Die Presseschau von Dienstag, dem 23. November 2021

Nach den Demonstrationen am Sonntag überbieten sich die Zeitungen mit Analysen der momentanen Stimmungslage im Land. Während die Corona-Infektionen weiter durch die Decke gehen, ziehen sich tiefe Gräben durch die Gesellschaft. Die Leitartikler versuchen Erklärungs- und Lösungsansätze zu finden.

35.000 Menschen haben am Wochenende in Brüssel gegen die Corona-Politik demonstriert, die allermeisten von ihnen friedlich (Bild: Hadrien Dure/Belga)

35.000 Menschen hatten am 21. November in Brüssel gegen die Corona-Politik demonstriert (Bild: Hadrien Dure/Belga)

„Die Krankenhäuser fordern dringend strengere Maßnahmen“, titelt Het Belang van Limburg. „Jede dritte Covid-Aufnahme auf der Intensivstation wäre zu vermeiden gewesen“, schreibt De Standaard auf Seite eins. Het Nieuwsblad ist präziser: „Die Impfung hätte gut ein Drittel der Aufnahmen auf den Intensivstationen verhindern können“, so die Schlagzeile.

Die Corona-Lage spitzt sich weiter zu: Die Zahlen steigen weiter und der Druck, der auf den Krankenhäusern lastet, wird immer größer. Das allerdings hätte weitgehend vermieden werden können, wenn wirklich alle geimpft wären. Experten malen inzwischen ein düsteres Bild: „Bis zu 4.500 zusätzliche Tote in Belgien“, schreibt De Morgen auf Seite eins. Fachleute haben die möglichen Auswirkungen dieser vierten Welle berechnet. Resultat: Im schlimmsten Fall werden in Belgien bis zu 4.500 Tote mehr zu beklagen sein. Hierzulande sind ja schon 26.568 Menschen an den Folgen einer Covid-Erkrankung gestorben.

Wir müssen in dieser Lage die Ruhe bewahren

Selten wohl war die Corona-Lage verworrener als jetzt, beklagt Gazet van Antwerpen in ihrem Leitartikel. Die Zahlen sind schlecht. Die Booster-Impfung kommt nur schleppend in Gang. Die Krankenhäuser ächzen unter der Last. Parallel dazu wird der Protest gegen die geltenden Maßnahmen lauter, während der Großteil der Bevölkerung sie demgegenüber als nicht streng genug empfindet. Diese Verwirrung ist der ideale Nährboden für Menschen, die die ganze Corona-Politik infrage stellen und bei der Gelegenheit auch den ohnehin schon geschwächten Staat zu Fall bringen wollen. Das haben wir im Übrigen auch schon am Sonntag bei der Brüsseler Kundgebung gesehen. Der eine oder die andere mag ja ernsthaft besorgt sein, aber die Wortwahl war dann doch zu viel: „Diskriminierung“, „Ausgrenzung“, „Bürger zweiter Klasse“, selbst Judensterne waren zu sehen. Könnte man bitte mal aufrichtig bleiben? Diese Situation ist für alle schwierig. Individuelle Freiheit ist wichtig, aber niemand kann mehr die Wirksamkeit von Impfungen ernsthaft bezweifeln. Mit überschäumenden Emotionen erreichen wir gar nichts. Was wir jetzt brauchen, ist vielmehr Ruhe und Besonnenheit.

Viele Zeitungen kommen nochmal zurück auf die Kundgebung vom Sonntag.

„Zehntausende Menschen bei einer Kundgebung, ist das jetzt viel oder nicht viel?“, fragt sich rhetorisch Het Laatste Nieuws. Als vor einigen Wochen die Klimaschützer durch die Straßen der Hauptstadt zogen, hieß es, dass das ein Signal sei, das man nicht ignorieren dürfe. Nun: Am Sonntag haben 35.000 Menschen in Brüssel gegen die Corona-Maßnahmen protestiert. Kann man das jetzt plötzlich ausblenden? Sind das alles Bekloppte? Solche Gedanken sollte man sich tunlichst verbieten. Und Politiker machen es sich auch zu einfach, wenn sie das Ganze jetzt nur auf die Ausschreitungen reduzieren, die es am Rande der Demo gab. Viele der Krawallmacher sind die üblichen Verdächtigen, die jede Kundgebung missbrauchen, um alles kurz und klein zu schlagen. Man muss die Botschaft vom Sonntag wenigstens zur Kenntnis nehmen. Viele Menschen sind wütend, sind enttäuscht, sind müde. Auch, weil ihnen die Politik vorschnell Versprechen gemacht hat, die man – wie sich inzwischen herausstellt – nicht halten kann. Das sollte allen eine Lehre sein. Ja, man muss diesen Demonstranten zuhören. Aber auf ihre Forderungen darf man dafür immer noch nicht eingehen.

