Die Presseschau von Mittwoch, dem 15. Januar 2020

Am Mittwoch steht König Fußball im Mittelpunkt. Dabei geht es jedoch ausnahmsweise nicht um sportliche Leistungen, sondern um eine drastische Neuordnung bei der Führungsspitze des RSC Anderlecht. Kommt jetzt die Rettung, fragen sich die Zeitungen. Einige Zeitungen blicken zurück: Vor fünf Jahren wurde die Vervierser Zelle ausgehoben.

Karel Van Eetvelt ist der neue Geschäftsführer des RSC Anderlecht (Bild: Eric Lalmand/Belga)

Karel Van Eetvelt ist der neue Geschäftsführer des RSC Anderlecht (Bild: Eric Lalmand/Belga)

„Noch eine Revolution in Anderlecht“, titelt La Dernière Heure. De Standaard und Le Soir gebrauchen einen etwas anderen Begriff „Palastrevolution beim RSC Anderlecht“. L’Echo bringt eine beißende Schlagzeile: „Panikfußball, um den RSC Anderlecht wiederaufzurichten“.

Marc Coucke, der Besitzer und Präsident des Rekordlandesmeisters RSC Anderlecht, hat am Dienstag eine drastische Neuordnung der Führungsspitze des Fußballclubs bekannt gegeben. Die Nachricht schlug regelrecht wie eine Bombe ein, da gleich eine ganze Reihe von klangvollen Namen gefallen ist. Der flämische Sport- und Medienmagnat Wouter Vandenhaute wird Berater. Der in Flandern allseits bekannte Patrick Lefevere, Manager des enorm erfolgreichen Radsport-Teams Deceuninck – Quick Step, bekommt einen Sitz im Aufsichtsrat, ebenso wie der Brüsseler PS-Bürgermeister Philippe Close.

Hauptgeschäftsführer wird Karel Van Eetvelt. Auch das ist ein bekanntes Gesicht. Jahrelang war Van Eetvelt Chef des flämischen Selbständigenverbandes Unizo. In dieser Eigenschaft gehörte er zur so genannten Zehner-Gruppe, also den Vertretern der zehn wichtigsten Arbeitgeberverbände und Gewerkschaften, die maßgeblich den sozialen Dialog bestimmen. Zuletzt war Van Eetvelt Hauptverantwortlicher des Banken- und Finanzverbandes Febelfin. Im Gespräch war er sogar als möglicher neuer Vorsitzender der flämischen Christdemokraten CD&V.

Starensemble… aber nur für den Spielfeldrand

„Ist er der Retter?“, fragt sich Het Laatste Nieuws auf seiner Titelseite. Fakt ist: Der Rekordlandesmeister steckt in der Misere. Sportlich, aber auch finanziell. „Van Eetvelts erste Mission: das Schuldenloch stopfen“, so die Schlagzeile von De Morgen. „Karel van Eetvelt und das Geschäftsnetzwerk von Marc Coucke sollen Anderlecht retten“, schreibt De Tijd auf Seite eins. Andere sehen die Equipe als Ganzes: „Die Rettungsmannschaft von Anderlecht“, so formuliert es Het Belang van Limburg. „Es ist ein Starensemble“, schreibt Het Nieuwsblad. „Allerdings nur für den Spielfeldrand“, fügt das Blatt in Klammern hinzu.

Genau da liegt für einige Leitartikler der Hase im Pfeffer. „Wir haben größere Namen in der Direktion als auf dem Platz“, zitiert La Dernière Heure einen nicht genannten Ex-Anderlecht-Spieler. Und der Mann hat recht, meint das Blatt. In der Führungsetage befindet sich inzwischen fast schon das Who’s who der belgischen Sportwelt. Und man darf sich fragen, ob all diese Alphatiere auch miteinander funktionieren können. Aber gut, gehen wir mal davon aus, dass sich Coucke das Ganze gut überlegt hat. Nur sollte man in der Zwischenzeit nicht vergessen, auch die Mannschaft zu verstärken. Titel und Trophäen gewinnt man auf den Platz, nicht im Versammlungsraum.

