Die Presseschau von Montag, dem 21. März 2022

Die Titelseiten der Zeitungen stehen heute fast ganz im Zeichen des mutmaßlichen Unfalldramas von Strépy-Bracquegnies mit bislang sechs Toten und vielen Verletzten. In den Leitartikeln werden außerdem auch noch die Verschiebung des belgischen Atomausstiegs und der Ukraine-Krieg thematisiert.

Trauer und Fassungslosigkeit nach dem Drama in Strépy-Bracquegnies (Bild: Kenzo Tribouillard/AFP)

Trauer und Fassungslosigkeit nach dem Drama in Strépy-Bracquegnies (Bild: Kenzo Tribouillard/AFP)

„Blutbad beim Karneval: mindestens sechs Tote“, so der Aufmacher bei L’Avenir. „Sechs Tote, zehn Schwerverletzte – Aus dem Karnevals- wurde ein Begräbniszug“, schreibt De Standaard. „Aus einem Festtag wird ein Trauertag: Auto rast in der Gemeinde Strépy-Bracquegnies in eine Gruppe Karnevalisten“, zieht auch das GrenzEcho Bilanz nach einem vermutlichen Unglück in einer Teilgemeinde von La Louvière im Hennegau.

L’Avenir fühlt sich angesichts der Bilder und Berichte aus Strépy an die Terroranschläge mit Lkws in Nizza und Berlin erinnert. Auch wenn es sich dieses Mal nicht um einen Anschlag handelte. War es ein Geschwindigkeitsdrama? Alkohol? Drogen? Rache? Wahnsinnsanfall? Die Hintergründe des Vorfalls sind noch unklar, die Ermittler sind noch dabei, ihre Arbeit zu machen. Was dieses Drama noch schmerzhafter macht, das ist, dass es eigentlich ein Tag der Freude hätte werden sollen. Nach zwei Jahren ohne Karneval und große Volksfeste in Belgien wollten die Menschen in Strépy feiern. Das Land und seine Folklore trauern, so L’Avenir.

Auch für La Dernière Heure ist es ein schwarzer Tag. Es ist die Rede von einem Familienstreit, der zu dem Unglück geführt haben soll. Aber eigentlich ist das Motiv ziemlich egal. Es ist auch ziemlich egal, ob die Täter überhaupt eines hatten. Die zwei Cousins in dem Auto sind Mörder, sie standen unter Drogen. Diese Tragödie wird die Region und ganz Belgien noch lange erschüttern. Die Justiz schuldet es den Angehörigen der Opfer, strengstens und ohne zu zögern über das Schicksal der Täter zu urteilen, fordert La Dernière Heure.

Der Atom-Nicht-Ausstieg wird hart und teuer

Het Belang van Limburg greift wie diverse andere Zeitungen in seinem Leitartikel die Entscheidung Belgiens auf, den vollständigen Atomausstieg um zehn Jahre zu verschieben. Diese Entscheidung war ja kurz vor dem Wochenende gefallen. In all dem Chaos, der Stümperei und dem Gewurstel der letzten 20 Jahre in puncto Energie ist es ein Lichtpunkt, dass die Regierung De Croo versucht, dieses verhunzte Dossier zurück auf die Schienen zu setzen. Aber sie muss natürlich erst noch umsetzen, was sie da beschlossen hat. Die Energiewende beschleunigen, in kurzer Zeit zwei neue Gaszentralen bauen, Engie überzeugen, Tihange 3 und Doel 4 auf Vordermann zu bringen und zehn Jahre länger laufen zu lassen: Das werden wohl harte Verhandlungen werden. Und der französische Energiekonzern wird schnell Investitionssicherheit und vor allem auch eine Stange Geld sehen wollen, erinnert Het Belang van Limburg.

Wir Belgier werden vierfach für den Atom-Nicht-Ausstieg zahlen, analysiert De Standaard: Das Versprechen, dass Kernkraftwerke Preisspitzen verhindern werden, stimmt nämlich nicht. Zwei Meiler offen zu halten wird nichts an den Energierechnungen ändern. An ein Versprechen, dass der Betreiberkonzern Engie keine Monstergewinne einfahren wird, hat sich Premier De Croo gar nicht erst gewagt. Die nukleare Gelddruckmaschine, die Engie 2021 eine Milliarde Euro in die Kassen gespült hat, ist durch eine nur schwer anfechtbare Vereinbarung mit der Vorgängerregierung kaum stillzulegen. Was Freitagnacht ebenfalls nicht kam, das war ein Versprechen, dass der Steuerzahler nicht für die Modernisierung von Tihange 3 und Doel 4 aufkommen wird – auch das kann Hunderte Millionen Euro kosten. Und im Hintergrund wächst die Rechnung für den Rückbau der anderen Meiler und für die Beseitigung der nuklearen Altlasten.

Anders gesagt: Am Freitag ist beschlossen worden, dass der Steuerzahler mindestens zwei Gaszentralen subventionieren wird. Und dann auch noch die Kernzentralen finanziell unterstützen muss, giftet De Standaard.

Die Behörden müssen das Flüchtlingsruder übernehmen

Le Soir blickt auf den vom Angriffskrieg Putins auf die Ukraine ausgelösten riesigen Flüchtlingsstrom und vergleicht die Situation mit der Flüchtlingskrise von 2015. Die Empathie, die Großzügigkeit, die Hilfsbereitschaft und Solidarität der Belgier verdienen größten Respekt. Aber das ändert leider wenig am desaströsen Zustand der staatlichen belgischen Flüchtlingsinfrastruktur: 88 Prozent der jetzt für Ukrainer zur Verfügung gestellten Auffangplätze kommen von Privatpersonen. Das ist in der Not und Eile nachvollziehbar und zu verteidigen. Aber wenn der Bürger langfristig die zentrale Säule der Flüchtlingsplanung der Behörden bleiben sollte, dann droht dieses Kartenhaus irgendwann zusammenzustürzen.

Es sind die Behörden, die die Flüchtlingsströme lenken und meistern müssen, die die Bedürfnisse managen und Missbrauch verhindern müssen. Nur eine ordentliche und vor allem gemeinsame Herangehensweise kann Exzesse und Chaos und die Ausschlachtung von Problemen durch Populisten verhindern, warnt Le Soir.

Putin kann den Russen nur noch den Abstieg in die Hölle bieten

Wladimir Putin ist nicht dabei ein Land zu vernichten, sondern zwei, meint La Libre Belgique: die Ukraine und Russland. Von Tschetschenien über Georgien und die Belagerung Aleppos bis zur Ukraine ist Krieg immer eine Mit-Daseinsberechtigung für sein Regime gewesen. Putin hat nie einen Hehl aus seiner Geringschätzung für Menschenleben gemacht. Das gilt für die vielen zivilen Opfer seiner Angriffskriege. Und das gilt auch für die Zehntausenden russischen Wehrpflichtigen und Berufssoldaten, die er in den Krieg geschickt hat, um ein Land zu „befreien“, das freier als ihr eigenes ist.

Gleichzeitig wird der innerrussische Unterdrückungsapparat immer brutaler, der Kreml-Machthaber spricht schon offen über „Säuberungen“ der russischen Gesellschaft. Er hat seinem Volk nichts mehr zu bieten als einen Abstieg in die Hölle, der Generationen von Russen für immer prägen wird, so La Libre Belgique.

Boris Schmidt