Die Presseschau von Montag, dem 3. Februar 2020

Die Titelseiten und Leitartikel der Zeitungen drehen sich um zwei Themenkomplexe: Zum einen sind das natürlich das sich immer weiter ausbreitende Coronavirus und seine Begleiterscheinungen. Die Kommentatoren beschäftigen sich aber auch ausführlich mit der unendlichen Geschichte der Regierungssuche auf föderaler Ebene.

Endlich zuhause - beziehungsweise im Militärkrankenhaus Königin Astrid (Bild: Paul-Henri Verlooy/Belga)

Endlich zuhause - beziehungsweise im Militärkrankenhaus Königin Astrid (Bild: Paul-Henri Verlooy/Belga)

„Endlich zuhause!“, titelt Het Laatste Nieuws. „Die Belgier aus China müssen noch zwei Wochen in Quarantäne“, schreibt De Morgen auf Seite eins. „Belgische Wuhan-Rückkehrer in Brüssel unter Quarantäne“, so die Schlagzeile des GrenzEchos.

Das Coronavirus greift immer weiter um sich. Vor allem in China steigt die Zahl der Toten und der Infizierten immer schneller an. Zumindest scheint das aus Zahlen hervorzugehen, die die chinesischen Behörden veröffentlichen. Es gibt aber auch ein kleines belgisches Kapitel: Am Abend landete am Militärflughafen Melsbroek ein Flugzeug, mit dem Europäer aus der chinesischen Stadt Wuhan evakuiert worden waren. Wuhan, das ist ja der wahrscheinliche Ursprungsort der neuartigen Lungenkrankheit und auch nach wie vor das Epizentrum.

An Bord der französischen Maschine waren auch zwölf Belgier. Genau genommen waren es neun belgische Staatsbürger und drei von deren Angehörigen. Sie wurden am Flughafen gleich von einem Ärzteteam in Empfang genommen. Nach einer ersten Untersuchung wurden sie in das Militärkrankenhaus von Neder-Over-Heembeek gebracht, wo sie jetzt zwei Wochen in einem isolierten Trakt unter Quarantäne verbringen müssen. Die Epidemie sorgt mehr und mehr für einen Hauch von Panik: „Es droht eine weltweite Rezession wegen des Coronavirus“, schreibt Het Belang van Limburg auf Seite eins.

„Coronavirus-Psychose“

Wir sehen hier eine epidemische Angst, die also um sich greift wie eine hochansteckende Krankheit, meint L’Avenir in seinem Leitartikel. Die Bilder aus dem chinesischen Seuchengebiet laufen inzwischen in Dauerschleife. Mit den dazugehörigen Zahlen: immer mehr Todesopfer, immer mehr Infizierte, inzwischen in rund 20 Ländern auf der Welt. Objektiv betrachtet gibt es aber keinen Grund zur Panik. Erst einmal kann man nur feststellen, dass es bislang „nur“ rund 300 Tote gegeben hat. „Nur“ in Anführungszeichen, denn gemessen an den 7,5 Milliarden Menschen auf der Welt ist das quasi nichts. In Belgien erkranken jährlich 500.000 Menschen an der Grippe, davon sterben rund 1.000. Da sind wir schon in ganz anderen Dimensionen. Klar: Vorsicht ist besser als Nachsicht. Dass auf allen Kanälen die Evakuierungen aus China gezeigt werden, sorgt eigentlich nur dafür, dass den Menschen eher Angst gemacht wird, als sie zu beruhigen.

Gazet van Antwerpen beschäftigt sich mit einem anderen Aspekt der Geschichte: eine fast schon „Coronavirus-Psychose“. Auch in Belgien werden hier lebende Chinesen gebrandmarkt. Chinesische Geschäfte und Restaurants werden gemieden. Im Antwerpener Chinesenviertel wurde bis zu 60 Prozent weniger Umsatz verzeichnet. Die Antwerpener Chinesen haben Angst, meint das Blatt in seinem Leitartikel. Zwar ist es in der Scheldestadt bislang noch ruhig geblieben. In den Niederlanden oder auch in anderen Ländern sind Chinesen schon auf offener Straße angefeindet worden. Das zeigt nur, vor welch großen Herausforderungen uns das Virus als Gesellschaft stellt. Es geht um mehr als nur den medizinischen oder logistischen Aspekt.

