Die Presseschau von Dienstag, dem 31. August 2021

Das offizielle Ende der Luftbrücke und damit des Abzugs der internationalen Truppen aus Afghanistan ist ein wichtiges Thema für die Titelseiten und Leitartikel. Innerbelgisch wird hingegen vor allem über eine Priorisierung von Krankenhausbetten für Geimpfte diskutiert beziehungsweise über den Impfgrad. „Ende mit Schrecken – Abzug der US-Kräfte beschließt Afghanistan-Einsatz“, schreibt das GrenzEcho. „Freudenschüsse in Kabul...

Hubschrauber der US-Armee überfliegt die US-Botschaft in Kabul (Archivbild: Wakil Kohsar/AFP)

Hubschrauber der US-Armee überfliegt die US-Botschaft in Kabul (Archivbild: Wakil Kohsar/AFP)

Das offizielle Ende der Luftbrücke und damit des Abzugs der internationalen Truppen aus Afghanistan ist ein wichtiges Thema für die Titelseiten und Leitartikel. Innerbelgisch wird hingegen vor allem über eine Priorisierung von Krankenhausbetten für Geimpfte diskutiert beziehungsweise über den Impfgrad.

„Ende mit Schrecken – Abzug der US-Kräfte beschließt Afghanistan-Einsatz“, schreibt das GrenzEcho. „Freudenschüsse in Kabul über Abzug der Amerikaner“, so eine Überschrift bei Le Soir. „Afghanen ab jetzt den Taliban vollkommen ausgeliefert“, titelt Het Nieuwsblad auf Seite eins.

„Die Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten beenden heute offiziell die Luftbrücke aus Afghanistan“, so L’Echo. In wenigen Tagen sind über 112.000 Menschen aus dem Land geflohen. Tausende aber sind zurückgeblieben. Für sie hat sich die Falle geschlossen. Sie sind einem archaischen und unberechenbaren islamistischen Regime ausgeliefert. Die Taliban sind ab jetzt die einzigen Ansprechpartner für die USA und für Europa. Minimale Kontakte mit ihnen werden unumgänglich sein. Und sei es nur, um den internationalen Flughafen in Kabul offen zu halten, um sicherzustellen, dass humanitäre Hilfsgüter ihre Bestimmung erreichen oder um den Islamischen Staat und Al-Qaeda zu bekämpfen – die gemeinsamen Feinde. Und auch die Taliban können nicht alle Brücken zum Westen abbrechen: Die afghanische Wirtschaft liegt am Boden, weder das afghanische Volk noch das Ausland haben Vertrauen in die Taliban und hinzu kommt noch die Bedrohung durch die Terrorgruppen. „Die Vereinigten Staaten und Europa haben den militärischen Abzug vermasselt. Sie können es sich nicht erlauben, die Afghanen komplett im Stich zu lassen in einer Situation, die das Ergebnis nicht gehaltener Versprechen des Westens ist“, meint L’Echo.

Das GrenzEcho macht sich Gedanken über die Folgen für die Zukunft: Die Niederlage des Westens in Afghanistan könnte das Fanal für die versprengten IS-Kämpfer im Irak und in Syrien sein. „Das Fanal, jetzt wieder das Heft des Handelns in die Hand zu nehmen und ein neues Kalifat zu errichten. Und zwar in jenen riesigen Gebieten, die weder die Regierung in Bagdad, noch der syrische Machthaber, noch die resoluten Kurden in ihren Siedlungsgebieten unter Kontrolle haben“, warnt das GrenzEcho.

„Zugang verboten für Nicht-Geimpfte?“

Auf nationaler Ebene befassen sich verschiedene Leitartikel wieder mit Corona, genauer gesagt mit der Belegung der Krankenhausbetten. „Wird bald über dem Eingang zur Intensivstation ein Schild hängen mit der Aufschrift „Zugang verboten für Nicht-Geimpfte“?“, fragt provokativ Het Laatste Nieuws. Das ist eine Diskussion, die hierzulande dringend geführt werden muss. Insbesondere jetzt, da in Brüssel die Intensivstationen wieder voller Patienten liegen, die eine Impfung verweigert haben.

