Die Presseschau von Donnerstag, dem 13. August 2020

Die Zeitungen beschäftigen sich zunächst mit den europaweit steigenden Zahlen der Neuinfektionen. Während in Antwerpen die Corona-Maßnahmen gelockert werden, werden sie in Brüssel verschärft. Wobei einige Leitartikler glauben, dass Brüssel von Antwerpen lernen könnte. Einige plädieren schließlich noch für mehr Augenmaß.

Manneken Pis mit Maske

Das Brüsseler Wahrzeichen Manneken Pis mit Mundschutz (Illustrationsbild: Thierry Roge/Belga)

„Belgien ist nicht mehr der schlechte Schüler“, titelt Het Laatste Nieuws. Die Corona-Zahlen steigen inzwischen fast überall in Europa. In Belgien liegt die Zahl der Neuinfektionen zwar immer noch besonders hoch, inzwischen sieht man aber die steigende Tendenz so ein bisschen überall.

In Belgien scheint sich das Epizentrum zu verlagern. Het Nieuwsblad bringt es mit seiner Schlagzeile auf den Punkt: „Brüssel strenger, Antwerpen lockerer“. In der Provinz Antwerpen sind gestern ja einige Regeln abgemildert worden. Unter anderem gilt die nächtliche Ausgangssperre jetzt ab 1:30 Uhr und nicht mehr schon ab 22:30 Uhr. „Wir können erst mal wieder durchatmen“, so fasst Gazet van Antwerpen das Gefühl in der Scheldestadt zusammen. „Provinzgouverneurin Cathy Berx tritt die Flucht nach vorne an“, titelt seinerseits De Morgen. Demnach wollen die Verantwortlichen mit dieser Lockerung auch den Gerichtsklagen gegen die Maßnahmen den Wind aus den Segeln nehmen.

Eine späte, symbolische Maßnahme

In Brüssel wurden indes einige Schrauben angezogen: „In Brüssel sind jetzt Masken angesagt“, so die Schlagzeile auf Seite eins von Le Soir. Seit gestern gilt ja im gesamten Stadtgebiet eine Maskenpflicht; also einheitlich in allen 19 Gemeinden. Allerdings: Die Maskenpflicht in Brüssel ist längst nicht unumstritten“, bemerken La Libre Belgique und auch L’Echo. Für andere Zeitungen kommt die Maßnahme zu spät: „Brüssel hat eine Woche gewartet, bevor die nötigen Maßnahmen getroffen wurden“, schreibt etwa Het Nieuwsblad.

Abgesehen von den sanitären Zwängen ist die Brüsseler Maskenpflicht wohl auch eine symbolische Maßnahme, glaubt Le Soir. Hier geht es auch darum, der Welt zu zeigen, dass man in Brüssel nicht untätig bleibt. Brüssel steht ja als Hauptstadt nicht nur des Landes, sondern auch der Europäischen Union besonders unter Beobachtung. Über den Sinn und Zweck der Maskenpflicht kann man indes streiten. Ob Mundmasken im öffentlichen Raum unter freiem Himmel wirklich wirksam sind, darüber gibt es bislang keine gesicherten Erkenntnisse. Die Brüsseler Verantwortlichen haben sich hier wohl für das Prinzip Vorbeugung entschieden. In Ermangelung einer besseren Lösung wird Brüssel jetzt zum maskierten Seiltänzer.

Die Maskenpflicht als Feigenblatt

Die Maskenpflicht steht aber letztlich auch für ein Scheitern, glaubt L’Echo. Jede neue Zwangsmaßnahme bedeutet nämlich letztlich, dass die Situation doch schon wieder aus dem Ruder zu laufen droht. Das alles ist zudem nicht ohne Risiko. Erste Gefahr: Viele Menschen, vor allem in den nicht so stark getroffenen Gemeinden, könnten die Maßnahme als unbegründet empfinden, wodurch der Rückhalt schwindet. Zweitens: Es ist längst nicht sicher, dass Brüssel damit die steigende Zahl der Neuinfektionen in den Griff bekommt. Und drittens, damit verbunden: Welche Instrumente hätte man dann noch in der Hinterhand? Aus politischer Sicht kann sich das so anfühlen, als hätte man schon viele seiner Kugeln verschossen.