„Kamikaze-Mission“

Einige Zeitungen kommen noch einmal zurück auf die innenpolitischen Ereignisse von Freitagabend. König Philippe hatte ja ziemlich überraschend die beiden bisherigen Informatoren Joachim Coens und Georges-Louis Bouchez von ihrer Mission entbunden, im Anschluss wurde der CD&V-Spitzenpolitiker Koen Geens in die Arena geschickt. Das hat offenbar viele Akteure überrascht: „Wie der König unerwartet alle Parteien auf dem falschen Fuß erwischte“, so die Aufmachergeschichte von De Standaard. „Warum der König Bart De Wever außen vor gelassen hat“, schreibt La Libre Belgique. Alle Zeitungen sind sich jedenfalls einig, dass Koen Geens vor einer fast unlösbaren Aufgabe steht. La Dernière Heure spricht von einer „Kamikaze-Mission“.

De Standaard beschäftigt sich in seinem Leitartikel zunächst mit der Entscheidung an sich. König Philippe hat hier offensichtlich seinen Handlungsspielraum ausgereizt. Im Gegensatz zu vielen anderen Ländern hat der König hier ja noch ein gewisses Initiativrecht. Er ist nicht nur da für die Galerie. Philippe hat im vorliegenden Fall ein gesundes Maß an Schneid an den Tag gelegt. Damit tritt er eigentlich in die Fußstapfen seines Onkels, König Baudouin. In jedem Fall hat er die Parteien überrascht, und das ist noch harmlos ausgedrückt. Die Kreativität des Palastes unterstreicht aber nur den Ernst der Lage.

Koen Geens, das ist wohl einer der letzten, wenn nicht die letzte Trumpfkarte des Palasts, glaubt La Libre Belgique. Sollte auch Koen Geens scheitern, dann stehen die Zeichen wohl definitiv auf Neuwahlen. Ihm beziehungsweise seiner Partei, der CD&V, kommt mehr denn je die Rolle des Königsmachers zu. Es sind die flämischen Christdemokraten, die am Ende darüber entscheiden, ob sich die Waage nun Richtung Lila-Gelb senkt, oder in Richtung einer „Vivaldi“-Koalition ohne die N-VA.

Die Frage ist allerdings immer noch die gleiche wie im Mai 2019: Können die flämischen Nationalisten und die frankophonen Sozialisten unter einen Hut gebracht werden? Die Antwort scheint doch längst klar zu sein. PS-Präsident Paul Magnette hat es schon gewispert, gehaucht, geflüstert, gesagt, wiederholt, erklärt, skandiert, bekräftigt und am Ende fast gebrüllt: Nein, die PS wird nicht mit der N-VA zusammenarbeiten! Wenn Koen Geens das jetzt auch noch einmal feststellt, dann kann er vielleicht auch seine Partei davon überzeugen, dass das eine Sackgasse ist.

Die Gefahr des „Flexit“

De Morgen versteht die flämischen Parteien nicht. PS-Chef Paul Magnette hat vor einigen Tagen die Pläne der N-VA über die Zukunft des Landes enthüllt: Konföderalismus im Jahr 2024, eine Aufspaltung der SNCB und der Justiz. Die Frankophonen sind doch wohl nicht die einzigen, die mit diesen Ideen nicht einverstanden sein sollten.

Die CD&V macht einen Fehler, glaubt Het Laatste Nieuws: Sie glaubt, dass sie noch etwas zu verlieren hat. So, wie sie jetzt unterwegs ist, riskiert die CD&V allenfalls noch den Sturz in die Bedeutungslosigkeit.

Le Soir warnt seinerseits vor Neuwahlen. Die innenpolitische Situation enthält alle wichtigen Zutaten, die in Großbritannien zum Brexit-Votum geführt haben: Unzufriedenheit mit der politischen Klasse, ein Sündenbock, im vorliegenden Fall sind das die Wallonen, eine gut geölte Propagandamaschine im Internet, wo ja N-VA und Vlaams Belang sehr aktiv sind, und ein populistisches Projekt mit Namen Konföderalismus, über dessen Umsetzbarkeit man leidenschaftlich streiten kann. Wer einen „Flexit“, also einen flämischen Exit, verhindern will, der muss schnellstens einen Gegenentwurf präsentieren, was die Brexit-Gegner auf der Insel versäumt haben. Es ist höchste Zeit!

Roger Pint

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