60 Jahre „Indépendance Cha Cha“ und ein königliches Bedauern

König Philippe hat am Dienstag für eine handfeste Überraschung gesorgt. Zum 60. Jahrestag der Unabhängigkeit des Kongo hat das Staatsoberhaupt sein "tiefstes Bedauern" zum Ausdruck gebracht - angesichts der Gewalt- und Gräueltaten, die unter belgischer Herrschaft in der ehemaligen Kolonie verübt wurden. Es ist das erste Mal, dass sich ein belgischer König zu diesem dunklen Kapitel der Vergangenheit bekennt.

Félix Tshisekedi und König Philippe im September 2019 (Archivbild: Dirk Waem/Belga)

Félix Tshisekedi und König Philippe im September 2019 (Archivbild: Dirk Waem/Belga)

Die heutige Demokratische Republik Kongo war am 30. Juni 1960 zu einem unabhängigen Staat geworden. Der berühmte Song „Indépendance cha cha“ hat den Kongo quasi auf seinem Weg in die Unabhängigkeit begleitet hat.

Zum ersten Mal war dieser Song zu hören am 27. Januar 1960. Gerade hatten belgische und kongolesische Unterhändler eine historische Einigung erzielt: Demnach sollte der Kongo schon fünf Monate später in die Unabhängigkeit entlassen werden. Zur Feier spielten Joseph Kabasele und sein Orchester zum ersten Mal eben diesen Song.

Stichtag: 30. Juni 1960

Stichtag war also der 30. Juni 1960. An diesem Tag ist sogar der belgische König anwesend. Der damals noch junge König Baudouin sieht in der Unabhängigkeit des Kongo die Krönung des Wirkens seines Vorgängers, Leopold II, den er ausdrücklich ein „Genie“ nennt.

Das klingt nicht nur in heutigen Ohren ausgesprochen zynisch. Schon an jenem 30. Juni 1960 will das nicht jeder so stehen lassen.

Der Premierminister des jungen Landes, der streitbare Patrice Lumumba, ergreift das Wort: „Wir haben Spott ertragen müssen, Beleidigungen, wir haben Schläge einstecken müssen, von morgens bis abends. Und das alles nur, weil wir schwarz sind.“ Es ist wohl unter anderem dieser Satz, mit dem Lumumba sein Todesurteil unterschrieben hatte. Aber das ist eine andere Geschichte.

Die Worte von Lumumba waren trotz allem eine harmlose Beschreibung dessen, was die kongolesische Bevölkerung unter der belgischen Fuchtel ertragen musste. Schon damals standen die Belgier wegen der in ihrem Namen verübten Gräueltaten am Pranger.

Albert II.: Keine offizielle Stellungnahme

Inzwischen sind die Verbrechen ausgiebig dokumentiert. Und doch gab es nie eine offizielle Stellungnahme dazu. Auch nicht vor zehn Jahren, als König Albert II. eigens nach Kinshasa gereist war, um an den Feierlichkeiten zum 50. Jahrestag der Unabhängigkeit teilzunehmen.

Viele hatten damals mit irgendeiner Form von „Schuldeingeständnis“ gerechnet. Doch der König brachte nichts dergleichen über die Lippen. Diesen Schritt hat sein Sohn jetzt vollzogen. König Philippe hat sich in einem Brief an den kongolesischen Präsidenten Félix Tshisekedi gewandt.

Zunächst scheint es noch, als würde der König lediglich Glückwünsche übermitteln zum Anlass des 60. Jahrestages der Unabhängigkeit des Landes von Belgien. Dann verweist Philippe auf die „gemeinsame Vergangenheit“ – mit seinen „gemeinschaftlichen Verwirklichungen“, aber auch „leidvollen Episoden“.

In der Zeit des „Freistaats Kongo“ seien Gewalt- und Gräueltaten verübt worden, die bis heute auf unserem kollektiven Gedächtnis lasteten. „Freistaat Kongo“ wurde die Kolonie unter der Herrschaft von Leopold II. genannt. König Philippe nennt seinen Vorgänger nicht beim Namen.

Doch sei auch in der Folgezeit viel Leid geschehen, sei das kongolesische Volk erniedrigt worden, schreibt der König. Und dann tatsächlich historische Worte: „Ich möchte mein tiefstes Bedauern bekunden für diese Wunden der Vergangenheit“. Wunden, die leider auch heute noch spürbar seien etwa durch Akte von Diskriminierung, die noch allzu präsent seien in unserer Gesellschaft. Er jedenfalls werde weiterhin gegen alle Formen von Rassismus kämpfen.

