Die Presseschau von Dienstag, dem 27. April 2021

Die flämische Forderung nach regionalen Lockerungen je nach Tempo der Impfkampagne sorgt weiter für Diskussionsstoff, wobei einige Blätter durchaus auch regionale Unterschiede bei der Impfbereitschaft erkennen. Da ist noch viel Überzeugungsarbeit nötig. Schließlich geht es um ein Foto der föderalen Innenministerin und eine Hommage an Joseph Maraite.

Joseph Maraite (Archivbild: BRF)

Joseph Maraite (Archivbild: BRF)

„Zwei Drittel aller Über-65-Jährigen sind schon geimpft“, titelt Le Soir. Das sagt natürlich, was es sagt: Die Impfkampagne hat inzwischen richtig Fahrt aufgenommen. Aber, apropos Impfungen: „Die EU-Kommission will Astrazeneca für seine falschen Versprechen bezahlen lassen“, so die Schlagzeile auf Seite eins von La Libre Belgique. Die EU-Kommission hat rechtliche Schritte gegen Astrazeneca eingeleitet.

Viele Leitartikler beschäftigen sich aber auch heute noch mit dem Plädoyer der flämischen Regierung, je nach Tempo der Impfkampagne die Lockerungen regional vorzunehmen. Konkret: Der flämische N-VA-Ministerpräsident Jan Jambon und der CD&V-Gesundheitsminister Wouter Beke wollen in Flandern schneller die Corona-Regeln lockern, wenn es dabei bleibt, dass im Norden des Landes schneller und großflächiger geimpft wird.

Wie wäre es mit nationaler Einheit?

„Sehr geehrte Herren Jambon und Beke“, wendet sich Le Soir an die beiden Politiker. Wir könnten Sie gerne mal an einige Geschichten erinnern, die Sie vielleicht vergessen haben. Zum Beispiel diese hier: Als die Impfkampagne in Flandern anfänglich nicht in Fahrt kommen wollte, da haben sich keine frankophonen Politiker in die Fernsehstudios gesetzt und mit dem Finger auf den Norden des Landes gezeigt. Oder diese: In der Wallonie wurden schon wesentlich mehr Menschen in anderen Altersgruppen geimpft als in Flandern.

Und Brüssel hat die Flamen geimpft, die in der Hauptstadt arbeiten – und das ohne groß Aufhebens darum zu machen. Dass Sie jetzt die Impfungen zum gemeinschaftspolitischen Zankapfel machen wollen, ist erstmal unanständig, denn: Aus dieser Krise kommen wir nur gemeinsam heraus, schreibt Le Soir.

Darüber hinaus sind solche Aussagen aber auch unverantwortlich, da dadurch von den wahren Problemen abgelenkt wird. In diesen Zeiten sollte man keine Spaltpilze, sondern vielmehr Lösungen in den Raum stellen, findet Le Soir.

„Ist es tatsächlich inzwischen so weit gekommen?“, fragt sich auch leicht resigniert La Libre Belgique. Musste man im Norden des Landes wirklich ausgerechnet jetzt schon wieder das gemeinschaftspolitische Kriegsbeil ausgraben? Sind die flämischen Nationalisten inzwischen schon so verzweifelt, dass sie mit angeblichen Perspektiven herumfuchteln müssen, die in einem kleinen und dicht besiedelten Land wie Belgien schlichtweg nicht umsetzbar sind?

Aber gut, mal abgesehen vom empörten Kopfschütteln könnte man sich ja tatsächlich mal in Selbstkritik üben. Denn ja, die Frankophonen müssen einsehen, dass eine zu niedrige Impfquote in der Hauptstadt und im Süden des Landes eine Katastrophe wäre mit Blick auf die angestrebte Herdenimmunität.

Nur: Die Menschen gegeneinander aufzuhetzen, das hilft uns mit Sicherheit nicht weiter. „Wie wäre es, Herr Jambon, wenn wir es ein einziges Mal mit nationaler Einheit probieren würden?“.

„Attachez vos ceintures“ – Es geht los!

