Die Presseschau von Montag, dem 30. August 2021

Die meisten Zeitungen würdigen auf ihren Titelseiten den verstorbenen belgischen Ex-IOC-Präsidenten Jacques Rogge. Die Leitartikel sind jedoch geprägt vom Beginn sowohl des schulischen als auch des politischen neuen Jahres und den damit verbundenen Herausforderungen.

Deutschunterricht (Illustrationsbild: © Bildagentur PantherMedia / belchonock)

Illustrationsbild: © Bildagentur PantherMedia / belchonock

„Jacques Rogge, den Sport im Blut“, schreibt Le Soir. „Zwölf Jahre lang der mächtigste Belgier der Welt“, so die Überschrift bei Het Laatste Nieuws. „Trauer um Reformer Jacques Rogge“, würdigt das GrenzEcho den ehemaligen Präsidenten des Internationalen Olympischen Komitees, der im Alter von 79 Jahren gestorben ist.

Viele Leitartikel stehen jedoch ganz im Zeichen des neuen Schuljahrs. „Man kann dem Schulanfang mit einem gewissen Optimismus entgegenblicken“, meint Le Soir. Besonders im Vergleich zu den letzten Jahren. Auch wenn die Schulen ebenfalls unter der Pandemie gelitten haben, gehörten sie dennoch zu den seltenen Bereichen des Lebens, in denen so etwas wie eine gewisse Normalität herrschte. Die Quasi-Rückkehr zur Normalität zeigt, dass man Ruhe auch verordnen kann. Aber trotz der Begrenzung der Risiken durch die Impf-Kampagne kann niemand vorhersagen, wie der Herbst aussehen wird. „Für die Schule ist – wie für den Rest der Gesellschaft auch – das Thema Gesundheitskrise wahrscheinlich noch nicht abgehakt“, warnt Le Soir.

Lehrermangel und -impfung

Het Laatste Nieuws blickt auf die neuen Herausforderungen, denen sich das Unterrichtswesen stellen muss. Nachdem die Schulen während der Pandemie so viel wie möglich offengehalten worden sind, beginnt jetzt die eigentliche Arbeit: den Graben anzugehen, der sich zwischen Schülern aufgetan hat, die zu Hause eine stimulierende und unterstützende Lernumgebung hatten, und denen, die das nicht hatten. Keine Veranlagung, Anstrengung oder Talent können das Nicht-Vorhandensein von Computern, Platz, Ruhe und Eltern kompensieren, die den Unterricht unterstützen. „Unsere Wirtschaft ist dabei, sich im Rekordtempo von Corona zu erholen. Sie stolpert aber oft über einen Mangel an Rohstoffen – und vor allem über einen Mangel an menschlichen Rohstoffen. Deswegen gehört der Lehrermangel auch ganz oben auf die Wiederbelebungs-Agenda“, ist Het Laatste Nieuws überzeugt.

L’Avenir greift die Lehrkräfte in einem ganz anderen Kontext auf, nämlich als mögliches Ziel für eine Pflicht-Impfung. Ja, es scheint uns mehr als notwendig, dass Lehrer sich impfen lassen, gerade weil sie jeden Tag so viele Schüler sehen, die noch nicht geimpft sind und keine Mundschutzmasken tragen. Aber warum muss jetzt diese Berufsgruppe herausgepickt werden für eine Pflicht-Impfung? Schließlich sind ja auch sehr viele andere Menschen täglich hohen Ansteckungsrisiken ausgesetzt. Für eine Pflichtimpfung der Lehrkräfte zu plädieren, bedeutet letztlich eine Impfpflicht für alle zu befürworten – ohne das aber deutlich zuzugeben. „Statt auf das Prinzip einer verpflichtenden Immunisierung zu setzen, um die paar Prozent Widerspenstigen ins Visier zu nehmen, wären andere Prioritäten wichtiger: zum Beispiel, den Prozess für die dritte Dosis für Risikopatienten zu beschleunigen“, so L’Avenir.

