Aufwertung des Krankenhauspersonals: Abkühlung für die „weiße Wut“?

Man spricht von der "weißen Wut". Gemeint ist damit der Unmut bei den Beschäftigten der Krankenhäuser des Landes, die seit Jahren gegen ihre Arbeitsbedingungen protestieren. Die Corona-Krise hat die Situation dann aber nochmal drastisch verschärft. Auch die Wut wurde sichtbarer. Jetzt hat sich die Regierung mit den Sozialpartnern auf Maßnahmen zur Aufwertung des Krankenhauspersonals geeinigt. Das Abkommen wird von allen Beteiligten als "historisch" bezeichnet.

Arzt mit Spritze (© Bildagentur PantherMedia / Monkeybusiness Images)

© Bildagentur PantherMedia / Monkeybusiness Images

Eine Szene aus dem Frühjahr diesen Jahres. Jeden Abend, pünktlich um 20:00 Uhr, gab es ein bisschen überall im Land Applaus. Applaus für die Ärztinnen und Ärzte, die Krankenschwerstern und Pflegekräfte, die tagtäglich an der Corona-Front um das Leben der Patienten kämpften und dabei auch die eigene Gesundheit aufs Spiel setzten.

Das Personal im Gesundheitssektor reagierte mit gemischten Gefühlen auf diese Ehrerbietung. Auf der einen Seite war es Dank für die Wertschätzung, auf der anderen Seite aber auch eine Form von Verbitterung. Nach dem Motto: „Vielen Dank für den Applaus, aber davon können wir uns leider nichts kaufen“.

Auf den Punkt gebracht: Für die Beschäftigten im Gesundheitswesen war die Krise der berühmte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hatte. Seit Jahren protestierten sie schon gegen ihre Arbeitsbedingungen und forderten eine – auch finanzielle – Aufwertung ihres Berufes. Doch die Politik hatte weitgehend auf Durchzug geschaltet. „Jetzt werde man sich nicht mehr mit warmen Worten abspeisen lassen“, so der allgemeine Tenor. Das Un-Ehrenspalier, mit dem Premierministerin Sophie Wilmès am Brüsseler Saint-Pierre-Krankenhaus begrüßt worden war, diese Aktion hatte nur eine Botschaft: „Es reicht“.

Offensichtlich ist diese Botschaft angekommen. Nach wochenlangen Gesprächen haben sich die Regierung, die Arbeitgeber und die Gewerkschaften auf ein Abkommen verständigen können, mit – auf den ersten Blick – doch beeindruckenden Zahlen. 600 Millionen Euro zusätzlich wird die Regierung für die Krankenhäuser bereitstellen. Das Parlament hatte schon zuvor 400 Millionen Euro für den Sektor freigemacht. Das macht insgesamt eine Milliarde Euro.

Historisch

Allein die Summe – die 600 Millionen Euro, die in dem neuen Abkommen festgehalten wurde – erlaube das Adjektiv „historisch“, sagte Yves Hellendorff von der christlichen Gewerkschaft CSC in der RTBF. „Seit 20 Jahren haben wir so etwas nicht mehr gesehen“. Die 600 Millionen, die in dem neuen Abkommen festgeschrieben sind, sollen allein dem Personal zugutekommen. Der Löwenanteil – 500 Millionen Euro  – geht in die Aufbesserung der Gehälter, wie auch Gesundheitsministerin Maggie De Block hervorhob.

500 Millionen, das sei nicht nichts, auch nicht für einen so großen Sektor, fügte die föderale Arbeitsministerin Nathalie Muylle hinzu. Das entspricht einer Gehaltserhöhung von sechs Prozent. Damit erreiche man auch, dass der Beruf insgesamt attraktiver wird.

Auch die Gewerkschaften sind zufrieden: „Mit diesem Geld können wir wirklich das umsetzen, was wir uns vorgenommen hatten, also eine Neuordnung der Gehaltsstufen“, sagt Yves Hellendorff von der CSC.

Die verbleibenden 100 Millionen sollen dazu beitragen, die Arbeitsbedingungen zu verbessern. Hier geht es im Wesentlichen um die eigentliche Organisation der Dienste: Mehr Planungssicherheit, die Möglichkeit, auch mal drei Wochen Urlaub zu nehmen, was bislang nicht ging. „Ob die 100 Millionen reichen werden, das werden wir sehen“, sagt Yves Hellendorff.

Das Ganze ist aber zunächst „nur“ ein Grundsatzabkommen. Das alles muss jetzt noch in einem kollektiven Arbeitsabkommen festgeschrieben werden. Hier werde viel vom guten Willen der Arbeitgeber abhängen, sagen die Gewerkschaften. „Aber, wir wollen jetzt mal nicht in die Suppe spucken“, sagt Yves Hellendorff. Das Signal ist extrem positiv, das steht außer Frage. Man darf doch behaupten, dass der Applaus der Menschen jetzt buchstäblich „umgemünzt“ worden sei.

Regierung macht 600 Millionen für Gesundheitssektor frei

Roger Pint

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