„Ja, der stolze flämische Löwe, wie schwer ist er doch zu zähmen?“, meint leicht ironisch Het Laatste Nieuws. Doch kräht der wallonische Hahn gleich wütend zurück. Und beide Seiten haben vielleicht nicht ganz unrecht.

Die Frankophonen haben Recht, wenn sie sagen, dass wir uns im Krieg gegen das Virus befinden, nicht in einem Zahlenkrieg. Und, ja, man kann die Forderung nach regional begrenzten Lockerungen als gemeinschaftspolitisches Spielchen abtun.

Aber, dass die Impfquote in Flandern in den Priorisierungsgruppen wesentlich höher liegt als in der Wallonie und in Brüssel, das ist kein Spielchen, sondern ein handfestes Problem. Und die Haltung des Brüsseler Ministerpräsidenten Rudi Vervoort steht stellvertretend dafür. „Die Impfkampagne sei kein Rennen“, sagte Vervoort. Besser würde er sagen: „Attachez vos ceintures, schnallen Sie sich an!“

Diese Rolle scheint La Dernière Heure übernehmen zu wollen: „Lassen Sie sich bitte möglichst alle impfen“, appelliert das Blatt insbesondere an die Brüsseler. Denn die Zahlen beweisen es: Die größten Impfmuffel, die leben in der Hauptstadt.

Wie das medizinische Personal berichtet, führen die Menschen als Begründung für ihre Weigerung die tollsten Erklärungen ins Feld, bis hin zu hanebüchenen Verschwörungstheorien aus dem Internet. Auch sie werden verstehen müssen, dass wir aus dieser Krise nur herauskommen und zu einer gewissen Normalität zurückkehren können, wenn sich möglichst viele Menschen impfen lassen. Und das bitte schnell!

Eine weltfremde Innenministerin

De Morgen ärgert sich über eine Fotostrecke, die die föderale Innenminister Annelies Verlinden verbreiten ließ. Darauf ist die CD&V-Politikerin zu sehen, wie sie zusammen mit Polizeirekruten lächelnd an einem Konditionstraining teilnimmt. Nur: Sport zu treiben in einem geschlossenen Innenraum, das ist eigentlich verboten. So steht es in den ministeriellen Erlassen, die die Unterschrift tragen von eben einer gewissen Annelies Verlinden.

Da kann die Ministerin hundert Mal betonen, dass das ganze „Corona-proof“ war: Diese Fotos sind völlig daneben! Aber was eigentlich noch (ver)störender ist, das ist die Tatsache, dass Frau Verlinden nicht versteht, warum diese Fotos so geschmacklos sind.

Jeder Sportler, der seit Monaten seiner Lieblingsbeschäftigung nicht nachgehen kann, der weiß, wie falsch diese Bilder sind. Nur die Ministerin scheint das nicht einzusehen. Wie weltfremd muss man sein? Wenn die Regierung noch nach Gründen für die schwindende Akzeptanz sucht, dann muss sie sich nur die Fotos von Frau Verlinden anschauen.

Abschied von einem der Väter der DG-Autonomie

Das GrenzEcho nimmt in seinem Leitartikel noch einmal Abschied von Joseph Maraite. „Mit ihm ist einer der Väter der Autonomie verstorben“, meint das Blatt. Dass es eine Deutschsprachige Gemeinschaft mit einer großzügigen Autonomie gibt, das stand am Anfang auf keinem Stück Papier.

Lange, ehe es eine erste Regierung in Eupen gab, kämpften ostbelgische Politiker dafür in Brüssel oder besser gesagt: Sie leisteten Überzeugungsarbeit. Das galt damals nicht für alle.

Und auch heute gibt es wieder Zweifel daran, ob die DG auf Dauer in der Lage sein wird, eine vollwertige vierte Region mit einer Reihe neuer Zuständigkeiten zu stemmen. Aber Angst darf man da nicht haben. Bange war es auch schon Joseph Maraite und seinen Mitstreitern nicht, als sie die Fundamente dafür legten.

Roger Pint