La Dernière Heure ist gar nicht gut auf die Maskenpflicht zu sprechen. Wieder mal werden alle bestraft, weil eine kleine Minderheit sich nicht an die Regeln hält. Das Ganze ist noch dazu ein Feigenblatt; damit soll letztlich nur vom Scheitern des bisherigen Ansatzes abgelenkt werden. Hier besteht auch eine Gefahr für die Zukunft: Drastische Maßnahmen können dazu missbraucht werden, den Eindruck zu erwecken, dass die Politik effiziente Arbeit leistet.

„Brüssel ist nicht Antwerpen“

Vor allem flämische Zeitungen fragen sich hingegen, ob das alles nicht zu wenig, zu spät ist. „Brüssel ist nicht Antwerpen“, so rechtfertigen Brüsseler Politiker ihre zögerliche Haltung. „Ist ‚Antwerpen sein‘ denn wirklich so schlimm?“, fragt sich Gazet Van Antwerpen. Zugegeben: Die Zahlen sind in der Scheldestadt einen Moment lang durch die Decke gegangen. Nur haben die Verantwortlichen dann sehr schnell dafür gesorgt, dass sehr präzise Zahlen produziert wurden, die die Entwicklung in den einzelnen Vierteln abbildeten. Brüssel könnte also mit Sicherheit von den Antwerpener Kollegen lernen. Etwa könnte man ebenfalls über eine nächtliche Ausgangssperre nachdenken. „Sind Sie verrückt?“, würde der Brüsseler da antworten. Und dann eben wieder: „Brüssel ist doch nicht Antwerpen“. Nur, nicht vergessen: Antwerpen hat letztlich die Lage in den Griff bekommen.

Es gibt da tatsächlich einen Unterschied, gibt Het Nieuwsblad zu bedenken. In Antwerpen wurden die drastischen Maßnahmen von der Provinzgouverneurin erlassen. Und Gouverneure werden nicht gewählt, im Gegensatz zu Bürgermeistern oder Ministerpräsidenten. Hier liegt letztlich auch ein großes Problem: Auch in diesen Corona-Zeiten werden viele Politiker eher durch die Angst vor dem Wähler gelenkt. Das hat sich letztlich auch beim Umgang mit den Ereignissen von Blankenberge gezeigt.

Mehr Augenmaß bei Corona-Maßnahmen!

Apropos: Einige Zeitungen blicken nachdenklich auf die letzten Tage zurück. Was am Wochenende in manchen Küstengemeinden passiert ist, das tut unserem Zusammenleben nicht gut, meint etwa das GrenzEcho. Die sinnlose Gewalt in Blankenberge braucht niemand. Man muss aber auch nicht gleich das Kind mit dem Bade ausschütten. Wenn jetzt auch noch Tagesausflüge ans Meer verboten oder unmöglich gemacht werden, dann muss man sich schon die Frage stellen, wann bei den Betroffenen die Sicherungen durchbrennen werden. Den Entscheidungsträgern ist zu wünschen, dass sie die sprichwörtliche Kirche im Dorf lassen. Denn die Maßnahmen treffen zu 99 Prozent nicht die Schuldigen, sondern die Normalbürger.

De Standaard sieht das genauso. Wegen der diversen Einschränkungen werden einige Belgier an diesem Wochenende auf die wohlverdiente Erholung verzichten müssen. Und das alles nur, weil einige Küstengemeinden nicht vorbereitet waren auf eine doch sehr vorhersehbare Situation. Die Antwort, das ist dann gleich Repression, Einschränkungen, Verbote. Haben wir wirklich nichts anderes in unserem Werkzeugkasten? Nicht vergessen: Wir werden noch lange mit dem Virus leben müssen. Natur und Erholung dürfen nicht zum Privileg einer gehobenen Klasse werden.

Roger Pint