Die Presseschau von Samstag, dem 19. Februar 2022

Der schwere Sturm "Eunice" hat auch in Belgien gewütet, was auf Titelseiten und in den Innenteilen intensiv aufgegriffen wird. Die Leitartikel befassen sich derweil unter anderem mit der Ukraine-Krise, der Coronavirus-Situation und nicht zuletzt auch noch mit dem Arbeitsmarkt.

Russlands Präsident Wladimir Putin (Bild: Mikhail Klimentyev/Sputnik/AFP)

Russlands Präsident Wladimir Putin (Bild: Mikhail Klimentyev/Sputnik/AFP)

„‚Eunice tobt durch Belgien“, schreibt das GrenzEcho auf Seite eins. „Ein Toter, immenser Schaden – Sturm Eunice verwüstet unser Land“, zieht Het Nieuwsblad Bilanz. „Ein Toter, sechs Verletzte – Eunice hat Belgien nicht verschont“, so auch der Aufmacher bei La Dernière Heure.

Für die Leitartikel stehen derweil vor allem die internationalen Spannungen weit oben auf der Prioritätenliste, genauer gesagt die Ukraine-Krise: Das ist keine ukrainische Krise, unterstreicht Le Soir in seinem Leitartikel, das ist eine Krise zwischen dem Westen und dem Osten. Wobei die Europäer einer Pokerpartie zwischen Washington und Moskau beiwohnen, in der sie wenig zu melden haben. Wie im Kalten Krieg.

Was wir an der östlichen Grenze Europas erleben, das ist das Ergebnis einer Entwicklung, die aus dem Triumphalismus des Westens in den 1990er-Jahren und der Auflösung des Sowjetreichs geboren ist. Dafür bezahlen wir heute den Preis. Aber Putin will sich nicht eingestehen, dass sich die Ukrainer eindeutig seit Jahren für den Westen entschieden haben. Angesichts des autokratischen Putin’schen Modells und der zahlreichen Verletzungen der Menschenrechte durch sein Regime ist diese Entscheidung auch nachvollziehbar, findet Le Soir.

Wer gewinnt eigentlich etwas?

Die Frage ist, wer durch die immer weiter zunehmenden Spannungen eigentlich etwas gewinnt, kommentiert De Tijd. Putin? Der Mann hat es zumindest geschafft, sich ins Zentrum der Aufmerksamkeit der USA zu stellen. Rein rational betrachtet sollte er eigentlich kein Interesse an einem totalen Krieg haben. Aber weiß er das auch? Oder hat er sich selbst so in die Ecke manövriert, dass es keinen anderen Ausweg mehr gibt?

Fakt ist jedenfalls, dass er in der ganzen Krise der unvorhersagbarste Faktor ist. Die Nato hat er jedenfalls durch sein Handeln nur gestärkt, sie ist vereinter denn je. Jeglicher Zweifel an ihrer Daseinsberechtigung ist durch Putins Verhalten vom Tisch gefegt worden. Der amerikanische Präsident Joe Biden kann durch sein entschlossenes Auftreten gegenüber Putin jetzt einige vergangene diplomatische Patzer wiedergutmachen, Stichwort Afghanistan-Abzug.

Für Europa fällt die Bilanz hingegen sehr mager aus, trotz Initiativen von Macron und Scholz bleiben wir diplomatisch ein Leichtgewicht. Und die Frage ist, ob Russland und die USA den Europäern überhaupt mehr Raum geben wollen. Falls es zu Sanktionen gegen Russland kommt, wird Europa, nach der Ukraine natürlich, den schwersten Preis bezahlen. Europa kann nicht gewinnen, egal, wie sich die Krise weiter entwickeln wird, so die düstere Prognose von De Tijd.

Zwischen Höhlensyndrom und Feierdrang

In einigen Tagen wird Belgien die Schwelle von 30.000 Corona-Toten überschreiten, erinnert derweil De Standaard in seinem Kommentar. Aber obwohl noch immer jeden Tag beinahe 50 weitere Opfer hinzukommen, schenken wir diesen Zahlen nicht mehr viel Aufmerksamkeit. Außerdem bedürfen die Zahlen einer gewissen Nuancierung, weil, gerade in der Frühphase der Gesundheitskrise, nicht immer eindeutig zwischen „mit Covid“ oder „durch Covid“ gestorben unterschieden worden ist.

Für das Krisenmanagement selbst sind diese Zahlen aber sowieso eher nebensächlich. Denn hier ist es am wichtigsten, dass die beschlossenen Schutzmaßregeln die Ausbreitung des Virus verhindern und dass die Krankenhäuser und vor allem die Intensivstationen nicht überrumpelt werden. Wichtiger werden verlässliche Zahlen, wenn wir das Management der Gesundheitskrise im Nachhinein analysieren und bewerten werden. Nur so werden wir Lehren aus dieser Prüfung ziehen können, betont De Standaard.

