Die Presseschau von Montag, dem 6. September 2021

Die Leitartikel befassen sich heute mit sehr unterschiedlichen Themen: Die Diskussion um eine Impfpflicht beziehungsweise einen Corona-Pass reizt auch hier die Gemüter. Daneben wird aber auch das belgische Abschneiden bei den Paralympischen Spielen sowie die Rentenreform und der Atomausstieg kommentiert.

Dressurreiterin Michèle George gewann Gold bei den Paralympics (Bild: Jasper Jacobs/Belga)

Dressurreiterin Michèle George gewann Gold bei den Paralympics (Bild: Jasper Jacobs/Belga)

„Da sind sie wieder, die Teufel, die wir lieben“, jubelt La Dernière Heure. „Fußball-WM-Qualifikation: Rote Teufel gewinnen 3:0 gegen Tschechien“, fasst das GrenzEcho zusammen. „Rote Teufel so gut wie sicher bei Weltmeisterschaft 2022 dabei!“, ergänzt Het Nieuwsblad.

Während die Titelseiten in sportlicher Hinsicht vom Fußball geprägt sind, blickt La Libre Belgique auf die Paralympischen Spiele. Wer hätte gedacht, dass die Paralympischen Spiele für Belgien genauso außergewöhnlich und spannend werden würden wie die Olympischen? Experten hatten mit zehn Medaillen gerechnet, am Ende sind es 15 geworden, darunter vier goldene.

Unsere 31 Athleten haben sich selbst übertroffen. Und zwar unter Bedingungen, die manchmal schwierig, unerwartet und sogar grausam waren. Aber der Erfolg geht noch viel weiter als der reine Medaillenspiegel. Denn diese Sportler tragen zu einer besseren Inklusion von Menschen mit Behinderungen in unserer Gesellschaft bei. Es bleibt noch so viel zu tun in puncto Arbeit, Bildung und Zugänglichkeit. Wie auch beim Hochleistungssport muss es hier eine ständige Weiterentwicklung geben und Forderungen nach immer mehr, unterstreicht La Libre Belgique.

Wessen Freiheit wird wirklich eingeschränkt?

Hohe Wellen schlägt derweil die Diskussion darüber, wie der Impfgrad gesteigert werden soll, insbesondere in der Hauptstadtregion. Was ist mit Brüssel? Diese Frage wird immer lauter, je größer die Angst vor einer neuen, vierten Corona-Welle im Herbst wird, kommentiert De Morgen.

Dass etwas passieren muss, steht fest. Genauso wie, dass die ganzen gutgemeinten Initiativen nicht ausreichen werden, um den Impfgrad in Richtung 85 Prozent zu bewegen. Dafür gibt es eine einfache Erklärung: Wer sich jetzt noch nicht hat impfen lassen, will das normalerweise auch nicht. Oder hat zumindest so große Zweifel an dem Vakzin, dass er sich nicht im Vorbeigehen beim Einkaufen überzeugen lassen wird. Aber was dann? Eine Pflichtimpfung für die Brüsseler wirft vor allem neue Fragen auf. Nicht nur über die Gesetzmäßigkeit, sondern auch darüber, wie man Erwachsene überhaupt zwingen kann, sich impfen zu lassen.

Eine Pflichtimpfung droht vor allem ein Geschenk für die Impfgegner-Bewegung zu werden. Die ist in Brüssel schon sehr stark. Dann also ein Corona-Pass nach französischem Vorbild? Das scheint die Richtung zu sein, in die sich die Brüsseler Politik, wenn auch widerwillig, bewegt. Das ist vielleicht die einfachste Lösung, aber auch hier gibt es noch viele Fragezeichen hinsichtlich der praktischen Durchsetzung, so De Morgen.

Wer bis jetzt noch nicht begriffen hat, dass Impfungen nicht nur da sind, um sich selbst zu schützen, sondern auch die anderen, der wird das wohl auch nie verstehen, schreibt Het Belang van Limburg. Und in diesem Fall ist Pflichtimpfung eine Option.

Das Ganze ist natürlich eine emotional aufgeladene Debatte, aber die Argumente gegen eine Impfpflicht sind oft diskutabel. Die Verpflichtung soll Wasser auf die Mühlen der Impfgegner sein, heißt es. Die Spinner, die glauben, dass Bill Gates ihnen mit dem Impfstoff einen Chip einpflanzen will, sind sowieso schon lange nicht mehr mit Vernunft erreichbar.

Auch das Argument, dass eine Pflichtimpfung das Recht auf Selbstbestimmung verletzt, hält nicht wirklich stand. Schließlich müssen wir im Auto auch einen Sicherheitsgurt tragen und unsere Kinder gegen Kinderlähmung impfen lassen. In Brüssel sind die Menschen, die sich brav haben impfen lassen, zu Geiseln der anderen geworden. Wessen Freiheit wird hier also wirklich eingeschränkt?, wettert Het Belang van Limburg.

Kakophonie und Populismus vermeiden

Le Soir ruft derweil dazu auf, bei der Diskussion um einen Corona-Pass eine Kakophonie und Populismus zu vermeiden. Die politisch Verantwortlichen aller Ebenen täten gut daran, sich miteinander abzusprechen, und auch die Experten miteinzubeziehen, bevor sie kommunizieren. Denn das nicht zu tun, führt nur zu einer unnötigen Aufheizung der Stimmung in der Bevölkerung.

Rechtfertigt die epidemiologische Lage die Einführung eines Corona-Passes? Mit dem Risiko, die Bevölkerung langfristig zu spalten? Das ist die entscheidende Frage, eine Frage, die es verdient, dass sich die Politik mit Reife mit ihr befasst, fordert Le Soir.

Rentenreform und Atomausstieg

Het Laatste Nieuws greift die Kontroverse um die Rentenreformpläne auf: Ist die belgische Politik noch in der Lage, die Pensionsbombe zu entschärfen? Wenn diese Regierung die absehbare Entgleisung noch verhindern will, darf sie eine neue Herangehensweise nicht ausschließen. Sie könnte das Dossier etwa an nicht-politische Experten aus jeder Sprachengruppe übergeben.

Lasst Spezialisten einen Pensionsplan ausarbeiten, der dann von der Regierung offen diskutiert werden kann. Die endgültige Entscheidung fällen dann die Volksvertreter, sei es über einen Kompromiss innerhalb der Regierung, oder über eine Abstimmung im Parlament. Manchmal sind Herausforderungen eben so groß, dass die Politik nicht allein mit ihnen fertig wird. Aber nach welcher Entgleisung ist die Politik auch bereit, das einzusehen?, giftet Het Laatste Nieuws.

Gazet van Antwerpen blickt auf ein anderes dorniges politisches Dossier, den Atomausstieg. Das ist ein Dossier, das wie die Rentenreform schon von verschiedenen Regierungen mitgeschleppt worden ist. Die Regierung De Croo setzt jetzt resolut auf den Atomausstieg – und damit auch übergangsweise auf Gaszentralen, um die Versorgungssicherheit zu gewährleisten. Aber ob diese Zentralen gebaut werden können, ist äußerst unsicher, weil die zuständige N-VA-Umweltministerin nicht die notwendigen Genehmigungen erteilen will.

N-VA-Chef Bart De Wever gibt der aktuellen Regierung die Schuld an allem und fordert, die Atomkraftwerke weiterlaufen zu lassen. So eine Entscheidung hätte allerdings viel früher, unter einer vorhergehenden Regierung, fallen müssen. Der aktuellen Regierung den Schwarzen Peter zuschieben zu wollen, ist also nicht korrekt, findet Gazet van Antwerpen.

Boris Schmidt