Stromknappheit droht jetzt Anfang des neuen Jahres

Nur einer der sieben belgischen Atomreaktoren sollte im November Strom liefern können. Seit Montag sind es wieder zwei. Eigentlich ein Grund zur Freude. Doch die wird jetzt wieder getrübt durch die Ankündigung von Engie-Electrabel, dass einige der zurzeit abgeschalteten Reaktoren länger abgeschaltet bleiben müssen, als geplant. Energieministerin Marie-Christine Marghem gab sich am Mittwoch empört.

Energieministerin Marie-Christine Marghem (Bild: Thierry Roge/Belga)

Energieministerin Marie-Christine Marghem am 14. November in der Kammer (Bild: Thierry Roge/Belga)

Es ist ein wenig schwierig, den Überblick zu behalten: Welcher Atommeiler in Belgien läuft und welcher läuft nicht – und warum? Auch Politiker haben damit ihre Schwierigkeiten.

Am Mittwochnachmittag in der Kammer verglich die CD&V-Politikerin Leen Dierick die Lage der Stromversorgung in Belgien deshalb mit dem Plattenauflegen eines DJ. Ein Lied hoch, ein Lied runter, dann alles vermischen, und die anderen kann man dann ausmachen.

Dabei schien Anfang der Woche alles noch gut: Tihange 1 ging wieder ans Netz, früher als erwartet. Die Angst vor einem Blackout im November war damit gebannt. Dass fünf andere Reaktoren nicht laufen, das wusste man ja schon vorher.

Dass jetzt plötzlich wieder neue dunkle Wolken am Horizont hängen, ärgert die föderale Energieministerin Marie-Christine Marghem sichtlich. Eine geplante Reise nach Ägypten sagte sie kurzerhand ab, um sich am Mittwochvormittag mit den Mitgliedern der Energie-Task-Force zu besprechen. Danach gab Marghem eine Pressekonferenz, auf der sie deutlich wurde. „Im Januar und Februar, das wissen wir jetzt von vornherein, kann es sein, dass wir erneut Schwierigkeiten bekommen können.“

Vorwürfe gegen Engie-Electrabel

Der Grund dafür liegt im AKW Doel. Dort sollte eigentlich Doel 1 Mitte, spätestens aber Ende Dezember wieder ans Netz. Doch das wird nicht geschehen. An Doel 1 waren Leitungen des Kühlsystems kaputtgegangen. Gegenüber der VRT sagte Hellen Smeets, Sprecherin von Engie-Electrabel, am Mittwoch: „Wir benutzen einen Roboter, um die Leitungen so genau wie möglich zu untersuchen. In den vergangenen Tagen hat sich herausgestellt, dass weitere Maßnahmen notwendig sind. Weshalb die Arbeiten jetzt länger dauern werden.“

Die Sprecherin betonte auch, dass seitens des Betreibers alles getan werde, um die Kernreaktoren so schnell wie möglich wieder ans Netz zu bringen. „Wir sind in einer außergewöhnlichen Situation. Alle unsere Wartungsteams sind maximal ausgelastet und arbeiten daran, dass die zurzeit stillliegenden Reaktoren so bald wie möglich wieder ans Netz kommen können“, sagt Smeets.

Energieministerin Marghem allerdings scheint ihre Zweifel daran zu haben, ob Engie-Electrabel wirklich alles dafür tut, um die belgischen Reaktoren schnellstmöglich zu reparieren. „Electrabel hängt am Tropf eines größeren Unternehmens“, sagte Marghem. „Und dieses größere Unternehmen, das außerhalb des belgischen Staatsgebiets liegt, betrachtet Belgien vielleicht als zu vernachlässigendes Element.“

Aussage gegen Aussage

Ohne Namen zu nennen, war das deutliche Kritik am Mutterkonzern von Electrabel, dem französischen Energieunternehmen Engie. Die Franzosen hätten seit Jahren die belgischen AKW vernachlässigt. Jetzt müsse Belgien den Preis dafür bezahlen, sagte Marghem. „Ich fange langsam an, mich aufzuregen. Auf meiner Richterskala – auf einer Skala von eins bis zehn – bin ich mindestens bei drei.“ Als das Gelächter bei den Journalisten auslöste, fügte Marghem schnell hinzu: „Ja, ja, aber warten Sie. Ich habe eine Art… Das ist exponentiell. Das kann plötzlich Ausmaße annehmen, die ziemlich außer der Norm liegen.“

Laut Engie gibt es dafür aber keinen Anlass. Die Vorwürfe, zu wenig für die belgischen Reaktoren zu tun, wies das Unternehmen noch am Mittwoch zurück. Jährlich würden 200 Millionen Euro in die Instandhaltung der belgischen AKW gesteckt.

Somit steht Aussage gegen Aussage. Und die Tatsachen bleiben bestehen. Der Reaktorpark in Belgien gleicht einer Dauerbaustelle. Noch gibt es genug Strom. Laut Aussage der Ministerin auch noch bis Ende des Jahres. Aber darüber hinaus ist das heute noch nicht sicher.

Experte: Doel 2 nicht wie geplant im Dezember am Netz

Kay Wagner

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2 Kommentare
  1. Marcel Scholzen Eimerscheid

    Anstatt sich aufzuregen, sollten die politisch Verantwortlichen in Belgien Naegel mit Koepfen machen und dafuer sorgen, dass die Energieversorgung wieder in belgische Haende kommt. In Belgien gibt es genug Kapital dafuer.

    Die jetzt offensichtliche Ohnmacht der Politik ist beschaemend. Zeichen eines verfallenden Staates. Verantwortliches Handeln sieht anders aus. Dazu gehoert Mut. Und den hat niemand.

    Wenn Frau Ministerin sich aufregt, wird man sich in Frankreich biegen vor Lachen. Die sind immer froh, wenn sie sich lustig machen koennen ueber die Belgier.

  2. Wolfgang Mühge

    An aus an aus an aus.. es ist ja nicht so, das die Brennelemente im Becken nicht mehr strahlen, einzig wird kein Strom erzeugt…ich denke dies zeigt nochmals überdeutlich, das Belgien nun selbst aktiv werden muss und sich nicht weiter am Band herumführen lässt, Aktivitäten und Entscheidungen sind gefragt, die Bürger und die Wirtschaft erwarten dies…bekommt die Politik das alsbald hin?

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