Gazet van Antwerpen blickt auf das Verhalten der Menschen im Zuge der positiven Entwicklung der epidemiologischen Situation: Die einen leiden noch unter dem Höhlensyndrom, die anderen unter Feierdrang. Die, die sich weiter abschotten, also in ihrer „Höhle“ bleiben, blicken mit Sorge auf die, die es nach all den Monaten zum ausgiebigen, gemeinsamen Feiern zieht. Die einen lassen lieber die Mundschutzmasken noch eine Weile auf, während die anderen die wiedergewonnene Freiheit stürmisch umarmen und sich die Seele aus dem Leib tanzen.

Beide Methoden sind zu verantworten – und zu respektieren. Die Höhlenbewohner und die Partywütigen werden in den nächsten Monaten noch langsam zueinander finden müssen. Mit etwas gegenseitigem Verständnis werden es alle schaffen, auf ihre jeweils eigene Art und Weise und mit ihrer eigenen Geschwindigkeit diesen neuen Zeitabschnitt zu beginnen. Lasst Verständnis und Respekt denn auch ein wichtiges Motto für diese neue Ära sein, wünscht sich Gazet van Antwerpen.

Das ist den Einsatz wert!

L’Echo kommt auf die Arbeitsmarktreform zurück, die diese Woche von der Föderalregierung vorgestellt worden ist: Man vergisst oft, dass die Politik – sei es nun auf föderaler oder regionaler Ebene – den Kampf nicht alleine führen kann, schreibt die Wirtschaftszeitung. Um wie angestrebt den Beschäftigungsgrad zu erhöhen, muss sie auch die anderen Akteure des Sektors setzen können. Neben den Arbeitsämtern sind es vor allem die Unternehmen selbst, die hier aktiv werden müssen.

Wundermittel gibt es natürlich keine, um das Problem der Mangelberufe anzugehen und um 80 Prozent der arbeitsfähigen Bevölkerung in Beschäftigungsverhältnisse zu bringen. Aber es gibt zahlreiche Ansätze, die man ausprobieren kann: mehr Flexibilität für Arbeitnehmer etwa, die sich nicht in strenge zeitliche Korsetts zwingen können; mehr Flexibilität auch, was Wechsel auf andere Positionen im gleichen Betrieb angeht; mehr und bessere Maßnahmen zur Verbesserung des Wohlbefindens bei der Arbeit. Und sicher nicht zuletzt vom Diplome-Fetisch abzurücken, dem noch immer manche anhängen. Anstatt nach der sprichwörtlichen eierlegenden Wollmilchsau zu suchen, sollten die Unternehmen bei ansonsten geeigneten Bewerbern lieber stark auf Weiterbildung setzen. Lasst uns alle Kräfte mobilisieren, lasst uns die traditionellen Gräben zuschütten und vorankommen! Das ist den Einsatz wert!, appelliert L’Echo.

Boris Schmidt

5 Kommentare
  1. Lutz-René Jusczyk

    Nehmen wir an, Putins Truppen würden tatsächlich in die Ukraine einmarschieren (gegenwärtig deuten alle Anzeichen darauf hin).
    Ist es in einem solchen Fall ethisch vertretbar, dass die EU-Länder weiterhin Erdgas und -öl sowie Steinkohle aus Russland importieren oder wäre es geboten, auf jene Einfuhren zu verzichten, um das Regime nicht weiter zu unterstützen?
    Derzeit bezieht die EU fast 40 Prozent aller Erdgasimporte aus Russland. Eine solche Menge lässt sich nicht binnen weniger Wochen durch Flüssiggaslieferungen aus anderen Ländern ersetzen, zumal Russland in den vergangenen Monaten viel zu wenig Gas geliefert hat und auf diese Weise wesentlich dazu beigetragen hat, dass viele Gasspeicher in der EU unzureichend gefüllt sind.
    Sind wir bereit, für den Einsatz für Frieden, Freiheit und Menschenrechte ein gewisses Opfer zu erbringen, oder ist uns eine warme Heizung und der Verzicht auf wirtschaftliche Einbußen wichtiger?

  2. Marcel Scholzen eimerscheid

    Werter Herr Jusczyk.

    Sie scheinen recht naiv zu sein, bzw Sie glauben blind den Medien.

    Bei diesem Konflikt geht es nur vordergründig um Demokratie, Rechtsstaat, etc. In Wirklichkeit geht es um Macht und Einfluss.Typische Großmachtspolitik wie seit Jahrhunderten.Die Russen tun’s in der Ukraine, die Franzosen in Afrika, die Amerikaner in Lateinamerika.Also kein Grund zur Panik.Hier passiert nichts außergewöhnliches.

