Vorreiterrolle: Belgien will Raubkunst an die Demokratische Republik Kongo zurückgeben

Die Objekte, die die Besucher in den großen Museen der Welt bestaunen können, sind nicht immer auf legalem Weg dorthin gelangt. Oft ist das Gegenteil der Fall. Im Königlichen Museum für Zentralafrika in Tervuren lagern mindestens 1.500 Stücke, bei denen es sich erwiesenermaßen um Beutestücke aus Plünderungen handelt. Belgien will diese Kunstschätze jetzt der Demokratischen Republik Kongo zurückgeben.

Im Königlichen Museum für Zentralafrika in Tervuren (Bild: Charlotte Gekiere/Belga)

Im Königlichen Museum für Zentralafrika in Tervuren (Bild: Charlotte Gekiere/Belga)

„Objekte, die illegal erworben wurden, müssen zurückgegeben werden“ – das ist die zentrale Botschaft von Thomas Dermine, der als Staatssekretär auch für die Wissenschaftspolitik zuständig ist. Damit meint er in erster Linie die Kunstschätze, die im Königlichen Museum für Zentralafrika in Tervuren lagern.

Knapp 130.000 Stücke umfasst die Kollektion des Museums, rund 85.000 davon stammen aus dem Kongo. Die meisten dieser Objekte kamen zwischen 1885 und 1960 nach Belgien, also während der belgischen Kolonialherrschaft. Natürlich wusste man seit jeher, dass ein nicht unerheblicher Teil dieser Objekte nicht „freiwillig“ den Belgiern überlassen wurde. Auf viele der Stücke trifft der Begriff „Raubkunst“ zu.

Das gilt zum Beispiel für eine Statuette, die der aus Namur stammende Entdecker Alexandre Delcommune Ende der 1870er Jahre von einer Kongo-Expedition mitgebracht hatte. Man wisse, dass Delcommune gewaltsam in den Besitz dieses Objekts gekommen ist, sagte Guido Gyseels, Direktor des Afrikamuseums, in der VRT. Das habe die lokalen Dorfgemeinschaften nachhaltig geprägt.

Eine ähnliche Geschichte ereignete sich 1884: Émile Pierre Joseph Storms, den man auch „Leutnant“ oder „General Storms“ nannte, war auf einer Expedition im Kongo, als sich ihm Lusinga, ein lokaler Machthaber, widersetzte. Stroms fackelte nicht lange, ließ Lusinga einen Kopf kürzer machen und schickte den Schädel nach Brüssel. Danach hat der belgische Offizier das ganze Dorf plündern lassen. Und die „Beute“ lagert noch in seinem Museum, sagte Direktor Guido Gyseels in der RTBF.

Makabre Geschichten also – und von denen gibt es eine ganze Menge. Man geht davon aus, dass alle Objekte, die vor 1905 nach Belgien kamen, mit Hilfe von Gewalt, Plünderungen oder Nötigung und damit illegal in belgischen Besitz gelangt sind. Bis 1905 war der Kongo Privatbesitz von König Leopold II., in dieser Zeit wurde quasi nichts rechtmäßig erworben.

Dabei handelt es sich um 1.500 Stücke. „Stücke, die uns schlicht und einfach nicht gehören“, sagt Staatssekretär Thomas Dermine. „Objekte, die erwiesenermaßen durch Gewalt oder Diebstahl, bei Plünderungen oder Massakern erworben wurden, die müssen ohne Frage zurückgegeben werden.“

Neuer Ansatz

Diese 1.500 Stücke werden die ersten sein, die Belgien der Demokratischen Republik Kongo zurückgeben wird – was übrigens gar nicht so einfach ist. In der Regel sind Objekte, die sich im Besitz des Staates befinden, unveräußerlich. Sie sind fester Bestandteil des Staatseigentums.

„Wir werden jetzt einen Transfer vornehmen: Wir verschieben diese Objekte von der Kategorie ‚öffentlicher Besitz‘ in den Bereich ‚privates Staatseigentum‘. Auf diese Art und Weise wird es möglich, eigentlich unveräußerliches Eigentum abzugeben“, sagt Staatssekretär Thomas Dermine. Dieser Ansatz ist neu. Belgien nimmt mit dieser systematischen Vorgehensweise weltweit eine Vorreiterrolle ein.

In einer ersten Phase ändern diese Objekte den rechtmäßigen Besitzer. Das wird dann also die Demokratische Republik Kongo sein. Parallel dazu wird eine Konvention vereinbart, die den Aufbewahrungsort festlegt – was bedeutet, dass die Stücke zunächst in Belgien bleiben können. Aber als dann rechtmäßige Besitzerin hat die Demokratische Republik Kongo natürlich auch die Möglichkeit, die Rückführung der Stücke durchzusetzen. Bislang gibt es aber noch keinerlei Anfrage in diese Richtung.

Allerdings ist das alles erst der Anfang eines langwierigen Prozesses, denn von vielen Stücken weiß man nicht, wie sie nach Belgien gelangt sind. Man spricht von 35.000 Objekten, deren Herkunft nicht wissenschaftlich geklärt ist. Das will also aufgearbeitet werden. Das soll zusammen mit kongolesischen Experten in Angriff genommen werden.

„Da wartet viel Arbeit auf uns“, sagte Direktor Guido Gyseels. „Wir werden dafür zusätzliche Mittel und auch zusätzliches Personal brauchen. Und auch dann brauchen wir immer noch mindestens fünf Jahre.“

Roger Pint

Ein Kommentar
  1. Marcel Scholzen eimerscheid

    Diese Initiative ist eine brillante Idee. Hoffentlich trägt es zu besseren zwischenstaatlichen Beziehungen bei. Es wird Zeit, dass die Kolonialzeit aufgearbeitet wird. Denn man kann nur in die Zukunft schauen, wenn man mit der Vergangenheit Frieden geschlossen hat.

    Und wer im Kongo bekommt diese Gegenstände ? Das muss aber dann auch noch geregelt werden.

    Das Afrikanische Museum in Tervuren ist sehenswert. Nur wird die Kolonialzeit nur am Rande beleuchtet. Das ist das einzige Manko des Museums.