Ein Fußballfan ist noch längst kein Fußballexperte

Sogar die Wirtschaftszeitung L’Echo argumentiert in diese Richtung. Klar: Fußball ist längst ein Millionen Business. Da kann man schon mal schnell vergessen, dass die finanziellen Zahlen nicht alles sind. Ein Fußballclub hat auch eine Seele, Werte, die nicht nur für die Fans, sondern auch für einige Spieler im Mittelpunkt stehen. Selbst wenn die neue Führungsequipe den Club finanziell auf Vordermann bringt, wird allein das bei den Fans nicht Euphorie hervorrufen. Das ist nicht deren Sprache. Deren Welt, das ist der Platz. Und auf dem Platz regiert nicht immer die Logik. Die Frage ist, ob Marc Coucke eben diesen Platz ausreichend im Blick hat.

Het Laatste Nieuws sieht das ähnlich: Anderlecht muss vor allem einen besseren Fußball spielen. Können Leute wie Van Eetvelt und Vandenhaute dafür das Fundament legen? Sie sind in ihrem Bereich Profis, Fußballfans, aber keine Fußballexperten.

„Trial and error“ geht jetzt nicht mehr

Beim RSC Anderlecht scheint der Zauberstab zu regieren, giftet Het Belang van Limburg. Präsident Marc Coucke funktionierte bislang nach dem Prinzip „Trial and error“: Man testet eine Personalie, und wenn’s nicht klappt, dann zaubert man eine andere aus dem Hut. Der Club erinnerte fast schon an eine Zeitarbeitsklitsche. Jetzt ist der Kredit aber langsam aufgebraucht. Viele Irrtümer kann man sich nicht mehr erlauben. Wenn die neue Führungsspitze dem Verein nicht neues Leben einhauchen kann, und sich die sportlichen Erfolge jetzt nicht einstellen, dann muss Marc Coucke seine Konsequenzen ziehen. Die Fans wollen jetzt keine weiße Kaninchen mehr sehen, die aus einem Zauberhut hüpfen, sondern Trophäen.

Ganz andere Geschichte auf Seite eins von La Libre Belgique: „Bald gibt es mehr als eine Million Firmenwagen in Belgien“. Trotz diverser, auch neuer Alternativangebote lässt der Belgier also seinen Firmenwagen nicht los. Die Aufmachergeschichte von Le Soir scheint dem aber doch ein bisschen zu widersprechen: „Es war ein Rekordjahr für die SNCB“, schreibt das Blatt. Im vergangenen Jahr hat die Staatsbahn mehr als 250 Millionen Reisende befördert. Das entspricht einem Plus von mehr als zehn Prozent innerhalb der letzten drei Jahre.

Einen klaren Kopf bewahren!

L’Avenir und das GrenzEcho blicken ihrerseits fünf Jahre zurück: „2015 – Der Tag, an dem der Terrorismus plötzlich vor unserer Haustür stand“, schreiben beide Blätter. Am 15. Januar 2015 wurde die Terrorzelle von Verviers ausgehoben. Wie sich herausstellen sollte, hatten die Vervierser Terroristen direkte Verbindungen zu der Gruppe, die später in Paris und Brüssel zugeschlagen hat.

An jenem 15. Januar 2015 wussten wir wohl noch nicht, welch dunkle Ära da gerade angebrochen war, bemerkt L’Avenir. Hatten wir die ersten Warnungen in den Wind geschlagen? Am 24. Mai 2014 hatte Mehdi Nemmouche im Jüdischen Museum vier Menschen getötet. Wie wir jetzt wissen, waren diese Ereignisse der grausige Auftakt für eine Terrorwelle, die ganz Europa überzogen hat. Und man sollte nicht glauben, dass der IS jetzt tot und begraben wäre. Wir dürfen die Bedrohung nicht vergessen. Sie ist wahrscheinlich hinterhältiger geworden. Wir dürfen sie aber auch nicht überbewerten, sondern müssen eigentlich einen klaren Kopf bewahren.

Roger Pint

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