    Warum sollten die Menschen Opfer bringen ? Für wen und für was ? Damit sich die Rüstungsindustrie die Taschen füllen kann.Die Glaubwürdigkeit der westlichen Regierungen hat ziemlich gelitten in den letzten Jahren, dass ein Aufruf zu Opfern „im Namen der Demokratie“ nicht sonderlich ernst genommen würde.Die Menschen haben einfach andere Sorgen als die Ukraine.Ua ist die warme Wohnung wichtiger, was ja auch gut zu verstehen ist.

  3. Lutz-René Jusczyk

    Herr Scholzen-Eimerscheid, Ihre Ausführungen vermitteln den Eindruck, als seien westliche Länder keinen Deut besser als Russland.
    Selbstverständlich: Wenn Sie lange genug in der Geschichte zurückgehen, finden sie auch dort dunkle Flecken.
    Das alles darf uns aber nicht davon ablenken, dass kein Land ein Recht hat, ein anderes zu überfallen.
    Von welcher Seite im derzeitigen Konflikt die Aggression ausgeht, ist doch offensichtlich.
    Die seitens der russischen Regierung vorgebrachte Behauptung, die NATO würde Russland bedrohen, ist schlichtweg Unsinn: Die NATO ist ein reines Verteidigungsbündnis und bedroht niemanden.
    Eine Mitgliedschaft der Ukraine in der NATO ist in absehbarer Zeit ebenso wenig denkbar.
    Die Länder Ost- und Mitteleuropas sind nur deshalb der NATO beigetreten, weil sie erleben mussten, was es bedeutet, unter sowjetischem bzw. russischem Einfluss zu stehen.
    Einen Rückzug der NATO aus jenen Ländern zu fordern, ohne ihnen selbst die geringsten Sicherheitsgarantien zu geben, und bei Nichtnachkommen mit »militärisch-technischen Maßnahmen«, sprich: mit Krieg, zu drohen, ist eine Unverschämtheit.

  4. Maria van Straelen

    Der Schutz der Nato ist einer Maffia gleichzusetzen, die Geld dafür verlangt, dass man sie schützt. Reine Verteidigung? Die Nato (‚North Atlantic‘ what’s in a name) hat 2 Jahre nach Gründung Griechenland und die Türkei aufgenommen, erinnern Sie sich noch, an welche Staatsgemeinschaft die Türkei grenzte? Aber einen auf dicke Hose machen, wenn man sie in Cuba ‚bedroht‘. Uns wurde seinerzeit NIE davon berichtet, dass die USA Ihre Truppen in der Türkei unmittelbar an der Kaukasusgrenze und durch Griechenland und die Türkei Zutritt zum Schwarzen Meer hattte. Die USA/Biden, als Sklaven der dortigen Waffenindustrie, müssen sich unbedingt wieder eine Bedrohung erschleichen. Denken Sie an die Lügen bei sämtlichen Mittelost-Kriegen, dem Vietnam-Krieg etc. Fällt niemandem auf, dass nicht Russland sondern die USA ununterbrochen seit dem 2. Weltkrieg die Welt in Kriege stürzte? Verteidigung? Krieg ist das ertragsreichste Geschäft, das es gibt, darum gehts. Und schön weit weg von zuhause.

  5. Marcel Scholzen eimerscheid

    Werter Herr Jusczyk.

    Außenpolitisch sind die Westmächte keinen Deut besser.Ich wüsste nicht wo.Sie denn ? Auch die Westmächte haben Länder überfallen ohne UN-Mandat, wie 1999 Rest-Jugoslawien oder den Irak 2003.Was ist daran besser als das russische Gebaren ?

    Dieser Konflikt ist kein amerikanerischer Western, wo man genau sieht, wer gut und böse ist.Hier hat jeder Dreck am Stecken.

    Stimmt, die Nato ist ein Verteidigungsbündnis.Russland fühlt sich trotzdem bedroht.Wurde ja oft genug aus dem Westen angegriffen (Napoleon, Hitler etc).Dann sollte man was tun, um die Russen dieses Bedrohungsgefühl zu nehmen.
    Zum Beispiel mit Sicherheitsgarantien.

    Die Ukraine sollte zu einem neutralen Staat erklär twerden, ähnlich der belgischen Neutralität von vor 1914.Deren Neutralität sollte garantiert werden von USA, Russland und den EU-Staaten.Und wenn einer die Neutralität nicht respektiert, hat man einen guten Grund, um militärisch einzugreifen.Und ökonomisch sollte die Ukraine gleichzeitig von Ost und West profitieren.Die Kuh von zwei Seiten melken.