Schweigemarsch gegen sexuelle Gewalt in Antwerpen – Marsch für mehr Klimaschutz in Brüssel

In Antwerpen haben rund 15.000 Menschen Julie van Espen gedacht. Die 23-jährige Studentin wurde vor einer Woche ermordet. Mutmaßlicher Täter ist ein Mann, der schon zwei Mal wegen Vergewaltigung verurteilt worden ist und eigentlich im Gefängnis hätte sitzen müssen. Zeitgleich sind aber auch in Brüssel tausende Menschen auf die Straße gegangen. Ihnen ging's einmal mehr um den Klimaschutz.

Gedenken an Julie Van Espen verbunden mit Protest gegen sexuelle Gewalt (Foto: Nicolas Maeterlinck, Belga)

Ein Hubschrauber der Polizei kreist über Antwerpen. Das ist alles, was man hört. 15.000 Menschen sind in den Straßen der Scheldestadt auf den Beinen. Und doch hört man nur das Rattern des Helikopters. „Noch nie waren 15.000 Menschen zusammen so still“, schreibt heute Het Laatste Nieuws.

Dieser Stille Marsch war genau deswegen so beeindruckend. Keine wütenden Protestparolen, keine Sprechchöre, nur Stille. Stille, die zunächst die allgemeine Betroffenheit zeigt. Betroffenheit über den gewaltsamen Tod von Julie Van Espen. Die 23-jährige Studentin war am vorvergangenen Wochenende ermordet worden. Exakt eine Woche vor dem Stillen Marsch hatten die Ermittler ihre Leiche im Albert-Kanal entdeckt, unter der Brücke, wo sich ihr Handy das letzte Mal in einen Funkmast eingewählt hatte.

Eine Demonstrantin sagt in der VRT, sie sei immer noch tief betroffen. Keine einzige Frau sollte so etwas erleiden müssen. Man hört es hier schon heraus: Viele können sich mit der Tragödie in gewisser Weise identifizieren. Nicht nur, dass jeder schon mal mit dem Rad unterwegs ist, viele sind auch schon an der Stelle vorbeigekommen, wo der Täter Julie Van Espen attackiert hat. Das, was Julie widerfahren ist, das hätte jedem passieren können, sagt eine andere Teilnehmerin.

Vor allem hat der Fall aber bei vielen Frauen ein Fass überlaufen lassen. Denn hier geht es natürlich ganz klar wieder um einen Fall von sexueller Gewalt. Und bei dem mutmaßlichen Mörder handelt es sich ja zudem um einen Wiederholungstäter, der noch dazu hätte im Gefängnis sitzen müssen, wenn das Antwerpener Berufungsgericht denn schneller gearbeitet hätte.

„Jetzt reichts“, sagt denn auch eine andere Teilnehmerin. Es gibt immer noch Männer, die glauben, dass sie machen dürfen, was sie wollen, dass alles erlaubt ist. Und wenn sich die Frau wehrt, nun, dann muss sie sterben. Und so kann es nicht weitergehen, hakt eine andere Frau ein. „Enough“, dieses Schlagwort war denn auch das Motto dieses stillen Marsches. Enough, genug.

Dass es am Ende 15.000 Menschen waren, die sich an dem stillen Protest beteiligt haben, das hat dann aber viele doch überrascht. Angefangen bei den Organisatoren selbst. Drei junge Frauen hatten am vergangenen Montag spontan entschieden, den Marsch zu organisieren. Und sie sei regelrecht überwältigt, sagte Ayke Gubbels in der VRT. Einerseits habe man jetzt eine doch eindrucksvolle Botschaft an die politisch Verantwortlichen gesendet. Und man habe aber auch den Opfern von sexueller Gewalt eine Stimme gegeben.

Szenenwechsel – Andere Stadt, andere Demo. In Brüssel sind nämlich zeitgleich auch ungefähr genauso viele Menschen auf die Straße gegangen wie in Antwerpen. Ein ziemlich bunter Haufen war das. In erster Linie ging’s wieder um den Klimaschutz. Doch waren auch Gewerkschafter und Mitglieder der sogenannten Gelbwesten unter den Demonstranten, die also für mehr Kaufkraft und soziale Gerechtigkeit eintreten wollten.

„Wir haben immer gesagt, dass das eine das andere nicht ausschließt“, sagte Brieuc Wathelet von der Kampagne „Tamtam“, einer der Initiatoren der Kundgebung. Man kann durchaus auch beides vereinbaren: Klimaschutz und eine soziale Agenda.

Unter den Dutzenden Organisationen, die sich der Kundgebung angeschlossen hatten, waren auch Menschenrechtsgruppen, wie zum Beispiel die Bürgerplattform, die sich um die Transitmigranten im Nordbahnhof kümmert.

Und auch in Brüssel hatte der bzw. die eine oder andere den tragischen Tod von Julie Van Espen vor Augen. Unter den Teilnehmern waren auch Frauenrechtlerinnen, die Schilder trugen, auf denen Namen vermerkt waren. Das sind Namen von Frauen, die in den letzten 2 Jahren ermordet wurden. Von ihrem Partner oder Ex-Partner, oder auch von einem unbekannten Täter, sagt Magda De Meyer vom flämischen Frauenrat. 2017 waren das 39 Frauen.

