Die Presseschau von Dienstag, dem 1. März 2022

Der blutige Angriff Russlands auf die Ukraine prägt auch heute die Titelseiten der Zeitungen und auch alle Leitartikel. Neben dem Leiden und dem Kampf der Ukrainer stehen dabei vor allem die Reaktionen des Westens im Mittelpunkt. Es wird aber auch auf die Situation innerhalb Russlands geblickt.

Weltweit gibt es Proteste gegen Wladimir Putin und seinen Krieg gegen die Ukraine - auch in Mexiko (Bild: Rodrigo Arangua/AFP)

Weltweit gibt es Proteste gegen Wladimir Putin und seinen Krieg gegen die Ukraine - auch in Mexiko (Bild: Rodrigo Arangua/AFP)

„Von Putin getötet“, so die große Überschrift bei Het Laatste Nieuws über Fotos von Kindern und anderen ukrainischen Zivilisten, die bisher beim Angriff Russlands ums Leben gekommen sind. „Die Ukraine kämpft um ihre Freiheit“, so der Aufmacher beim GrenzEcho. „Worte, Tote“, fasst Le Soir den gestrigen Tag zusammen. Denn trotz der angeblichen Verhandlungsbereitschaft des russischen Machthabers hat Russland auch während der Gespräche mit der ukrainischen Seite pausenlos weiter Städte brutal bombardieren und angreifen lassen.

Es gibt so viele Gründe, seine Wut herauszuschreien, seine Verzweiflung, wettert Le Soir. Alles nur wegen dieses Mannes, der von seinem Frust und seiner Verachtung für andere zerfressen wird, dieses Mannes, der von einer machttrunkenen Clique umgeben und von den größten Pfeifen des Westens unterstützt worden ist. Dieser Mann, Putin, stellt seinen Bauchnabel in den Mittelpunkt aller Aufmerksamkeit und bedroht einen Teil der Menschheit nuklear. Während um uns herum die Welt klimatologisch den Bach runtergeht, wie der Weltklimarat gerade wieder festgestellt hat, wütet Le Soir.

Eine neue Welt

Putin hat die Welt verändert, stellt Het Nieuwsblad fest. Allerdings wohl nicht so, wie er sich das vorgestellt hatte. Um es mal ganz zynisch zu sagen: Wenn sogar die FIFA und UEFA Russland nicht mehr die Stange halten, dann ist es schlecht bestellt um das Ansehen des Kremlherrschers. Fast genauso spektakulär ist, dass die Schweiz ihr Grundprinzip der Neutralität über Bord geworfen hat. Oder dass das ebenfalls sonst immer neutrale Finnland sich jetzt auch nach der NATO sehnt. In den vergangenen Tagen stapeln sich die historischen Kehrtwenden geradezu. Das ist nirgends so offensichtlich wie in Deutschland. Auch für die Europäische Union gilt: Wenn alle mit dem Rücken zur Wand stehen, dann ist plötzlich ganz viel möglich. Die EU mag gerade mit Siebenmeilenstiefeln durch die Geschichte schreiten, aber wie das Ganze ausgehen wird, ist höchst unsicher. Wenn sich irgendwann der Staub legt, wird sicher das eine oder andere zurechtgerückt werden müssen. Aber das wird in einer neuen, in einer anderen Welt als gestern passieren, ist Het Nieuwsblad überzeugt.

Jeden Tag werden mehr Menschen zweifeln

Es sieht so aus, als ob Putin die Reaktionen des Westens grob unterschätzt hat, analysiert Het Belang van Limburg. Der Mann, der uns all die Jahre gegeneinander ausgespielt hat, sieht sich nun einer geschlossenen Front gegenüber. Dafür verdient Europa Lob. Die große Frage ist, wie lange Putin seine Offensive fortsetzen kann, bevor es an der Heimatfront echten Widerstand gibt. Gefahr droht ihm weniger von der murrenden russischen Bevölkerung als vielmehr von der Machtelite der Geheimdienstler, Militärs und Oligarchen. Den Menschen, die sich mit Putin bereichert haben und die jetzt die Rechnung dafür präsentiert bekommen. Die Chance auf eine Palastrevolution im Kreml bleibt klein. Aber mit jedem Tag, an dem sich die Ukraine Putin widersetzt, werden mehr Menschen zweifeln. Solange niemand einen echten Durchbruch forciert, sind Friedensverhandlungen ausgeschlossen, resümiert Het Belang van Limburg.

Wer hätte gedacht, dass – leider erst Tage nach Putins Überfall auf die Ukraine – so viel „im Westen“ passiert wie in Jahren nicht?, fragt das GrenzEcho. Die wichtigste Frage aber ist, ob das der Ukraine in ihrem Verteidigungskampf gegen Putins Aggression hilft. Das Umdenken kommt zu spät. Dementsprechend fällt einem jeglicher Applaus schwer. Die militärische Hilfe wird die Lage nicht umkehren. Die Energieversorgung der EU ist noch immer die gleiche wie vor einer Woche. Die vielen Tausend Menschen, die überall in Europa auf die Straße gehen und für Frieden auftreten, sind da glaubwürdiger. Sie sind auch bereit, die Opfer zu bringen, die eine entschlossenere Politik von ihnen verlangt hätte und verlangen würde, glaubt das GrenzEcho.

Die Ukrainer nicht fallen lassen – weder heute noch morgen

La Libre Belgique begrüßt die Entscheidung Deutschlands, angesichts einer historischen Verantwortung nicht zurückzuschrecken und nicht nur mehr Mittel für die eigene Verteidigung bereitzustellen, sondern auch Waffen an die Ukraine zu liefern. Denn an der Seite der Ukrainer zu kämpfen, heißt auch, für die eigene Zukunft zu kämpfen. Aber es ist nur ein Anfang. Die Diplomatie muss zwar prioritär bleiben, aber es ist mehr als offensichtlich geworden, dass sich die Europäer auch militärisch so stark zeigen müssen, dass ein Gegner Nicht-Verhandlungen als Option ausschließen muss. Die kommenden Tage werden entscheidend sein für die Zukunft des Kontinents. Putin weiß, dass eine Niederlage in der Ukraine ein Vorbote seines eigenen Falls wäre, dementsprechend ist er fest entschlossen. Die Europäische Union muss sich weiter konkret dieser schwindelerregenden Herausforderung stellen, fordert La Libre Belgique.

Die Bilder, die uns aus Kiew, Charkiw und aus anderen Orten der Ukraine erreichen, sind schockierend und schrecklich, kommentiert La Dernière Heure. Sie beweisen aber vor allem den Heldenmut des ukrainischen Volkes. Die Menschen sind bereit, zu kämpfen, um ihre Demokratie und Freiheit zu verteidigen. Wir haben die moralische Pflicht, die Ukrainer nicht fallen zu lassen. Nicht heute und schon gar nicht morgen. Das betrifft die Aufnahme von Flüchtlingen und auch den Wiederaufbau des von russischen Bomben verstümmelten Landes. Wir fühlen uns jetzt alle als Ukrainer, unterstreicht La Dernière Heure.

Boris Schmidt