die Zeitung betont.

Boris Schmidt

8 Kommentare
  1. Peter Mertens

    Wir haben garantiert zu wenig Gesundheitsminister in Belgien, vielleicht brauchen wir noch einige…..
    Da fehlen einfach die Worte.

  2. Frank Mandel

    Blöde Unterstellung, unnötig.
    Jeder gucke mal selbst zuhause, wann das Gurgelwasser oder die Kopfschmerz Tabletten ablaufen, die wir so konsumieren. Aber bei einer Hilfslieferungen springt man gleich im Quadrat.
    Anstatt sich über die Hilfemassnahmen der belgischen Regierung zu freuen, hagelt es gleich nen Shitstorm.
    Was soll das?
    Ich würde mich im Falle des Falles über jede Hilfe freuen, is mal gut irgendwann denke ich oder?
    Wir tragen auch Mundschutz Masken aus China….,

  3. Hendrik Baacke

    Ich kann Sie gut verstehen Herr MERTENS. So richtig gut aufgehoben fühle ich mich auch nicht, da nicht jeder Belgier seinen Gesundheitsminister hat. Da wäre noch Luft nach oben. Neun Gesundheitsminister in Belgien finde ich einfach auch etwas zu knapp bemessen.

  4. Marcel Scholzen eimerscheid

    Ein zusätzlicher Beweis, dass Belgien das Land der unbegrenzten Unmöglichkeiten ist.

    Einfach nur beschämend.

    Herr Mertens

    Wir haben zuviele Gesundheitsminister. Das Problem ist eher, dass es zuwenig gesunden Menschenverstand in der Politik gibt. Die wissen nicht mehr, was sich gehört oder nicht gehört.

  5. Willy Hoffmann

    Herr Mandel,das sollte heißen, Sie tragen Maske, nicht wir.

  6. Andrea Fasch

    Ein Krieg ist das Beste Gebiet um „Fast“ abgelaufenes sofort zu verbrauchen. Die Beste Verwendung überhaupt.

    Ich glaub es sieht grad Medial nach Sommerloch aus. Das man sich wegen jedem Furz erregt – unglaublich!

    Vor zwei Jahren hieß es noch – die böse Maggy de Block hat „fast abgelaufene Masken“ entsortgt, grad als wir alle sie gebraucht hätten….

  7. Yves Tychon

    Wenn ich mich recht entsinne, hat vor einiger Zeit hier im BRF eine Apothekerin erläutert, dass in den Monaten nach dem Verfallsdatum ein Arzneimittel immer noch zu 95% wirksam ist. Wahrscheinlich haben die meisten unter uns diesen « mutigen Selbstversuch » schon mal unternommen und überlebt!
    Wenn es in einer medizinischen Notlage die Alternative zwischen abgelaufenen und nicht verfügbaren Medikamenten gibt, erscheint mir die Wahl eindeutig.

  8. Markus Corda

    Ich verstehe echt das Problem nicht! Die Sachen sind ja nicht ab dem Tag schlecht! Viele Sachen sind ja sogar noch Jahre ohne Probleme zu verwenden! Ich hätte es viel verwerflicher gefunden es nicht zu schicken und es dann in Kürze zu „entsorgen“ und erst neues Material zu besorgen um es runter zu schicken! Und ich weiss das es den Menschen egal ist das es nicht mehr lange „haltbar“ ist denn es wird jetzt gebraucht! Und wenn du nur noch in Streifen gerissene Bettlaken oder ähnliches hast zum verbinden sch****t du aufs verfallsdatum und bist glücklich das so schnell was kommt!