Zahlreiche Herausforderungen

Das Ende der Sommerferien bedeutet nicht nur den Beginn des Schuljahres, sondern auch den des politischen Jahres. Das nimmt La Libre Belgique zum Anlass, um sich mit den Herausforderungen für die Föderalregierung zu beschäftigen: Atomausstieg ohne Kostenexplosion und Blackout, Reform des Rentensystems, die Überarbeitung des Steuersystems, die Wiedereingliederung von Langzeitkranken, eine entschiedene, aber menschliche Flüchtlingspolitik, Ordnung in das Strafgesetzbuch bringen – und das ist nur ein Auszug der Dossiers, mit denen sich die Vivaldi-Koalition befassen muss. Aber es sind vor allem die umwelttechnischen Herausforderungen, die Alterung der Gesellschaft und der Haushalt, die die Regierung mit dem Rücken zur Wand stellen. „Versagen ist keine Option. Schon gar nicht angesichts des Misstrauens, das immer mehr Bürger den Institutionen entgegenbringen“, unterstreicht La Libre Belgique.

Dieses Misstrauen thematisiert auch De Morgen: Der Kampf gegen Desinformation, gegen fehlgeleiteten Argwohn gegen die offiziellen Versionen bestimmter Ereignisse, die Auseinandersetzung mit Schreihälsen, die über alternative Medien Zweifel säen, um Öl ins Feuer zu gießen – all das ist gerade im Kontext der Pandemie-Bekämpfung wichtiger denn je geworden. Die Regierung De Croo muss die so geschlagenen tiefen Wunden in der Gesellschaft heilen. Sie muss den Menschen erklären, warum die Zweifelsäer Unrecht haben. Und sie muss überzeugend erklären, warum bestimmte Schutzmaßnahmen noch notwendig sind. „Dafür braucht es vor allem auch eine einstimmige Botschaft und eine einmütige Mannschaft. Aber ob es damit etwas wird, angesichts der anstehenden schwierigen Dossiers, ist zumindest fraglich“, analysiert De Morgen.

Atomausstieg und Pendlerparkplätze

Het Belang van Limburg greift sich die Akte Atomausstieg heraus: Im November muss die Föderalregierung diesen Knoten definitiv durchhacken – 18 Jahre, nachdem der Atomausstieg gesetzlich festgelegt worden ist. Jetzt darüber zu diskutieren kommt viel zu spät, auch dank diversen Politikern, die es oft genug bewusst versäumt haben, nach Alternativen zu suchen. Jetzt, wo sich die Lebensdauer unserer Atomkraftwerke dem Ende zuneigt, ist die Wahl doch sehr begrenzt. Selbst, wenn jetzt entschieden würde, doch bei der Atomkraft zu bleiben, würden neue Kraftwerke nie im Leben rechtzeitig fertig werden. „Und auch, wenn wir die zwei jüngsten Reaktoren länger am Netz lassen würden, bräuchten wir neue Gaszentralen, um den Ausfall der anderen zu kompensieren“, hebt Het Belang van Limburg hervor.

La Dernière Heure kommentiert die Herausforderung Klimawandel: Laut verschiedenen Studien sind Autos für 22 Prozent der in Belgien ausgestoßenen Treibhausgase verantwortlich. Sauberere Fahrzeuge sollen das Problem lösen. Aber es wird zweifelsohne noch Jahre dauern, bis der Fahrzeugpark in ausreichendem Maß umgestellt worden ist. Eine andere Lösung wären kostenlose öffentliche Verkehrsmittel. Oder zumindest doch kostenlose Parkplätze an den Bahnhöfen. Denn Pendler, die heutzutage den Zug nehmen wollen, müssen manchmal Hunderte von Euro ausgeben, um ihre Fahrzeuge am Bahnhof stehen zu lassen. „Aber um dieses Problem anzugehen, bräuchte es echten politischen Willen“, stichelt La Dernière Heure.

Boris Schmidt