Alles in allem also ein Wochenende im Zeichen der Betroffenheit, aber auch des gesellschaftlichen Engagements.

Roger Pint

Kommentar hinterlassen
10 Kommentare
  1. Alexander Hezel

    Ein Artikel, der bezeichnend ist für die Herausforderungen unserer Zeit: Die Zukunft der Menschheit ist weiblich und sie trägt grün.

  2. Mario Meis

    Ob das gut ist, Herr Hezel?

  3. Alexander Hezel

    Das ist eine rhetorische Frage Herr Meis, angesichts unserer selbstzerstörerischen und nicht-nachhaltigen Lebensweise, und der verheerenden Auswirkungen der weltweit vorherrschenden Phallokratie auf die menschliche Gesellschaft.

  4. Guido Scholzen

    Warum bilden sich diese grünen und weibisch-denkenden Linken überhaupt ein, dass sie moralisch etwas besseres wären?

  5. Maria van Straelen

    @Herrn Scholzen
    mir fällt gerade auf, dass es zu dem deutlich herablassenden ´weibisch´gar kein männliches Pendant gibt, es bleibt noch viel zu tun …. besonders moralisch !!

  6. Guido Scholzen

    Frau van Straeten,
    Eine Demo war wegen eines Sexualopfers. Wer war denn vor Jahrzehnten der Meinung, man könne jeden Sexualtäter heilen und in die Freiheit entlassen? das waren alternative Ideen, gesellschaftlich-politisch von den Grünen vertreten. Dieses und andere Sex-Freiheiten wie Verkehr mit Kindern etc… waren grüne Ideen. Zum Glück hat sich nicht alles durchgesetzt.
    Die zweite Demo war wegen Klimaschutzes. Grüne sind auch nicht ‚klimafreundlicher‘ als andere. (wurde schon oft untersucht) Nur deren Show wird besser in den grün-gesinnten Medien verkauft.
    Und noch was: Man redet immer öfters vom ‚alten weissen Mann‘, der unseren Planeten ins Verderben führt. Ach wirklich?
    Im Buch ‚Untergang des Abendlandes‘ steht eine schöne Sinnfeststellung über die Geschlechterrolle in der Menschheitsgeschichte:
    Der Mann macht Geschichte, und die Frau ist der Grund dafür.
    Es waren fast ausnahmslos Männer, die moderne Technik und Entdeckungen machten, damit auch Frauen ein besseres Leben haben. Und grüne Politik ist keine Alternative dafür.
    Kehrt mal vor eurer eigenen Tür.

  7. Maria van Straelen

    Wie edel, Herr Scholzen, da bin ich weibisches Wesen ja direkt dankbar, ob der selbstlosen Art der alten weissen (oder meinten Sie weisen ?) Männer. Ihr Abendland ist schon lange untergegangen. Ja, vor der Tür kehren, das ist Teil der weibischen Welt, Männer machen sich da die Hände nicht schmutzig

  8. Alexander Kerres

    G. Scholzen bemüht sich hier offensichtlich erfolgreich jedes Vorurteil über alte weiße reaktionäre und rechtsgesinnte Männer zu bestätigen.
    Was sie doch für ein erbärmliches Bild abgeben! Das kennen wir ja eigentlich schon von ihnen, aber ihr letzter Beitrag schießt doch echt den Vogel ab.

    „Es waren fast ausnahmslos Männer, die moderne Technik und Entdeckungen machten, damit auch Frauen ein besseres Leben haben.“
    Wie geschichtsvergessen muss man eigentlich sein, um so einen Sch.. zu schreiben? Denkt ihre Frau da auch so?

    „Und grüne Politik ist keine Alternative dafür.“
    Wer ist denn für die bisherigen Probleme verantwortlich? Wer steht bei Themen wie Ökologie und sozialer Gerechtigkeit schon immer auf der Bremse? Etwa die Grünen?

  9. Norbert Schleck

    „Es waren fast ausnahmslos Männer, die moderne Technik und Entdeckungen machten, damit auch Frauen ein besseres Leben haben.“

    Es waren auch fast ausnahmslos Männer, die Kriege anzettelten, immer neue Waffen entwickelten, bis hin zur Atombombe, die Massaker verübten, grauenhafte Verbrechen etwa an Juden begingen, ganze Völker ausrotteten, Kinder missbrauchen, Frauen als rechtloses Eigentum betrachteten und sie erst in jüngster Zeit als gleichberechtigt ansehen.

  10. Guido Scholzen

    Auf der einen Seite sind Grüne feministisch geprägt, sind gegen sexuelle Gewalt (richtig so) und auf der anderen Seite wird fast kritiklos mit dem Islam geliebäugelt, da sonst Islamophobie besteht….
    Auch hier ergibt grüne Politik keinen eindeutigen Sinn.
    Dieses ganze erinnert an ein Zitat von Sigmund Freud, dem Begründer der Psychoanalyse: „Das Weib – was will es?“

Kommentar hinterlassen

Ihre Email-Adresse wird niemals veröffentlicht!
Pflichtfelder sind mit * gekennzeichnet.
Bitte beachten Sie unsere Richtlinien zu Kommentaren.

Restl. Anzahl Wörter: 150