Vermutlich nur der erste Schritt

Starke Worte des Königs. Wobei sie den einen zu deutlich waren, den anderen nicht deutlich genug. Viele hätten sich wohl eine Entschuldigung gewünscht. Doch das hätte den Rahmen gesprengt. Der König schreibt seinen Brief nämlich „in eigenem Namen“.

Mehr als sein Bedauern zum Ausdruck bringen, kann er nicht. Eine Entschuldigung, die wäre „im Namen des Landes“ erfolgt, wofür Philippe schlichtweg kein Mandat hatte. Das hätte von der Regierung abgesegnet werden müssen.

Beobachter sind sich aber einig, dass dieser historische Brief wohl nur ein erster Schritt ist. Philippe selbst verweist in seinem Schreiben auf die parlamentarische Aufarbeitung, die jetzt in der Kammer angestoßen wurde.

Diesen Prozess könne er nur ermuntern, um „definitiv mit unserer Vergangenheit ins Reine zu kommen“, so der König.

Roger Pint

6 Kommentare
  1. Yves Tychon

    Ich befürchte, Sie haben da etwas missverstanden : Der König hat sich nicht « entschuldigt », sondern sein « tiefstes Bedauern » zum Ausdruck gebracht. Nein, keine Wortklauberei. Ich kann beispielsweise als Hotelier meinen Gästen gegenüber mein tiefstes Bedauern darüber zum Ausdruck bringen, dass es seit Wochen regnet. Entschuldigen kann ich mich nicht dafür, weil ich ja nichts dafür kann!

    Eine Anekdote zu den belgisch-kongolesischen Gemeinsamkeiten: In einem Restaurant in Südafrika wurde ich von einem Kellner bedient, bei dem sich herausstellte, dass er aus dem Kongo stammte. Als ich sagte, ich sei Belgier, schmunzelte er und meinte: « Moi aussi, j’assume un peu ma belgitude. »

  2. Peter Schallenberg

    Man kann sich selber nicht einfach so „entschuldigen“, möglichst noch mit einem einsilbigen, gelangweilten „sory“ auf den Lippen. Man kann jemanden um Entschuldigung bitten, nur der Andere kann mich von meiner Schuld befreien und mir meine Schuld vergeben- oder eben nicht.

    Daher ist die Überschrift dieses Artikels eher trivial zu nennen.

    Man kann darüber streiten, ob König Philippe hätte um Entschuldigung bitten sollen. Es ist zweifelsohne anzuerkennen, dass König Philippe ein so heißes Eisen anpackt und die Wortwahl des „tiefsten Bedauerns“ scheint mir wohl überlegt und absolut angemessen.

  3. Guido Scholzen

    Man stelle sich vor, ein Enkel Hitlers wäre deutscher Bundespräsident.

  4. Norbert Schleck

    Was wollen Sie damit sagen, Herr Scholzen?
    Dass König Philipp noch Schuld hat an den Verbrechen aus der Zeit seines Ururgroßvaters?
    Zum Glück sind wir nicht so wie unser Gott aus dem Alten Testament:
    „Denn ich, der Herr, dein Gott, bin ein eifersüchtiger Gott: Bei denen, die mir Feind sind, verfolge ich die Schuld der Väter an den Söhnen, bis in die dritte und vierte Generation.“ (2. Moses – Kapitel 20)

    Zwar hatte der Führer keine Kinder, das Problem stellt sich also nicht, und das Ehepaar Goebbels hat seine 6 ermordet, aber viele Nazigrößen hatten durchaus Nachkommen und oft auch Enkel: Himmler, Göring, Speer, Schirach, Eichmann, Bormann, um nur ein paar zu nennen.
    Hätte man die etwa in Sippenhaft nehmen sollen?

  5. Gerhard Palm

    @Herrn Schallenberg: Sie haben völlig recht! Wann wird dieses Wort „sich entschuldigen“ endlich aus dem Wortschatz gestrichen? Man kann nicht „sich ent-schuld-igen“, d. h. sich selbst die Schuld wegnehmen. Man kann nur den anderen bitten, er möge die Schuld wegnehmen, wenn er das tun will.

  6. Alfons van Compernolle

    Ja, Herr Guido Scholzen, da haben Sie wieder einmal den beruehmten Vogel-abgeschossen“ !! Was hat Sie zu einer solchen Aussage gebracht ????
    Unser gemeinsames Staatsoberhaupt hat so wenig mit Adolf H. gemeinsam , wie Guido Scholzen mit Leopold II !
    Anbei sollen Ihre moeglichen Enkel aufkommen muessen, fuer Fehler welche Sie in der Vergangenheit bzw. Gegenwaertig begehen ??????
    Genau richtig was Koenig Phillip gemacht hat betr. der grauenhaften Ereignisse im Congo !! Ein Mensch mit „Charakter“ !