Die Presseschau von Samstag, dem 12. September 2020

Die flämischen Zeitungen beschäftigen sich weiter hauptsächlich mit dem Nacktfoto-Skandal um flämische Berühmtheiten und den daraus zu ziehenden Konsequenzen. Andere Leitartikel greifen die innenpolitische Situation auf beziehungsweise blicken auf die ganze EU betreffende Themen.

Der Sänger und Schauspieler Stan Van Samang ist eines der Opfer des Nacktbilder-Skandals (Archivbild: Jasper Jacobs/Belga)

Der Sänger und Schauspieler Stan Van Samang ist eines der Opfer des Nacktbilder-Skandals (Archivbild: Jasper Jacobs/Belga)

„Sex, Skandal und Scham“, schreibt De Standaard auf Seite eins. „‚Die Schändung der Privatsphäre ist menschenunwürdig'“, bringt Het Belang von Limburg ein Zitat des Sängers und Moderators Sean Dhondt auf seiner Titelseite. „Bekannte Flamen sind nicht die einzigen Opfer – wie geleakte Nacktfotos Leben ruinieren können“, so der Aufmacher bei De Morgen.

Die ungewollte Verbreitung pikanter, privater Aufnahmen prominenter Flamen im Internet bleibt das große Thema im Norden des Landes. Zu den Opfern gehören der Sänger und Schauspieler Stan Van Samang und auch die Radiomoderatoren Peter Van de Veire und Sean Dhondt. Alle drei hatten sich entschlossen, jetzt selbst an die Öffentlichkeit zu gehen und zum Teil rechtliche Schritte einzuleiten.

Sexting ist nichts Ungewöhnliches, erinnert Het Belang van Limburg. Weder bei Erwachsenen noch bei jüngeren Menschen. Wer wem welche eigenen Fotos schickt, geht weder Sie noch uns etwas an. Das alles gehört eigentlich in die Privatsphäre eines Menschen. Problematisch wird es dann, wenn solche Aufnahmen missbraucht und ungefragt an Dritte weitergegeben werden. Mit manchmal verheerenden Folgen. Dass es momentan eine große Empörung in der Gesellschaft gibt, scheint zunächst beruhigend. Das Ganze ist aber auch irgendwie unglaublich scheinheilig. Die drei Prominenten werden schon fast als halbe Märtyrer hingestellt. Das ist auch irgendwie richtig, sie sind ja Opfer einer zutiefst unmoralischen Person geworden. Aber wo war die Empörung, als das Gleiche Hunderten von unbekannten Jugendlichen passiert ist? Der Grund ist einfach: Die Tränen von Unbekannten interessieren uns viel weniger, als die von Prominenten. Wenn wir eines aus dieser traurigen Affäre lernen müssen, dann vor allem, dass der Missbrauch solcher Bilder immer ernst genommen und als Straftat betrachtet werden sollte, fordert Het Belang van Limburg.

Zwei Medienwelten

De Morgen lobt den Mut der Prominenten, die ihr Schweigen gebrochen haben. Jetzt müssen die Ermittler ihre Arbeit tun. Zwischenzeitlich brauchen wir eine breite gesellschaftliche Debatte. Die bekannten Flamen können auf ihr rhetorisches Talent und ihre finanziellen Mittel für einen Rechtsbeistand zurückgreifen. Viele anonyme Opfer können das leider nicht. Oft gehören dazu auch Jüngere. Viele von ihnen müssen ihre Scham alleine bewältigen. Eltern und auch Schulen können diese Vorfälle jetzt nutzen, um über dieses Tabuthema zu sprechen. Die psychologischen Traumata, die die Opfer erleiden können, sind enorm. Man muss ihnen deutlich machen, dass sie mit ihren Vertrauenspersonen über so etwas sprechen müssen. Damit schnell reagiert werden kann und notfalls rechtliche Schritte eingeleitet werden können. Dieses Thema haben wir als Gesellschaft leider viel zu lange vernachlässigt, beklagt De Morgen.

De Standaard greift einen anderen Aspekt auf: Die Medien respektieren mittlerweile die Grenzen der Privatsphäre peinlich genau. Bevor die prominenten Opfer sich nicht selbst zu Wort gemeldet hatten, wurde nicht über den Skandal berichtet. Der Kontrast zu den sogenannten sozialen Medien könnte nicht größer sein. In dieser raueren Welt regiert die Gruppendynamik. Aber vielleicht spiegelt das unsere tatsächlichen heutigen gesellschaftlichen Normen viel besser, ungehemmter und ungefilterter wider. Wir leben in einer moralischen Zwischenzeit. Und die Frage wird auch sein, welche der beiden Medienwelten unsere Zivilisation in Zukunft beherrschen wird, philosophiert De Standaard.

Das Internet tobt!

Mit der Innenpolitik beschäftigt sich La Libre Belgique. Genauer gesagt mit der Verlängerung des Mandats für die Regierung Wilmès bis zum 1. Oktober. „So beginnen Diktaturen“ – das ist der Tenor der selbsternannten Experten in den sozialen Netzwerken. „Anti-demokratische Entgleisungen, verfassungswidrig, anti-flämisch!“, wettern sie. Wenn man so etwas liest, kann man sich eigentlich nur an den Kopf fassen.

Die Regierung Wilmès hat sich nur darauf konzentriert, das Land, so gut es ging, durch die Corona-Krise zu bringen. Und von einem Machtmissbrauch kann schon gar keine Rede sein. Hinzu kommt, dass die, die sich jetzt am lautesten aufregen, zweifellos die ersten wären, die wieder Schnappatmung bekommen würden, wenn es beim nächsten Nationalen Sicherheitsrat keine handlungsfähige Regierung gäbe. Der Grund für die Verlängerung für Wilmès ist die Quarantäne der Vorregierungsbildner. Und sicher nicht der Versuch, einen Staatsstreich zu verüben. Das soll natürlich nicht heißen, dass sich die Verhandlungsführer nicht trotzdem beeilen sollten, unterstreicht La Libre Belgique.

Das Problem mit dem politischen Hasardeur

Das GrenzEcho blickt ins Ausland: Diese Woche sind der Europäischen Union und ihren Mitgliedsstaaten zwei Probleme auf ziemlich brutale Weise wieder ins Bewusstsein gerufen worden. Auf Lesbos brannte ein Flüchtlingslager und rief der EU die Flüchtlings- beziehungsweise Migrationsthematik ins Gedächtnis. Und der Brexit wird wohl ein harter werden. Das Enfant terrible der Londoner Polit-Szene schickt sich an, das von ihm selbst unterzeichnete Abkommen in Teilen abzuändern. Immer mehr Menschen, selbst in der eigenen Partei, empfinden ihn zu Recht als einen politischen Hasardeur.

Aus EU-Sicht kommt die Nachricht über Johnsons Absichten zur Unzeit. Eigentlich müsste man in kürzester Zeit ein Kooperationsabkommen schnüren, um den intensiven Handel nicht unnötig zu belasten. Ob es jetzt noch dazu kommt, ist äußerst fraglich. Vor allem, weil immer deutlicher wird, dass Johnson ein solches Abkommen eigentlich nie wollte und mittlerweile klar ersichtlich um jeden Preis verhindern will, hält das GrenzEcho fest.

Boris Schmidt

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