Viel Wut

La Dernière Heure macht eine ähnliche Analyse. Zwei Fehler darf man nicht machen, meint das Blatt. Erstens: Man darf die Brüsseler Demo mit ihren 35.000 Teilnehmern nicht unterschätzen. Und zweitens: Man darf die Demonstranten nicht auf Impfgegner und Krawallmacher reduzieren. Natürlich waren die auch dabei. Die große Mehrheit der Menschen waren aber keine abgedrehten Spinner, sondern einfach nur besorgte Bürger, die sich Fragen stellen. Natürlich ist es völlig überzogen, um nicht zu sagen lächerlich, von einer „sanitären Diktatur“ zu sprechen. Das allein disqualifiziert aber nicht alle Sorgen dieser Leute. Wir müssen wieder lernen, einander zuzuhören.

„Egal, auf welcher Seite man steht: Diese Kundgebung war nicht belanglos“, mahnt auch De Morgen. Im Moment ist viel Wut zu spüren. Die Wut der Geimpften auf die Menschen, die eine Impfung entgegen wissenschaftlicher Fakten aus irrationalen Gründen verweigern. Die Wut der Ungeimpften auf diejenigen, die sie zur Impfung zwingen wollen. Die Wut derer, die davon überzeugt sind, dass sie sich ihre Freiheit durch die Impfung verdient haben, Punkt, aus. Wut auf die Politik, Wut auf die Medien. Viel von dieser Wut hat sich am Sonntag in Brüssel kanalisiert. Und auch dieses Signal verdient eine Antwort. Und wenn es nur ist, dass man aufhört, den Menschen das Blaue vom Himmel zu versprechen. Die Lösung wäre vielleicht ein Corona-Plan, der nach vorher bekannten Kriterien ab gewissen Schwellenwerten vorher bekannte Maßnahmen in Kraft setzt. Durch diese Krise kommen wir nur mit Ehrlichkeit und Transparenz, nicht mit losen Versprechungen.

Die Corona-Krise ist nur die Spitze des Eisbergs

Het Nieuwsblad hingegen empfiehlt eine radikale Lösung. Es gibt nur noch zwei Möglichkeiten: Entweder man startet jetzt eine Blitzkampagne, um doch noch die Zweifler zu überzeugen. Oder man verhängt eine Impfpflicht. Nur so kann man eine weitere Eskalation verhindern. Denn bei einer möglichen fünften Welle steigen uns am Ende die Geimpften aufs Dach. Und das wäre ein größeres Problem als 35.000 Menschen, die auf ihrer Meinung beharren.

„Die Gräben werden zunehmend tiefer“, warnt das GrenzEcho. Man muss nicht nur durch den Sumpf waten, der sich in einigen sozialen Medien – allen voran Facebook – breitgemacht hat, um hautnah zu erleben, wie tief die Abgründe sind, die sich hier auftun. Man wird den Eindruck nicht los, dass jede neue Welle die Ausschläge noch ein wenig höher ausfallen lässt als die vorherige und noch tiefere Abgründe auftut. Ja, die Einschränkungen, die gerade wieder die Vorweihnachtszeit belasten, tun weh. Das alles ist es aber nicht wert, unüberbrückbare Gräben innerhalb eines ohnehin strapazierten Zusammenlebens aufzutun.

L’Echo teilt diese Besorgnis. In unserer Gesellschaft zeigen sich mehr und mehr Risse. Wenn man die Kundgebung vom Sonntag deuten will, darf man sich nicht darauf beschränken, die zugegebenermaßen diffusen Slogans auf den Spruchbändern zu lesen. Was wir da gesehen haben, war vielmehr der Ausdruck eines allgemeinen Nase-voll-Gefühls. Denn die Coronakrise ist ja nur die Spitze des Eisbergs. Sorgen gibt es in diesen Tagen zu Genüge. In Stichworten: Inflation, Kaufkraft, Energiepreise, Atomausstieg, Klimawandel. Die Politik muss Antworten auf all diese Fragen liefern. Antworten, die ausgewogen und nachvollziehbar sein müssen. Ansonsten riskiert man einen Bruch des gesellschaftlichen Zusammenhalts…

Roger Pint