Corona ist durch die Verfügbarkeit der Impfstoffe immer mehr zu einer Wahl geworden. Von den Menschen, die jetzt noch auf den Intensivstationen landen, sind 96 Prozent ungeimpft. Noch reichen die Kapazitäten zum Glück. Aber was, wenn sich die Situation im Herbst oder Winter verschlimmert? „Es steht jedem frei, sich impfen zu lassen oder nicht. Aber jeder, der sich dagegen entscheidet, sollte ganz klar verstehen, dass die Grenzen der Solidarität sehr bald erreicht sein werden“, giftet Het Laatste Nieuws.

Unangenehme Diskussionen könnten anstehen

„In der Hauptstadt liegen die Krankenhausaufnahmen pro Einwohner schon seit zwei Wochen fünf- bis sechsmal höher als in den umliegenden Provinzen Flämisch-Brabant und Wallonisch-Brabant“, erinnert auch De Tijd. Die Intensivstationen sind so voll, dass schon Verlegungen ins Umland notwendig sind. Natürlich ist Solidarität ein Kernprinzip des Wohlfahrtsstaates. Aber was sollen wir machen mit Menschen, die so gut wie sicher nicht krank geworden wären, wenn sie die Ratschläge der Behörden und Experten befolgt hätten? Darf jemand, der ganz bewusst die Impfung verweigert hat, anderen Patienten das Krankenhausbett wegnehmen?

„Wenn sich die jetzige Entwicklung fortsetzt, dann werden unangenehme Diskussionen geführt werden müssen. Zum Beispiel auch, ob Ungeimpfte einen größeren Teil ihrer Krankenhauskosten selbst bezahlen sollten, wenn sie an Covid erkranken“, kommentiert De Tijd.

Sich auf die konzentrieren, bei denen es was bringt

Het Belang van Limburg zieht derweil bezüglich des Impf-Grads Parallelen zwischen Brüssel und bestimmten Gemeinden in Limburg. Sozioökonomische Parameter spielen natürlich eine Rolle. Je ärmer eine Gemeinde, desto weniger Impfungen – das sieht man in Brüssel genauso wie in Genk. Eine andere Parallele ist, dass es oft bestimmte Bevölkerungsgruppen sind, in denen die Impf-Bereitschaft besonders niedrig ist. Die muss man dann auch benennen dürfen, ohne gleich als Rassist hingestellt zu werden. Denn nur, wenn man das Kind auch beim Namen nennt, kann man auch angepasste und zielgerichtete Überzeugungsarbeit leisten. Aber abgesehen davon: Rabiate Impfgegner lassen sich durch rationale Argumente sowieso nicht überzeugen. Deswegen sollten wir uns auf die anderen konzentrieren: zum Beispiel auf die, die sich aus Nachlässigkeit noch nicht haben impfen lassen oder auf die, die immer alles aufschieben. „“Das sind die Menschen, denen ein Schubs gegeben werden muss. Wenn es denn sein muss, auch mit mobilen Impf-Angeboten vor Discountern“, fordert Het Belang van Limburg.

„Am Mittwoch fängt aber auch die Schule wieder an. Das bedeutet auch, dass Eltern wegen aller möglichen Dinge nachts wachliegen“, schreibt Het Nieuwsblad. Ganz sicher nicht zuletzt auch, weil sie sich Sorgen um die Sicherheit ihrer Kinder auf dem Schulweg machen. In puncto Verkehrssicherheit bleibt jedenfalls noch sehr viel zu tun. „Aber egal, wie viele individuelle Maßnahmen ergriffen werden, letztlich ist eines klar: Solange motorisierter Verkehr die Priorität bleibt, solange wird sich grundsätzlich wenig verbessern“, beklagt Het Nieuwsblad.

Boris Schmidt